Biografisches

Eine Betrachtung von Leben, Werk und Nachlass zum 90. Geburtstag von Gerenot Richter | von Michaela Gericke […]
Der Baum ist ein universelles Symbol in vielen Kulturen. Um diese Symbolik zu begreifen, muss man die Bäume sehen und erleben im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. Richter hat das immer wieder bei seinen Aufenthalten in der Natur getan. Still stehen sie, in der Erde verwurzelt, voller Leben, immerfort wachsend, mit allen Elementen in Verbindung stehend […]
Es sind keineswegs bloße Stadtveduten, wenngleich Gerenot Richter bei seinen Berlinansichten weitgehende topographische Treue bewahrt hat. Ihm ging es also nicht nur um die Physiognomie, sondern auch um den Charakter und die Biografie eines Architekturkomplexes […]
Eine große Ehrfurcht vor künstlerischen Leistungen verband sich bei ihm mit der Suche nach festen Werten und dem Bestreben, vorhandene Kunsterfahrungen zu begreifen, zu bewahren und weiterzutragen. Mit den Bezügen auf Kunstwerke voraufgegangener Jahrhunderte hat er Zeitenlauf und eine geschichtliche Dimension angedeutet […]
Mitte der 1970er Jahre hatte Gerenot Richter seine Kunstkonzeption ausgebildet. Alles, was er vordem geschaffen hatte, war, an Späterem gemessen, nur Erkundung von Gestaltungsmöglichkeiten und Suchen einer ihm gemäßen Ausdrucksweise […]
Die Bilderwelt, die er uns hinterlassen hat, enthält vieles: beglückende Blumenstücke, zerfahrene Wege, die in begrenzte Tiefe führen und immer wieder Bäume, lebenstrotzende, versehrte und verendete. Architektur finden wir in ihr, Lobgesänge auf kunstsinnige Baumeister […]
Wer die grafischen Lehrräume in der Burgstraße 26 betrat, wurde einfühlsam an den Umgang mit Materialien, Werkzeugen uns die Bedienung der Handpressen herangeführt. Professor Richters kundige Demonstration der grafischen Arbeitsprozesse hat dazu ermutigt, die Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks in der Radierung und Lithograpie zu erproben. Es war ein bezwingendes Erlebnis, wenn man dem tätigen Künstler Gerenot Richter bei seiner eigenen Druckarbeit zuschauen konnte […]
Mehr als zehn Jahre hindurch betreute Gerenot Richter was zum Besten der Jungen Welt zu rechnen ist, die hauseigenen Grafik-Serien, und leicht gemacht wurde es weder ihm, dem Berater und Gutachter, noch den Künstlern und Redakteuren […]
Dürer konnte immer mal einen Probedruck machen und sich auf das bereits Gestochene einstellen. Ich muss mich bis zum Ätzen gedulden, 14 Ätzstufen von 30 Sekunden bis 28 Minuten. Vorher ist das Ganze nur ein einziger Flimmerhau­fen – die radierten Linien, alle mit der feinen Nadel gezogen, blinkern im seidenglänzenden Ätzgrund, blenden und geben nie einen endgültigen Eindruck […]
Auffallend ist sein Wunsch, nicht aufzufallen. Besonnenheit und Agilität – ein seltener Kontrast – vereinen sich bei ihm in glücklicher Weise. Seine Bescheidenheit und Scheu sind echt. Sie paaren sich mit dem Sinn fürs Praktische und Nützliche … Der Text von Roland Berger gibt Aufschluss über die Persönlichkeit des Künstlers und Hochschullehrers Gerenot Richter […]
Die Wälder sehen wüst aus. Ganze Hügel sind vom Wirbelsturm entblößt. Hundertjährige wurden geknickt wie Streichhölzer. Auf manchen Stücken sieht es aus, wie man sich Schlachtfelder vorstellt oder wie man sie aus Filmen kennt […]
… leider verliere ich zur Literatur immer mehr die Beziehung, weil mir die Zeit ‚zwischen den Fingern‘ zerrinnt. In den letzten Wochen habe ich kaum etwas geschafft, was wichtig war. Alles bezog sich nur auf Leitungstätigkeit … Diese Belastung macht äußerst nervös, zumal, wenn man unmittelbar in einer neuen künstlerischen Arbeit steckt (hätte man noch nicht eine neue Platte in Bearbeitung, wäre alles halb so schlimm – jetzt aber, mitten in einem neuen Projekt, was noch Wochen kosten wird, ist jede Abhaltung schmerzlich […]
Bei meinen Arbeiten an zwei kleinen Ätzungen habe ich mich etwas intensiver … mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten" beschäftigt. … Ich hatte Vivaldi nur so gehört, mehrere Male, ohne Texteinführung. Die musikalischen Gedanken, Wendungen, Verwandlungen etc. haben vielerlei Gefühle und Erinnerungen an andere Werke anderer Musiker erzeugt […]