Neue Ausstellung mit Werken des Grafikers Gerenot Richter am 12.12.2023 im Otto-Dix-Haus in Gera eröffnet

Lesen Sie hier einen Auszug aus der Ankündigung zur Ausstellung:

«Gerenot Richter war ein wahrer Meister des Tiefdrucks, mit Akribie lotete er die Wirkung der verschiedenen technischen Varianten – Radierung, Aquatinta, Kaltnadel, Flächen- und Strichätzung – aus. Die präzisen Linien und Flächen seiner Druckgrafiken lassen Strukturen von fast haptischer Textur erstehen, welche die überquellend-wuchernde Detailfreude des Künstlers bezeugen.

Seine Bildfindungen sind stets an der Natur orientiert und dem Gegenstand verhaftet. Gleichzeitig verwob er in ihnen häufig kunsthistorische Zitate von ihm verehrter Meister – neben Albrecht Dürer oder Pieter Breughel unter anderem auch von Otto Dix. Diese raffinierten Kompositionen mit ihren metaphorischen oder allegorischen Anspielungen erschaffen weitere Bildebenen, die es zu entdecken gilt. Richters Arbeiten kreisen um Werden und Vergehen, Endlichkeit und Zeitlosigkeit, die Gefährdung der Natur und die Verantwortung des Menschen. Dies kommt insbesondere in der Serie „Nach dem Sturm“ zum Ausdruck, die angesichts der bedrohlicher werdenden Klimakrise aktueller denn je wirkt.

Diese Ausstellung präsentiert neben einer Auswahl von Werken aus dem Bestand der Kunstsammlung Handzeichnungen und Druckgrafiken, die die Familie Richter der Kunstsammlung Gera 2023 großzügigerweise übereignete.«

Die Ausstellung kann vom 12.12.2023 bis zum 26.05.2024 besucht werden.

Kunstsammlung / Otto-Dix-Haus
Mohrenplatz 4
07548 Gera

Die Sammlung im Otto-Dix-Haus Gera

Das Otto-Dix-Haus in Gera

Kritik zur Ausstellung aus der Ostthüringer Zeitung Ausgabe Nr. 289


Wanderausstellung im Bürgerzentrum Herzberg

Am 6. Dezember 2023 um 10 Uhr öffnet die Wanderausstellung des Vereins Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg e.V. im Bürgerzentrum Herzberg ihre Pforten. Sie ist bereits seit 2019 im Land Brandenburg unterwegs und wird bisweilen von Werken eines Künstlers der Region begleitet, dessen Verzeichnis sich bereits in der Online-Datenbank des Vereins befindet.

Im Jahr 2024 wird die Jahresausstellung im Potsdamer Landtag mit dem Titel: „(K)ein Kernbestandsdepot für Künstlernachlässe im Land Brandenburg“ gezeigt. Der Verein will damit deutlich machen, dass es ihm nicht allein um die Bewahrung der regionalen Kunst als digital verfügbare Datenbank geht. Mit einem Kernbestandsdepot sollen darüber hinaus die wichtigsten Werke von regionalen Künstlern für spätere Generationen bewahrt bleiben.

Ausstellungsort: Bürgerzentrum Herzberg, Uferstraße 6 in 04916 Herzberg (Elster)

Seit 2015 wurde vom Verein schon viel geleistet

Die Arbeit von Künstlernachlässe e.V. begann im Februar 2015. Inzwischen gehören zum Verein 57 aktive Mitglieder sowie ein Ehrenmitglied. In der Online-Datenbank des Vereins befinden sich laut Angaben auf der Website inzwischen 32 Nachlass- und Werkverzeichnisse von 29 Künstlern.

Dieses Ergebnis ist vor allem den beiden Fachberatern des Vereins, Dr. Liane Burkhardt und Thomas Kumlehn, zu verdanken. Einen wichtigen Beitrag leisten zudem die Jahres-Förderung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg (MWFK) – seit 2016 bewilligt – und private Spender.

Zum Erhalt und zur Pflege des künstlerischen Nachlasses von Gerenot Richter hat sich die Familie des Künstlers entschlossen, 2023 dem Verein beizutreten. Im kommenden Jahr wird sie ein „Nachlassverzeichnis Druckgrafik und Handzeichnungen“ zu Gerenot Richter erstellen und in die Datenbank des Vereins eintragen.


Verein Private Künstlernachlässe im Land Brandenburg e.V.
Charlottenstr. 121 | D - 14467 Potsdam
Mitglied im Bundesverband Künstlernachlässe e.V. sowie Mitglied im Museumsverband Land Brandenburg


Am Sonntag, den 12. November 2023 von 11 bis 17 Uhr mit Bildender Kunst aus der DDR und Ostdeutschland

Veranstaltungsort:
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Jägerstr. 22/23, 10117 Berlin (am Gendarmenmarkt)

Vorbesichtigung:
24.10. bis 10.11.2023 in der Galerie der Berliner Graphikpresse, Am Falkenberg 25, 12524 Berlin
Öffnungszeiten:
Dienstag: 14:00 – 18:00 Uhr
Mittwoch: 13:00 – 18:30 Uhr
Donnerstag: 13:00 – 18:30 Uhr
Freitag: 14:00 – 20:00 Uhr
Samstag, 28.10.2023: 13:00 – 18:30 Uhr
Sonntag, 29.10.2023: 10:00 – 15:00 Uhr

Informationen für Bieter finden Sie hier.

Folgende Werke von Gerenot Richter können von der Berliner Graphikpresse erworben werden:

Burgk IV (Wehrgang)
Gleichnis II (Die Blinden)
Die neue Friedrichsbrücke (II)
Parkmauer
Torsi im Stadtpark
Torso (Buhnen), Auswahl aus insgesamt 12 Torsi im Zusammendruck

Nummer im Online-Katalog: 392 (verkauft)
Burgk IV (Wehrgang)
Radierung, Aquatinta, 1982, 202 x 286, sign., dat., bez. (H.c.), betitelt.
WV E. Richter II-166.
(7032) 150,00 €

Nummer im Online-Katalog: 393 (verkauft)
Zwölf Torsi
Zusammendruck von zwölf Radierplatten, 1982 / 1983, 240 x 155 (gesamte Darstellung), sign., dat. (82/83), num. (III/V), betitelt. Unter Passepartout montiert.
WV E. Richter II-172-176 und II 179-185.
Aufwendiger Druck in sehr gutem Zustand.
(5511) 140,00 €

Nummer im Online-Katalog: 394 (verkauft)
Gleichnis II (Die Blinden)
Radierung in Braunschwarz, Aquatinta auf Hahnemühle-Bütten, 1985, 483 x 632, sign., dat., num. (1/10), betitelt.
WV E. Richter II-222.
Erster Zustand dieser opulenten Radierung mit größerer Frauengruppe (im Vergleich zur späteren Fassung) hervorragend erhalten.
(7032) 500,00 €

Nummer im Online-Katalog: 395 (verkauft)
Die neue Friedrichsbrücke (II)
Radierung, Aquatinta, 1987, 210 x 241 (Papierformat: 500 x 378), sign., dat., num. (1/20), verso: Nachlassstempel.
WV E. Richter II-261.
(7032) 210,00 €

Nummer im Online-Katalog: 396 (verkauft)
Parkmauer
Kaltnadel, 1988, 140 x 210 (Papierformat: 495 x 380), sign., dat., num. (III/V), betitelt, verso: Nachlassstempel.
WV E. Richter II-294.
(7032) 110,00 €

Nummer im Online-Katalog: 396 (aktuell noch im Nachverkauf erhältlich)
Torsi im Stadtpark
Kaltnadel, 1988, 150 x 205 (Papierformat: 503 x 378), sign., dat., num. (IV/VI), betitelt, verso: Nachlassstempel.
WV E. Richter II-289.
(7032) 80,00 €

Anlässlich der Versteigerung ist ein Online Katalog erschienen.

Hinweis: Die Künstlersuche in der Datei funktioniert nur, wenn man den Nachnamen zuerst angibt. 

Kontakt:

Sabine Ulber
Galerie der Berliner Graphikpresse
Am Falkenberg 25
12524 Berlin

Fon: 030 420 124 40
Fax: 030 499 620 56

Einladung zur Ausstellungseröffnung

20. Mai 2023 um 15 Uhr | Galerie im Neuen Rathaus

Templin bzw. der Altkreis Templin war schon in der Vergangenheit ein beliebtes Domizil für Künstlerinnen und Künstler. Auch heute siedeln sich kreative Menschen mit Vorliebe hier an, um in Ruhe zu arbeiten, sich auszuprobieren und in Kontakt zu kommen.

Der Kulturbund Brandenburg und der Kunstverein Templin wollen Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die einen besonderen Bezug zur Region haben, einem interessierten Publikum zugänglich machen sowie diese der Forschung zur Verfügung stellen und für zukünftige Generationen sichern.

Künstlerinnen und Künstler aus der Region haben den Kunstverein Templin 1993 gegründet. Heute zählt der Verein 155 Mitglieder. Zu seinen Arbeitsbereichen gehören eine Galerie, ein Archiv, eine Kunstschule, ein Kunstferienlager und das Kulturium.

Im Archiv des Kunstvereins befindet sich die Templiner Sammlung des ehemaligen Kulturbundes der DDR, der nach der Wende in 1990 in den Verein Kulturbund e.V. umgewandelt wurde. Darüber hinaus hat der Templiner Verein in den drei Jahrzehnten seines Bestehens eine eigene Sammlung zusammengetragen.

Mehr Infos unter: https://kunstverein-templin.de

Die Ausstellung des Kunstvereins Templin und der eigens zu diesem Anlass entstandene Katalog präsentieren eine Auswahl von Arbeiten aus dem Archiv. Zu den Künstlern, die in der Ausstellung zu sehen sein werden, zählt auch der Zeichner und Grafiker Gerenot Richter.

Galerie im Neuen Rathaus
Prenzlauer Allee 7
17268 Templin

Vernissage am 20. Mai 2023 um 15 Uhr
Begrüßung: Detlef Tabbert, Bürgermeister
Grußwort: Hinrich Enderlein, Vorsitzender Kulturbund Brandenburg
Musik: Detlef Klausch, Harfe

Öffnungszeiten der Ausstellung:
Mo: 8:00 – 16:30 Uhr
Di: 8:00 – 17:45 Uhr
Mi: 8:00 – 16:30 Uhr
Do: 8:00 – 16:30 Uhr
Fr: 8:00 – 12:00 Uhr

(weitere Öffnungszeiten nach telefonischer Absprache möglich)



Nachdrucke zur Werkschau

Die Gerenot Richter-Werkschau zum 90. Geburtstag des Künstlers im Jahr 2016 umfasste insgesamt sechs Ausstellungen. Bei den Eröffnungen in Berlin, Gransee-Dannenwalde, Fürstenwalde und Templin wurden verschiedene Kleingrafiken angeboten. Der Berliner Grafiker Helmut Müller, ein Weggefährte von Gerenot Richter, hat sie von den originalen Druckplatten aus dem Nachlass des Künstlers gedruckt.

Von den Nachdrucken zu den Ausstellungen und von der Vorzugsgrafik zum Katalog sind jeweils noch einige Exemplare vorhanden.

Bei Interesse schreiben Sie bitte unter dem Bereich Kontakt eine Mail unter Angabe von WV-Nr. und Titel der gewünschten Drucke. Desweiteren können Sie auch noch Exemplare vom Katalog erwerben.

Werkschau,
Vorzugsgrafik zum Katalog

WV II-110 Friedhofslinde auf Rügen, 1979,
Radierung, 6 x 7,5 cm

Werkschau, Kapitel 6: 
Berlin, Grafik Studio Galerie

Diese drei Grafiken wurden zum Verkauf angeboten:

WV II-104 Die Säule, 1979, Radierung und Aquatinta, 5 x 5,5 cm
WV II-211 Friedliche Kanone I, 1985, Radierung, 4 x 5 cm
WV II-212 Friedliche Kanone II, 1985, Radierung, 4 x 5 cm

Werkschau, Kapitel 5:
Templin, Galerie im Neuen Rathaus

Diese beiden Grafiken wurden zum Verkauf angeboten:

WV II-001 Köpfe, 1965, Radierung, 5 x 5 cm
Gerenot Richter, WV II-109 Finken / Röbel, 1979, Radierung, 7,5 x 5,5 cm

Werkschau, Kapitel 4:
Berlin, Galerie 100

Diese vier Grafiken wurden zum Verkauf angeboten:

WV II-163 Turm, 1982,
Flächen- und Strichätzung, 4,5 x 6 cm
WV II-175 Torso IV
(Strandgut), 1982,
Radierung, 4,5 x 3,5 cm
WV II-181 Torso VIII (Strandgut), 1983,
Radierung, 4,5 x 3,5 cm
WV II-183 Torso X
(Strandgut), 1983,
Radierung, 4,5 x 3,5 cm

Werkschau, Kapitel 3:
Berlin, Humboldt-Universität

Diese fünf Grafiken wurden zum Verkauf angeboten:

WV II-003 Friedrichshain, 1965,
Radierung, 10,5 x 14,5 cm
WV II-004 S-Bahnhof, 1965,
Radierung und Aquatinta, 10,5 x 14,5 cm
WV II-021 Spreebrücke mit Dampframme, 1968,
Radierung, 4,4 x 9,5 cm
WV II-090 Domengel, 1978,
Radierung und Aquatinta, 10,5 x 14 cm
WV II-161 Zerstörte Dächer, 1982,
Radierung, 4,5 x 3,5 cm

Werkschau, Kapitel 2:
Fürstenwalde, Domgalerie

Diese vier Grafiken wurden zum Verkauf angeboten:

WV II-080 Eva und Adam, 1978,
Radierung, 6 x 4 cm
WV II-111 Drei Elemente, 1979,
Radierung, 5,5 x 7 cm
WV II-200 Harmonie, 1984,
Radierung, 4 x 5 cm
II-284 A. Altdorfer zum 450. Todestag, 1988, Radierung, 5 x 4 cm

Werkschau, Kapitel 1:
Dannenwalde, Kirche am Weg | Rad-Wander-Kirche

Diese drei Grafiken wurden zum Verkauf angeboten:

WV II-120 Vernarbt - Verletzte Bäume VI, 1980,
Radierung, 5,5 x 4 cm
WV II-173 Torso II (Stubben), 1982,
Radierung, 4,5 x 3,5 cm
WV II-203 Felsen (Vier Riesen), 1984,
Radierung und Aquatinta, 5 x 4 cm

Neue Werke von Gerenot Richter im Bestand

Seit 2022 befinden sich insgesamt 27 weitere Arbeiten aus dem grafischen Œuvre von Gerenot Richter im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst. Die Werke wurden dem Museum auf der Basis einer Schenkungsvereinbarung übergeben. „Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst hat sich dazu verpflichtet, die ihm übereigneten Werke konservatorisch zu sichern und als museales Gut zu schützen. Die Schenkung kann weder als Konvolut, noch in Einzelteilen veräußert werden.“ (Auszug aus der Schenkungsvereinbarung mit der Familie des Künstlers)

Zu den an die Sammlung übergebenen Werken von Gerenot Richter gehören die Folgen „Nach dem Sturm“, „Gleichnisse“, „Alles verfault, was ohne Wurzeln ist. Jewtuschenko“ und „Berliner Mahnmale“.

Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst (BLMK) beherbergt die weltweit umfassendste, museale Sammlung von Kunst aus der DDR und den nachfolgenden künstlerischen Traditionslinien. Zum Bestand gehören über 42.000 Werke.

„Das BLMK ist 2017 aus der Fusion des dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus und des Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) hervorgegangen. An den zwei Standorten mit insgesamt drei Ausstellungshäusern werden gleichzeitig mehrere Präsentationen gezeigt. Das Ausstellungsprogramm ist eng an die Sammlung geknüpft – Kunst aus der DDR sowie daraus abgeleitete, ostdeutsche Traditionslinien werden dabei auf Augenhöhe mit national relevanten und international gesetzten, künstlerischen Positionen gezeigt. Hinzu kommt ein umfangreiches Rahmenprogramm aus Veranstaltungen und museumspädagogischen Aktivitäten.

Die Ausstellungsprogramme der beiden Standorte sind nicht identisch angelegt, folgen jedoch derselben Logik. Aus dem Verständnis der Sammlungsbestände als Ressource zielen die Aktivitäten des BLMK auf kunsthistorische Kontextualisierung, kritische Auseinandersetzungen mit der eigenen Genese sowie deren Inhalten ab.“ Auszug aus der Website des BLMK. Weitere Infos


Die Zukunft hat schon begonnen

Vom Leben in Industrielandschaften – Strukturen im Wandel.
Werke aus der Sammlung des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst (BLMK)

„Seit dem 19. Jahrhundert lebten die Bewohnerinnen und Bewohner der Lausitz mit und von der Braunkohle. Arbeit, das heißt hier und in vergleichbaren Gegenden Europas: Kohle fördern, Kohle verarbeiten, Kohle nutzen und als Kohlearbeiter gebraucht werden.“

Prof. Dr. Ulrike Liedtke
Präsidentin des Landtages Brandenburg

Vom Braunkohleabbau, seinen positiven und negativen Folgen für die Bewohner der Lausitz, zeichnen die Künstler in und aus der Region ein eindrucksvolles Bild. Das Landesmuseums für moderne Kunst zeigt in der Ausstellung Werke zum Thema aus seiner Sammlung, darunter Malerei, Grafik und Fotografie.

Gerenot Richter, der in den Fördergebieten in der Lausitz viele Handzeichnungen angefertigt und dann später in Berlin mit der Radiernadel grafisch umgesetzt hat, ist in der Ausstellung vertreten.

Wie kam es dazu, dass er dem Braunkohleabbau in seinen Arbeiten so viel Raum schenkte? Zunächst waren es ja nur von ihm begleitete studentische Arbeitseinsätze – sie führten ihnen schon seit etwa 1960 in die Lausitz. Er kam intensiv mit der dortigen Landschaft und dem Tagebaugeschehen in Berührung. Künstler, Studenten und Kohlekumple nahmen einander wahr. Man akzeptierte sich, zeigte Interesse aneinander.

„Es entwickelte sich eine Patenschaftsbeziehung zwischen dem BKK „Glück auf“ in Knappenrode und dem Institut an der Humboldt-Universität Berlin. Die nun jährlich stattfindenden Plainairs in der Lausitz wurden zum festen Bestandteil des Kunsterzieherstudiums … Durch diese Praktika erreichte Richter eine besondere Vertrautheit mit der Landschaft… Vieles war Wiederbegegnung mit Vertrautem und ermöglichte ihm, die in der Zwischenzeit erfolgten Veränderungen der Landschaft wahrzunehmen. Durch den Braunkohleabbau war diese ständigen Bewegungen unterworfen. Straßen veränderten ihren Verlauf, Dörfer wurden weggebaggert, aber auch Neues entstand. Das „Werden und Vergehen“ – sein großes Thema – wurde ihm hier sozusagen real vorgeführt.“

Helmut Müller in seiner Laudatio zur Eröffnung einer Gerenot Richter Ausstellung in der „Galerie Helle Panke“, Berlin 2011

Die Ausstellung im Landtag Brandenburg widmet sich Fragen, die im Spannungsfeld des Wandels von (ökonomisierten) Landschaften und Arbeit als identitätsstiftende Faktoren entstehen. Parallel zur Ausstellung, die am 19. Januar 2022 eröffnet wurde, ist ein umfangreicher Katalog erschienen.

Abbildung: Gerenot Richter: WV II-072 Fossile Braunkohle, 1977


Kapitel 6 der Gerenot Richter-Werkschau


Aus der Laudatio von Ekkehard Richter zur Ausstellungseröffnung
am 31. März 2017 | Grafik Studio Galerie Berlin

Nach schon fünf vorangegangenen Kapiteln der Gerenot Richter Werkschau eröffnen wir heute mit „Friedliche Landschaften – Die Miniaturen“ das 6. und letzte Kapitel. Schön, dass Sie gekommen sind.

Der Grafik Studio Galerie Berlin, namentlich Lars und Ingolf Neumann und natürlich auch dem Kurator dieser Ausstellung, Helmut Müller, ist sehr zu danken, dass hier erstmalig die Möglichkeit geboten wird, allen Miniaturen von Gerenot Richter in einer Zusammenschau zu begegnen – einschließlich Zustandsdrucken und einigen nicht ins Werkverzeichnis aufgenommen Blättern.

Und noch jemand muss an dieser Stelle unbedingt genannt werden – Ingeborg Richter. Nicht nur diese Ausstellung, auch die gesamte Werkschau sowie die 15 früheren Retrospektiven seit 1991 wären undenkbar, ohne ihre in Liebe an das Werk ihres Mannes hingegebene Arbeit. Aus dieser Perspektive kann mann erahnen, welche Bedeutung ihre Begleitung und Unterstützung auch schon vor seinem Tod für das künstlerische Werk Gerenot Richters gehabt haben muss – und natürlich nicht nur für sein Werk.

„Friedliche Landschaften“ – Die Miniaturen

Den Miniaturen kann man etwa 110 der fast 400 dokumentierten druckgrafischen Arbeiten von Gerenot Richter zuordnen. Allein anhand der Zahl wird deutlich, welch gewichtigen Platz sie in seinem Werk einnehmen. Manche entstanden gewissermaßen als „Erholungsstücke“ neben oder zwischen den großformatigen, zeitaufwändigen Ätzradierungen. Zum Teil sind sie Vorstufe, Ergänzung oder Nachklang zu den großen Blättern und mit diesen in Sujet und Gestaltung vielfältig verbunden. Die Kleinste, eine Radierung aus dem Jahr 1982, misst nur 2 x 2 cm. Sie trägt denTitel „Baumdebatte“ und war gewiß als Kuriosum gedacht. Zur Betrachtung empfiehlt sich unbedingt die ausgelegte Lupe.

Das Gros der Miniaturen bewegt sich im Bereich von 5 x 4 cm. Jedoch auch hier ist man gut beraten, sich mit Muße in diese Bilder zu vertiefen, denn was sie an eingewebten Gedanken dem flüchtigen Blick verwehren, geben sie einer meditativen Annäherung bereitwillig preis. Bei etwa 70 Blättern handelt es sich um Landschafts- und Stadtminiaturen. Mehr als 40 von ihnen hat Gerenot Richter bereits bei ihrer Entstehung als Folgen konzipiert oder später zu solchen zusammengefasst. Daneben gibt es noch eine fünfzehnblättrige Blumenfolge sowie etwa 25 weitere singuläre Blätter.

„Verletzte Bäume I - VI“ und „Friedliche Landschaften“

Die Folge „Verletzte Bäume I - VI“ (1979/80) gehört zum Themenkreis von Kapitel I der Werkschau, mit der großformatigen Folge „Nach dem Sturm“ als Namensgeber und Kristallisationspunkt. Die Miniaturenfolge bereitet schon vor, was dann mit der „Sturm“-Folge dramatische Steigerung und glänzenden Höhepunkt erfährt. Das Thema „Verletzte Bäume“ wird zwei Jahre später mit der Folge „Torsi I - XII (1982/83) wiederholt und erweitert. Zudem lassen sich die „Torsi“ als teils elegische, teils tröstliche Reprise zur „Sturm“-Folge verstehen.

Die „Verletzten Bäume“ wie auch die „Torsi“ stellt Gerenot Richter als Einzelwesen dar. Er gräbt Geschichte in sie ein und präsentiert sie in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen. So können sie als Chiffren für individuelles Leben und Sterben begriffen werden. Zeitlich zwischen den schon genannten Folgen steht die für unsere Ausstellung titelgebende Folge: „Friedliche Landschaften I - VI“ (1980). Man kann sie als eine Art Gegenstück zu diesen verstehen. Darauf deuten auch die verwendeten gestalterischen Mittel hin.

Bei den „Friedlichen Landschaften“ ging Gerenot Richter nicht von vor der Natur entstandenen Skizzen, sondern von zufälligen Flächenätzungen aus. Diese wurden dann mittels der Strichätzung weiter ausgedeutet. Dabei entstanden heitere, den Eindruck von Harmonie vermittelnde Landschaftsdichtungen. In ihnen werden die Experimentierfreude, die Spiellust und der Humor des Künstlers sichtbar, die sich bei den Miniaturen auch insgesamt häufiger Bahn brechen, als bei seinen großen, die existenziellen Fragen berührenden Hauptwerken.

Die „Burgker Miniaturen I - V“

Die Folge der „Burgker Miniaturen I - V“ entstand 1981 als Ergebnis eines Studienaufenthalts von Gerenot Richter auf Schloß Burgk. Eingeladen hatte ihn Lothar Lang, der zu dieser Zeit Direktor des Museums Schloss Burg war und als „Papst“ der Kunstkritik in der DDR galt. Ingeborg Richter, die ihren Mann begleitete, erinnert sich, dass er während der ganzen Zeit des Aufenthalts wie ein Besessener gezeichnet habe, beinahe jede Stunde des Tageslichts nutzend. Ebenfalls Reminiszenz an den Burgker Studienaufenthalt ist vermutlich die Miniatur „Stilleben mit Zugbrücke“ (1982, WV 2-162). Deshalb wird sie hier in der Ausstellung mit im selben Rahmen gezeigt. Die Burgker Miniaturen stehen zudem in Verbindung mit einer Folge fünf weiterer, erheblich größerer Aquatinta-Radierungen (21 x 29 cm), die ebenfalls Gebäude und Umgebung von Schloss Burgk zeigen.

„Blüten aus Knollen und Zwiebeln“

Nicht zu den Landschafts- und Stadtminiaturen gehört die Folge „Blüten aus Knollen und Zwiebeln“ (1986). Sie verdankt ihre Entstehung einem Auftrag von Elke Lang, die sich, dem damaligen Sammelschwerpunkt ihres Mannes entsprechend, ein Exlibris bestellte. Vermutlich bestimmte sie auch selbst das Sujet. Mit dem Ergebnis, einem Strauß unzähliger, von einer Schleife zusammengehaltener Feldblumen (Exlibris Elke Lang I, WV II-226), war sie aber nicht zufrieden.

An dieser Stelle kam ein Kunstdruck-Kalender aus dem damaligen „Westen“ ins Spiel, mit großformatigen Tafeln des 1613 erschienenen Prachtbandes „Hortus Eystettensis“ (zu Deutsch: Garten von Eichstätt), verfasst vom Apotheker, Botaniker, Sammler, Kupferstecher und Verleger Basilius Besler aus Nürnberg (1561-1629). Die ausgezeichneten historischen Kupferstiche müssen Gerenot Richter sehr fasziniert haben. Seine produktive Auseinandersetzung mit ihnen führte zur Entstehung von 14 frei nachempfundenen Blumenstücken sowie einem gleich großen Titelblatt. Die gewonnenen Erfahrungen nutzend, radierte der Künstler schließlich einen zweiten, diesmal sehr übersichtlichen Blumenstrauß. Den allerdings machte er nicht zum Exlibris, sondern deklarierte ihn als seinen Betrag zum 40. Jahrestag der Gründung der SED. In feiner, jedoch kaum verborgener Ironie, verpasste er der Schleife die Aufschrift: „Es lebe die Partei der Arbeiterklasse“. Solch botanische Miniatur von 6 x 4,5 Zentimetern entsprach wohl kaum dem, was die regierende „Partei der Arbeiterklasse“ zu diesem Anlass an künstlerischen Huldigungen erwartete. Als Exlibris II für Elke Lang musste dann – gespiegelt und auf der Schleife mit ihrem Namen versehen – das erste Blatt der Blumenfolge, die „Anemone“ herhalten.

„Albrecht Altdorfer zum 450. Todestag“

Von den Einzelminiaturen möchte ich das Blatt „Albrecht Altdorfer zum 450. Todestag“ etwas genauer vorstellen. Es gehört zu den Arbeiten, von denen mehrere gedruckte Fassungen überliefert sind, die hier in der Ausstellung auch gezeigt werden. So lässt sich ein Teil des Entstehungsprozesses dieser Miniatur nachvollziehen. Gerenot Richter hat sich über das Altdorfer gewidmete Blatt selbst geäußert. In einem Brief vom 13. April 1988 schreibt er an den Kunsthistoriker Matthias Mende in Nürnberg: „Bezüglich einer Bildidee zu A. A. habe ich das Maul doch zu voll genommen. Nun ist lediglich eine kleine ‚Verneigung‘ herausgekommen, wobei das Monogramm-Engelchen kopiert ist, die anderen Bildteile frei nachempfunden sind – nicht immer im Gegensinn.“ Vorlage für die „frei nachempfundenen Bildteile“ war Altdorfers „Berglandschaft mit Kopfweiden“, entstanden um 1511. Gegenüber der Vorlage hat Gerenot Richter die beiden Altdorferschen Weiden stärker in den Vordergrund gerückt. Altdorfers Monogramm – im Original als Täfelchen ziemlich unscheinbar an der rechten Weide hängend – ersetzte er links unten im Bild durch den oben erwähnten „Schutzgeist mit Monogramm“ (ca. 1520). Dabei hat er in den Fuß des Monogramms Altdorfers Sterbedatum 1538 integriert. Im Zuge der weiteren Überarbeitungen verschwand schließlich noch der Kopf der rechten Weide. Ihr Stamm geht nun organisch in die Krone eines zerzausten Nadelbaumes über, an eine von Gerenot Richters eigenen Schöpfungen erinnernd.

„Hommage à Georg Friedrich Kersting“

Beredtes Beispiel für Gerenot Richters Wertschätzung der Meister früherer Zeiten ist auch die „Hommage à Georg Friedrich Kersting (Die Stickering, 1812)“. Dieses als exemplarisch für die Interieurmalerei der Romantik geltende und vermutlich bekannteste Bild Kerstings zeigt eine Frau am Fenster sitzend, über einen Stickrahmen gebeugt. An der hinteren Wand des Zimmers steht ein Sofa, darüber hängt das Porträt eines jungen Mannes. Gerenot Richter schuf die Hommage im Zusammenhang mit seiner Personalausstellung 1988 im Kerstinghaus in Güstrow. Er zeigt in ihr zwar erkennbar das gleiche Zimmer (übrigens vertikal gespiegelt), aber mit gänzlich anderer Nutzung und dementsprechend stark veränderter Ausstattung. Vorm Fenster sitzt er selbst, natürlich nicht über einen Stickrahmen, sondern über eine Radierplatte gebeugt. Das Sofa bei Kersting ist durch eine Druckpresse ersetzt, an der Wand befindet sich ein Bord mit Druckutensilien, darüber an einer Leine sind Druckfilze zum Trocknen aufgehängt. Dieses Interieur lässt keine romantische Idylle wie in Kerstings Gemälde entstehen. Die Verbindung zur Vorlage wird jedoch durch das an der Wand hängende Bild unterstrichen. Es zeigt nämlich, zumindest mit der Lupe klar erkennbar, eine seitenrichtige Kopie des gesamten Gemäldes Kerstings.

Nur kurz hinweisen möchte ich auf ein paar sehr persönliche Blätter, darunter den mit dem Grabstein der Eltern des Künstlers und die Miniaturen, die er seinen Enkelkindern Katharina, Georg, Maria und Johanna anläßlich ihrer Geburt widmete. Sie sind hier in der Ausstellung teilweise ebenfalls in unterschiedlichen Fassungen zu sehen. Der jüngste Enkel Rudolf ging leer aus, denn als er im Sommer 1990 geboren wurde, hatte der Großvater die Radiernadel schon für immer aus der Hand gelegt. Immerhin kratze Gerenot Richter an der Uhr seines Vaters noch Rudolfs Namen und Geburtsdatum mit der Radiernadel in die Innenseite des Uhrdeckels. Lange zuvor hatte er dort schon neben den Daten seines Vaters, seine eigenen und die seines Sohnes eingraviert.

„Exlibris [für] Jan de Maere“

Für ein letztes Blatt will ich Ihre Geduld noch in Anspruch nehmen – ein richtiges Kabinettstück, das uns einige Rätsel aufgibt. Sie finden es auch auf der Einladungskarte. Es ist das „Exlibris [für] Jan de Maere“ (1987), den Brüssler Galeristen, der Gerenot Richter 1986/87 insgesamt dreimal in Belgien ausstellte. Diese Miniatur zeigt in altmeisterlicher Art drei Figuren. Das Arrangement erinnert mich ein bisschen an Dürer, etwa an seine „drei Bauern im Gespräch“ um 1497.

Aber eine reine Dürer-Adaption kann es kaum sein, denn die linke Figur, ein Mann im langen Gehrock und mit Hut, der uns den Rücken zuwendet, kennen wir ja schon von dem Richter’schen Blatt, das die Vorlage für das Ausstellungsplakat lieferte und im Original hier hinter mir hängt. Es trägt den Titel „Manneken Pis (Antwerpen)“ und weist damit auf eine Serie von 12 Tafelbildern zu niederländischen Sprichwörtern hin. Sie wurden von Pieter Brueghel dem Älteren geschaffen (1558) und befinden sich heute im Museum Mayer van den Bergh in Antwerpen. Das auf der zitierten Tafel dargestellte Sprichwort heißt „Gegen den Mond pissen“, was so viel bedeuten soll wie: bei einem unmöglichen Unterfangen scheitern. Mit dieser Information im Kopf entdeckt man unschwer den Urinstrahl, der von dem Hutträger ausgeht und in steilem Bogen zwischen den Füßen seines Gegenübers endet. Dieser, ein etwas beleibter Mann, in pludrigen Hosen, mit einer Pfeife im Mund und einer turbanähnlichen Kopfbedeckung, lenkt mit der rechten Hand seinerseits einen Urinstrahl zwischen die Füße des linken Mannes. Beide Strahlen kreuzen sich wie die Degen beim Duell. Sollte die Frau im Hintergrund etwa die Begleiterin und Sekundantin des Turbanträgers sein oder aber die Schiedsrichterin eines ungewöhnlichen Wettstreits à la Loriot unter dem Motto „Wer kann länger“? Die Frage müssen wir wohl ungeklärt lassen. Aber eine Auskunft darüber, wo Gerenot Richter seine Vorbilder für den Mann mit Turban und die Sekundantin fand, darf ich Ihnen jetzt natürlich nicht vorenthalten. Zum Glück hat er uns mit zwei Zahlen über den Figuren wichtige Fingerzeige gegeben. So lässt sich zweifelsfrei herausfinden, dass die Frau dem Dürer’schen Kupferstich „Marktbauer und sein Weib“ von 1512 entstammt und der rechte „pissende Mann“ die Kopie einer gleichnamigen Radierung des Niederländers Rembrandt van Rijn von 1631 ist. Bleibt nur noch zu ergänzen, dass beide Originale für das Exlibris gespiegelt wurden.

Schließen möchte ich mit Worten des Berliner Kunsthistorikers Volkhard Böhm aus seiner Besprechung der Gerenot Richter Werkschau, die 2016 in der webbasierten Zeitschrift für Druckgraphik und visuelle Kultur „UM:DRUCK“ in Wien erschien. Diese Worte charakterisieren m. E. sehr genau, was man hier in dieser kleinsten und gleichzeitig umfangreichsten Ausstellung der Werkschau sehen kann. „Als Naturbeobachter schuf Richter eine empathische Kunst, inspiriert vom Humanismus und einer intellektuellen Künstlerschaft, in deren Bildern auch unaufdringlich das Pädagogische eines geistreichen Lehrers mitschwingt. Mit Euphorie und auch Pathos ‚umarmt‘ er das Universum in einer Synthese von Dichtung und Intellekt, in der sich Phantasie und Sachlichkeit durchdringen. Dieser Künstler ist ein Dichter.“

Volkhard Böhm in der webbasierten Zeitschrift für Druckgraphik und visuelle Kultur „UM:DRUCK“ in Wien, 2016

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.


Friedliche Landschaften – Die Miniaturen
Ausstellung vom 31. März bis 28. April 2017
Grafik Studio Galerie | Rigaer Straße 62 | 10247 Berlin
Laudatio: Ekkehard Richter
Musik: Dorothea Hachtmann (Querflöte)


Kapitel 5 der Gerenot Richter-Werkschau


Aus der Laudatio von Astrid Volpert zur Ausstellungseröffnung
am 21. Januar 2017 | Galerie im Neuen Rathaus Templin

Diese neue Reise zu den Werken des Künstlers außerhalb der Bestände von Museen und öffentlichen Sammlungen währt nun schon neun Monate. Die Neugier und Lust auf immer mehr überraschende schwarz-weiße Entdeckungen auf Papier scheint ungebrochen. Templin ist die fünfte Station einer bemerkenswerten Kunsttour zu den unspektakulären und doch sehr spannenden, den genauen wie ebenso sinnlichen grafischen Bildern eines viel zu wenig bekannten, großartigen Berliners. Gerenot Richter ist eine in mehrfacher Hinsicht einmalige historische Persönlichkeit, an deren Charakter und zeitgenössisches Schaffen Familie und Freunde anlässlich seines 90. Geburtstags und des 25. Todestags erinnern. Deshalb haben sie für unterschiedliche Orte in Berlin und im Land Brandenburg Ausstellungen konzipiert, organisiert und gestaltet.

„terra mater“ & „Herbstlicht“ – Spät- und Frühwerk

Die hier eröffnende vorletzte Station dieser Reise durch Richters Bilderkosmos erfasst sein Früh- bzw. Spätwerk. Dabei spannt sich der Zeitbogen vom Beginn der 1960er Jahre bis 1989, ungefähr ein Jahr vor seinem viel zu frühen Tod im Alter von 64 Jahren. 98 Arbeiten sind im Templiner Rathaus versammelt. Sie werden es bei ersten Blicken die Haupttreppe aufwärts und in den Fluren von zwei Etagen schon bemerkt haben – es handelt sich nicht nur um Drucke, also Radierungen und Lithografien, sondern auch um Handzeichnungen und sogar drei Ölbilder. Gestatten Sie mir deshalb, vor allem der Hüterin und besten Kennerin dieser Schätze herzlich für ihre Gaben auf Zeit zu danken.

Liebe Frau Ingeborg Richter, wir sind berührt und beglückt über Ihre großzügige Bereitstellung dieser Unikate aus dem Nachlass Ihres Mannes. Wir nehmen gern die Gelegenheit wahr, Schlüsselwerken zu begegnen, wie sie das 2016 als Katalog erschienene, von Ekkehard Richter mit Schwester Gerburg und ihrer Agentur produzierte grafische Werkverzeichnis wiedergibt. Und wir freuen uns auf die Zugaben von Skizzen oder Zustandsdrucken sowie Beispiele der Malerei, die über diese offizielle Notation hinausreichen.

Nach dem Diplom als Kunstlehrer hatte Richter in den frühen 1960er Jahren extern an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee bei den Professoren Heinrich Burkhardt und Fritz Dähn auch sein Diplom als Maler ablegt. Aus dieser Zeit stammen die „Kinderbildnisse“. Es sind geradlinige, unverstellte, sensible Porträts – gleich, ob als Malerei, Zeichnung oder als Lithografie und Radierung ausgeführt. Ich nenne in unvollständiger Aufzählung daraus „Kind II“, „Sinnender Junge“ und „Geschwister“, alle von 1965. Auch das mit der kalten Nadel in die Platte geritzte Doppelbildnis „Köpfe“, 1965 / 1966 ist präsent, mit dem das Verzeichnis der Tiefdrucke beginnt. Das Werkverzeichnis der Lithografien datiert ebenfalls ab 1965. Blatt 013 zeigt einen Mann mit Kind beim „Waldspaziergang“. Die kleinen, dem Betrachter den Rücken zukehrenden Gestalten ordnen sich still dem größeren Raum der Natur zu.

Aus einem Œuvre von drei Jahrzehnten und rund 500 Werken (50 Lithografien, 304 Radierungen sowie 137 Handzeichnungen und Skizzen) für diese Schau auszuwählen, fiel auch dem, der diese Begegnung realisierte, nicht leicht: Deshalb gilt Dank drei dem Grafiker und Drucker Helmut Müller, der den Templinern kein Unbekannter ist: Im Sommer 2015 stellte er hier sein eigenes grafisches Werk vor. Auch diesmal wurde er beim Hängen der Arbeiten von Mitgliedern des Kunstvereins hilfreich unterstützt.

Landschaften, Stillleben und Bildnisse

Was wir sehen, sind also Landschaften, Stillleben und Bildnisse. Manchmal ist es gar nicht so einfach ist, das einzelne Kunststück exakt einer Periode zuzuschreiben. Denn Übergänge sind oft fließend, je nachdem, in welchem Kontext wir die Entwicklung eines Themas bzw. die Struktur des Werks betrachten – kompositionell oder drucktechnisch. Die Einladungskarte kündigt für jede Etappe ein prägnantes Beispiel an. 1974, nach einem Rügen-Aufenthalt, entstand die Radierung „Terra Mater“. Sie gilt als ein Fixpunkt des Richterschen Frühwerks. Der Titel dockt an Geschichte an: In der römischen Mythologie bedeutete dieser Begriff die Personifizierung der Mutter Erde als Göttin. Das klingt nach Pathos, aber gerade das offenbart dieses Blatt nicht. Wir sehen bewegte, natürliche Schönheit und mittendrin ein gebeutelter Mensch, kein Prophet, eher ein Mahner. So gibt der Künstler dem Motiv einer Wind und Wettern trotzenden, zerzausten Gestalt in der Ebene, an der Grenzlinie von Land und Wasser, lebendigen Ausdruck. Die Vibrationen der Kaltnadelstriche formieren konzentrierte, aufrechte Körperhaltung und die Gewissheit: Diese Figur lässt sich im Sturm nicht einfach wegfegen. Nach vorn blickend, zeigt sie offen Gesicht.

Den anderen Pol – das sogenannte Spätwerk – besetzt die nachweisbar letzte druckgrafische Arbeit aus dem Jahr 1989. Auch dieser Radierung / Aquatinta liegt eine Handzeichnung zugrunde und Volkhard Böhm bezeichnet das finale Blatt als Richters Vermächtnis. Das Motiv entpuppt sich als ein Fragment barocker Gartenkulisse: ein sich zwischen der Mauerbegrenzung des Geländes mit schmückenden Amphoren und ruhenden majestätischen Baumgestalten schlängelnder Parkweg. Es gehört zur unmittelbaren Umgebung von Schloss Neschwitz in der Nähe von Bautzen. Der Kunsthistoriker Volkard Böhm berichtet, Richter habe die Druckplatte überätzt und somit einen flauen Abdruck hervorgerufen. Eben dieses Resultat vermochte den melancholischen Gehalt seines Abschiedsblatts zu steigern. „Herbstlicht“. Der sonst eher zu lapidar informierenden Bildtiteln greifende Künstler wählte diesmal die poetische Steigerung, im Bewusstsein des Erreichens des Endpunkts seines grafischen Tuns. Namentlich widmete er das Werk Ingeborg, seiner Begleiterin durch vier Lebensjahrzehnte. Auf noch ein Detail sei verwiesen: Im Unterschied zur „pur landschaftlich“ gehaltenen Vorzeichnung fügte Richter im Druck ein tröstliches Zitat ein: Unten rechts, zwischen zwei Bäumen, lagert ein Paar schlafend auf einer Bank. Es ist Barlachs Figurengruppe von 1912, das „Schlafende Bauernpaar“, auch „Schlafende Vagabunden“ genannt.

Der rastlose Wanderer

Ähnlich dem norddeutschen Bildhauer und Zeichner Barlach war Richter ein rastloser Wanderer durch heimatliche Landschaften in durchaus auch schwierigen Zeiten. Diese Erkenntnis und seinen Umgang mit Scharmützeln wie ernsthaften Auseinandersetzungen vermitteln Blätter der frühen 1970er Jahre: „Nach der Sitzung“, „Heftige Debatte“ oder „Trauernder Eros“ sind radierte Notate eines aufreibenden Alltags.

Nach 1983 gibt es keine Menschenbildnisse mehr, aber das Figürliche verschwindet nicht. In „Gleichnis I“ – ein „Terra Mater“ und „Herbstlicht“ ebenbürtiges Schlüsselwerk – vertraut Richter im Prozess von Werden und Vergehen voll und ganz der regenerierenden Kraft der Natur. Er verknüpft auf dem Darß und in der Nähe von Nordhausen nach einer Sturmkatastrophe gespeicherte drastische Bilderlebnisse zum künstlerischen Motiv und Zeichen. Gebrochenes Holz, Baumruinen mit wiederkehrendem üppigem Pflanzenwuchs, die Große Klette, Pestwurz. Seine Modelle sind aber auch Blumen in Blüte. Richter ist da ganz bei sich und bei den Alten Meistern, Breughel und Albrecht Dürer. Die Auseinandersetzung mit ihnen und anderen Künstler-Vorfahren führt in die nur kurz bemessene Zeit seines Spätwerks.

Zurück zum Anfang: Der seit Beginn der 1950er Jahre in Berlin lebende Sachse hielt urbane Stadträume jenseits der Protokollstrecken für bildwürdig. Er verknüpfte sie mit Vergangenem wie Gegenwärtigem – das war in Berlin in der Humboldt-Universität ausgestellt. Mit derselben Leidenschaft zogen ihn südlich und nördlich der Hauptstadt gelegene, teils verschlafene, teils industriell auferweckte Landstriche in seinen Bann. Richter zeichnete und radierte stets, was er sah, und verband es auf dem Papier mit dem Unsichtbaren, von dem er wusste. Als Lehrersohn kannte er sich aus in Geschichte, besonders der von Bildender Kunst, Kultur, Wissenschaften. Tief liebte er die Musik und als gestresster Stadtmensch sehnte er sich nach der Natur, wo er Ruhe und Wachheit fand.

Doch Richter konnte ja nicht einfach losziehen, wann und wohin er wollte. Nach dem ersten Studium, Kunsterziehung und Geografie, an der TH Dresden, in Leipzig und an der Berliner Humboldt-Universität stand der 29-Jährige in pädagogischen Diensten. Das herausfordernde Pensum als Lehrender am Institut für Kunsterziehung der HU, als engagiertes Mitglied im Künstlerverband VBK, als ehrenamtlicher Berater in der Kunstvermittlung – all diese meist selbstlos auferlegten Verpflichtungen forderten immens Tribut. Um außerhalb der wenigen freien Wochenenden und Familienurlaube künstlerisch arbeiten zu können, schien Richter seine Lösung zeitweilig gefunden zu haben. Es gelang ihm, einen Teil der Ausbildung seiner Studenten so zu strukturieren, dass auch er produzierte, wenn er mit ihnen unterwegs war. Er arbeitete still und besessen. Vieles zum Topos der Lausitz entspringt dieser Konstellation sich glückhaft überlagernder Lehre und Praxis. Helmut Müller, 1977 bis 1981 Student und ab 1984 Assistent bei Richter, erinnert sich an authentische Gegenden, die in unzähligen spontan entstandenen Skizzen vor Ort, später bearbeitet in Richters Druckwerk auftauchen.

Bilder der Lausitz

Von den auf diese Weise entstandenen Lausitzer Bildgeschichten zeigt die Ausstellung kleinere und größere Formate. Sie vermitteln Alltagseindrücke inmitten urbaner Tagebaulandschaft und aus sorbischen Dörfern, bevor diese der die Erde tief aufbrechenden Kraft der Förderbrücke weichen mussten. Richter zeichnete und lithographierte die heute als Museum viel besuchte F 60 ab dem Jahr 1960.

Und noch 1976 machte er den berühmten Schreitbagger zum Gegenstand von Radierung und Aquatinta („Tagebau Nochten“). In Konvoluten seiner Handzeichnungen finden sich zudem unzählige mit schwarzer Kreide notierte Einblicke in alte Dörfer und neue Städte dieser Region: Knappenrode, Hoyerswerda, Groß Särchen im Landkreis Bautzen (1964). In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre geht er an denselben Orten Spuren der Industrialisierung nach. Er hält die Umbrüche dieser Landschaft fest: 1977 sind es „Kippenwege“ und „Grubenränder“, die „Hochkippe am Tagebausee“ und „Fossile Braunkohle“. Sogar ausgediente „Tagebauschwellen“ werden bildwürdig. In einer edlen Farbradierung on zwei Platten, ein Mezzotinto-Blatt, adelt er 1984 letztmalig einen rückständigen Haufen solcher dicken Holzbalken. Gleiches passierte übrigens mit einer Ansammlung ausrangierter Stühle, die der akribische Motivsucher 1981 auf dem Dachboden von Schloss Burgk an der Saale entdeckte und zunächst in einer Feder-/Tusche-Zeichnung festhielt, bevor er sie radierte. Das Kleine wie das Große, das Kleine ganz groß, war seine Devise.

Landschaften im Blickfeld

Mit Schloss Burgk geriet mehr und mehr thüringische Landschaft in seinem Blick. 1982 entsteht die kleine Kaltnadel „Im Gebirge“ in Anlehnung an die Federzeichnung „Hangaufwärts“. Merklich veränderte sich nun Richters Handschrift. Die neuen Blätter wachsen zu Stillleben und radierten Montagen von Fragmenten unterschiedlichen Ursprungs. Dabei sind, mitunter auf skurrile Art, natur-, kultur- und kunstgeschichtliche Fundstücke in vielschichtig lesbaren Traumbildern verwoben („Vaters Uhr – 6 Steine“, 1980). Bereits 1975 hatte Richter mit „Wegzeichen“ des 450. Jahrestages des deutschen Bauernkrieges gedacht. Bei dieser Kaltnadelradierung blicken wir auf ein in strengen Vertikalen und weichen Horizontallinien verspanntes Hochformat. Bei näherem Betrachten der Details liefert das Blatt hintergründig auch einen eigenwilligen Kommentar zum damaligen Umgang mit Auftragskunst: Historische Ereignisse waren nach dem Erwarten des Auftraggebers stets im Blick auf die Perspektive mit einer progressiven Botschaft der vermeintlichen Sieger der Geschichte zu versehen. Natürlich fällt bei „Wegzeichen“ der Hauptblick auf die alles andere als friedlich zu nennende Symbolik der Vergangenheit, auch wenn ein vorgelagerter Zirkel Schwert und Morgenstern etwas abschirmt und der zweite Blick dem Torso einer nackten männlichen Baumgestalt gehört. Daneben skizziert der diese Hauptträger der Bildidee umspielende Fonds eine Landschaft mit Vogelzug im heiteren Wolkenhimmel, einschließlich flott übers Feld rollender Mähdrescher und eines Bauernpaars auf dem Weg zur Ernte. Diese Elemente machen Richters Wink in die Gegenwart zur satirischen Replik.

Gerenot Richter versicherte sich der eigenen Position als Künstler durch die vielschichtige Analyse der Erfahrungen seiner Vorgänger. Bei Dürer verstand er, dass Kunst das ist, „was der Zeichner der Natur auszureißen vermag“. Diese Haltelinie bestimmt die letzte Periode seines Wirkens an der Druckplatte. Vom Flachdruck hatte er sich Mitte der 1970er Jahre verabschiedet. In „Hommage an Michelangelo“ (hier nicht ausgestellt) war, was die Technik hergab, ausgereizt. Inhaltlich setzte er sich in dieser Lithografie mit dem Thema der Gefahr von Vereinnahmung, Verlust oder Einschränkung unabdingbar notwendiger Freiheit in Bezug auf das Denken und Tun des Menschen, eines Künstlers auseinander. Natürlich waren das auch Fragen an das eigene Ich. Dennoch weist Richters Werk keine Selbstbildnisse aus, wie man sie von anderen kennt. Vielleicht ließe sich, spiegelbildlich, der anonyme „Terra Mater“- Kopf des rastlosen, das Leben bejahenden Strandläufers als solch ein Richter nahekommendes Bildnis sehen.

„Leuchte mein Stern, leuchte“

Ingeborg Richter verwies im Vorfeld dieser Ausstellung übrigens auf ein zweites Werk aus den 1970ern mit Ich-Bezug, sein Ölgemälde „Leuchte mein Stern, leuchte“ (nicht in Templin zu sehen). Vor der Kulisse eines Apfelbaums zeigt es einen fallenden Mann mit aufgerissenem Mund. Drei kleine Skizzen zu dem Bild deuten in leichter schwarzer Federführung dessen leise Abwehrhaltung an. Er läuft, stürzt und bricht, getroffen von einem Schuss aus dem Hinterhalt, an besagtem Apfelbaum zusammen, die rechte Hand über dem Kopf, die linke am Herzen. Die Früchte, wie Kugeln groß, gehen neben ihm zu Boden. Richter verarbeitete ein Filmerlebnis, das ihn stark erschütterte. 1973 hinterließ Alexander Mittas gleichnamige Tragikkomödie in Kreisen der DDR-Intelligenzija tiefe Spuren. Zwar spielt die Handlung des Films zeitlich geografisch in einem anderen Raum, doch dessen Parabel um die Kunst, die Gesellschaft und das Scheitern an ihr wurde von wachen Bürgern als Lehre und einzige Chance begriffen, sein Ich zu bewahren. Vom Film-Trio der „Kulturarbeiter“ aus traditionsbewusstem Maler, Avantgardekünstler und Filmvorführer stirbt der, der sich den wechselnden Mächten nicht unterwirft. Richter sah sich in der Rolle des Bewahrers seiner Überzeugungen, nicht des Seitenwechslers.

Ich habe ihn erst in den 1980er Jahren kennengelernt, als ich in der Tageszeitung „Junge Welt“ Kulturredakteurin war und mit neuen Ideen die Organisation der JW-Grafik übernahm. Als Mitherausgeber hatte Prof. Richter seit 1971 dieses Projekt wesentlich gestaltet, er wurde mir als künstlerischer Berater zur Seite gestellt. Es waren seine letzten schöpferischen Jahre. Er radierte Landschaften, Straßenbäume, Feldwege. Zeichnete Obeliske auf einem verwilderten Friedhof und Blickachsen im Park von Bad Muskau. Heute sehe ich diese ab Mitte der 1880er Jahre entstandenen Blätter als großartige, einfache, ehrliche Kunstwerke. Getragen von sicherem Gespür für rhythmisch wechselnde Geometrien der Linienführung sowie an- und abschwellende Intensität der Hell-Dunkel-Kontraste sind seine letzten Mappenwerke. Intuition und Ratio als Pole des bildnerischen Denkens bedingen einander im ruhigen Wechselspiel. Das einzelne Blatt ist nicht mehr bis ins letzte Detail ausgestrichen, das gibt ihm überraschende Leichtigkeit und Frische.

Mit Eigenem drängte sich Richter nie in den Vordergrund, auch nicht in der Jungen Welt. Eine von ihm für die Leser und Kunstfreunde konzipierte Serie zu den druckgrafischen Techniken gab er an andere, wie er argumentierte, „vorzüglich arbeitende Kollegen“ weiter. Deren Ergebnisse besprach er in der Zeitung fachgerecht und in auch Laien verständlicher Sprache. 1982 endlich hatte er einen Soloauftritt, der nachhaltiger nicht sein konnte. Die Redaktion veröffentlichte seine Kaltnadel „Vita III (nach Mantegna)“.

Die Auflage von 100 Exemplaren war im Nu vergriffen. Als Ausnahme lieferte er 40 Nachdrucke. Ich habe mir dieses Blatt noch einmal für die Templiner Ausstellung gewünscht, obwohl es nicht zum Spätwerk zählt. Wie der Titel der Grafik vermuten lässt, durchlief die Schlussfassung einige Vorstufen: Die erste „Vita“, als Aquatinta ausgeführt, zeigt im Zentrum einen Kinderkopf nach Andrea Mantegna, umgeben von knospender Flora, während am linken Rand gegen einen Atompilz gerichtete Fäuste erkennbar sind, rechts oben eine (Friedens)taube. Als Fragment dieser Platte entstand danach ein Kombinationsdruck: Die Symbole links und rechts sind verschwunden, an ihrer Stelle erscheint eine bröckelnde weiß-graue Eisfläche, die die „Insel des Lebens" umgibt. Auch damit gab sich Richter nicht zufrieden. Noch einmal arbeitet er radikal um – plötzlich erscheint das Hauptmotiv mit dem Kopf des schlafenden Kindes inmitten einer Trümmerlandschaft, jener, die sich für die älteren unter uns, auch mich, Jahrzehnte mit dem Mahnmal der bombardierten Dresdner Frauenkirche verband.

Wie kam es zu diesem Wandel? Als Dresdner war Richter sich des Trümmerfeldfotos von Richard Petersen aus dem Jahr 1945 bewusst. Er kannte zudem den expressiven, unangepassten Einzelgänger Wilhelm Rudolph, der den vernichteten authentischen Ort minutiös in Lithografien und Zeichnungen festgehalten hatte. Doch kunstgeschichtliche Referenzen allein gaben wohl nicht den Ausschlag für den Szenenwechsel im Blatt. Am 13. Februar 1982, dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens, trafen sich am Trümmerberg des Bährschen Kuppelbaus erstmals Vertreter der Bürgerbewegung zum gewaltfreien Protest unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“. Richters finales vor Krieg und Zerstörung warnendes Blatt ist somit eine von agitatorischen Gesten befreite Lösung. Es wurde zum Meisterwerk, das Denkanstöße in viele Richtungen zulässt, ohne belehrend zu sein. (Erwähnt sei der Vollständigkeit halber, dass er diese Fassung 1983 noch einmal als Farbradierung auf zwei Platten und Mezzotinto druckte: Vita IV).

Im Dezember 1986 dankte Richter brieflich für meine Glückwünsche und den edlen Wein, den ich zu seinem 60. Geburtstag in die Burgstraße, sein Arbeitsrefugium am Hackeschen Markt, gebracht hatte. Die Situation war vertrackt. Ein Eklat des Chefredakteurs der Jungen Welt, der sich ausgerechnet an diesem sensiblen, leidenschaftlichen Verbündeten entlud, hatte im Vorjahr unsere Zusammenarbeit abrupt beendet. In meiner Abwesenheit hatte sich dieser von vorauseilendem Gehorsam durchdrungene Diener der Macht zum Scharfrichter erhoben. Er verfügte das Verbot eines Aufsatzes, den Richter über eine bunte, experimentierfreudige, international besetzte Grafikserie junger Künstler vorgelegt hatte. Gerenot zeigte mir nicht, wie sehr ihn die Sache getroffen hatte. Vielmehr schrieb er: „Es ist ein Jammer, was Du alles bedenken musst als Kulturmensch.“ Und er reichte die Hand: „Aber mich tröstet, dass Du zu einem gekommen bist, der nicht zu denen gehört, die man nicht erreichen kann.“ Das zurückliegende Ärgernis schien er sogar herunterzuspielen: „Schade, dass ich immer weniger Zeit habe, an Eure Aktionen zu denken. Ich wollte einiges an Ämtern und Funktionen loswerden und kriege immer noch mehr aufgepackt, weil die ‚Jüngeren‘ mit dem Arsch an der Wand stehen, die Sache aber vorankommen muß – z.B. die Individualisierung des Studiums (Das große Zauberwort des Jahres). Wie sagt doch gleich Makarenko? ‚Nicht jammern‘!“

Es waren seine letzten Worte für mich. 1988, als auch ich der Jungen Welt den Rücken gekehrt hatte, erkrankte er an Krebs. Auslöser waren die jahrzehntelang in engen, provisorisch ausgerüsteten Werkstatträumen eingeatmeten giftigen Chemikalien, die es für das Drucken braucht. Die Uni fraß ihn zudem – mit dem Gegenteil von Individualisierung – in bürokratischen Verwaltungsvorgängen auf, wie er 1990 einem Nürnberger Kunsthistoriker offenbarte. Er müsse viele Pausen machen, könne nie in einem Guss arbeiten. Das führe zu Stückwerk, es fehle der Mut zum Risiko und im Ergebnis entstehe Strichelei statt Formstrich.

Bis zuletzt wahrte Gerenot Richter, der lautere Mensch und leidenschaftliche Künstler, hohe, geradlinige Maßstäbe, die sein spannendes, brillantes grafisches Werk auszeichnen. Im Wirken seiner ehemaligen Studenten finden sie heute Erinnerung und Anwendung.


„terra mater“ & „Herbstlicht“ – Spät- und Frühwerk
Ausstellung vom 21. Januar bis 15. März 2017
Galerie im Neuen Rathaus | Prenzlauer Allee 7 | 17268 Templin
Laudatio: Astrid Volpert
Musik: Renate Kelletat (Blockflöten)


Kapitel 4 der Gerenot Richter-Werkschau


Aus der Laudatio von Christina M. Wilsky zur Ausstellungseröffnung
am 23. November 2016 | Galerie 100 in Berlin-Lichtenberg

Ich begrüße alle, die gekommen sind, die Werke Gerenot Richters kennen zu lernen, alle, die seine Bilder wieder und wieder betrachten wollen, die mit mir das Schaffen Gerenot Richters ehren und bewundern. Ich begrüße seine Familie, ehemalige Kolleginnen und Kollegen, ehemalige Studentinnen und Studenten und die vielen Freunde seiner Kunst! Heute öffnet die Galerie 100 ihre Tür für das 4. Kapitel der Ausstellungsreihe, die thematisch gegliedert, das umfangreiche Schaffen des Künstlers und Lehrers Gerenot Richter zeigt!

Ich habe in den Jahren 1975 bis 1979 im Fachbereich Kunst der Humboldt-Universität Berlin studiert, also in einer Zeit, in der Gerenot Richter als Professor dort lehrte. Das Thema dieser Ausstellung „Funde am Hohen Ufer“ – Strandläufer und Meerwunder erinnert mich an ein Praktikum an der Ostsee gemeinsam mit Prof. Richter und Herrn Prusko, es erinnert mich an unsere zeichnerischen Versuche am Strand, um diese Entwürfe dann in den Räumen der Universität in verschiedenste Drucktechniken umzusetzen. Mit Naturstudien, die einen wichtigen Platz im Studienplan einnahmen, experimentierten wir und wir wurden vertraut gemacht mit den Geheimnissen der Bildgestaltung und vielen künstlerischen Techniken, auch so mancher sehr alten Technik, die längst vergessen schien wie zum Beispiel mit der Tiefdrucktechnik Mezzotinto oder der Reservage, ein Absprengverfahren bei der Radierung.

„Funde am Hohen Ufer“ – Strandläufer und Meerwunder

Prof. Richter war ein ernster, feinsinniger Mensch mit leisem Humor. Seine Sammlung lustig misslungener Studentenarbeiten hat er aber niemals öffentlich gemacht. (Ich hätte sie gern gesehen.) Später in meiner Lehrtätigkeit hatte ich dann auch so eine Sammlung und wusste, was er damals meinte. Seine Haltung als Dozent war gegenüber den Studierenden immer mit Achtung gepaart. Ich nahm ihn wahr als einen Menschen im Bewusstsein der Flüchtigkeit der Erscheinungswelt, in die er sich einbezogen wusste. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich von den unterrichtenden Dozenten ein Fundament erhalten hatte, auf das ich meine 40-jährige Tätigkeit als Pädagogin und Künstlerin bauen konnte.

Diese Ausstellung „Funde am Hohen Ufer“ ist, wie die vorhergehenden thematischen Ausstellungen, von Herrn Helmut Müller in enger Zusammenarbeit mit der Familie Richters gestaltet, und ich möchte anmerken, dass das Schaffen von Gerenot Richter in jeder Räumlichkeit so arrangiert wurde, dass dies ein eigenes Kunstwerk ist. Sehr interessant, wie Helmut Müller Gerenot Richters Experimente an einem Motiv oftmals so gegenübergestellt, dass der aufmerksame Betrachter die erstaunlichen Veränderungen in der Wirkung bemerken kann. Er hat eine Regie geführt, die unsere Blicke lenkt, die ästhetischen Genuss schafft und uns die Kunst erleben lässt!

Wir sehen hier 70 Werke Gerenot Richters zum Ostseethema, von den 1960er Jahren bis zum Jahr 1989. In zwei Räumen und einem Durchgang werden Handzeichnungen mit Bleistift, Feder, Filzstift und sogar farbige Arbeiten gezeigt, darunter zwei Öl-Bilder. Und natürlich Lithografien und die von ihm bevorzugten, mit Leidenschaft betriebenen Tiefdrucktechniken: Kaltnadelradierung, Ätzradierung und Aquatinta. Hier konzentrieren sich See und Strand – Motive mit all seinem Beobachteten, Gefundenen oder Erträumten.

Woran denken wir beim Thema Ostsee?

Welche Motive verbinden sich für uns mit der Ostsee? Wir denken an Strände, Steine, Muscheln, knorrige Hölzer, weite Himmel, Wolken, Schiffe, Boote, sich Sonnende, Strandläufer, Badende und mehr ... Alles das finden wir auch in der Bilderwelt Gerenot Richters! Ausgehend von den Aufenthalten an der Ostsee, entwickelte sich im Schaffen Gerenot Richters dieses Thema zu einem bedeutsamen, das sich durch sein Gesamtschaffen zieht, sein reifes Werk prägt und auf den Übergang zu seinen letzten Arbeiten weist. Mit diesem Thema hat sich die besondere Eigenart der Gestaltungskonzeption Gerenot Richters entwickelt.

Die Ostseebilder spiegeln Persönliches, sie spiegeln in bemerkenswerter Weise auch das Leben in der DDR. Die weiten Strände auf Rügen, Usedom oder Darß sind für viele ehemalige DDR-Bürger verbunden mit Urlaubserinnerungen, mit einem Abschalten vom Alltag. Hier konnte man eintauchen in ein Gefühl von unbeschwerter Weite und Freiheit, nicht zuletzt durch die legalisierte Freikörperkultur der Badeordnung (von 1956). Freiheit zu spüren, der tiefe Wunsch vieler DDR-Bürger, konnte hier gestillt werden. Die fröhliche Stimmung verband sich zugleich aber auch mit einer Ahnung von der Bedrohung des Lebens.

Da gab es die spürbar gewaltige Kraft der See und des Windes, den nicht zu überblickenden, weiten Landschaftsraum, die hoch aufragenden Kreidefelsen der Steilküste, die Steine und gestürzten Bäume. Werden und Vergehen erscheinen sichtbar ineinander verwoben. Dort, wo die Natur fortlaufender Veränderung unterliegt, dort wo der Mensch im Spannungsfeld gigantischer Kräfte steht, dort wird der Mensch sich seiner Winzigkeit bewusst! Da wächst Beunruhigung! Hier wird verständlich: Nichts bleibt, wie es war!

Das Motiv des Strandes und der See in den Werken der DDR-Kunst mit all seinen differenzierten künstlerischen Formlösungen, erscheint als Ort einer über die Grenzen der Menschen erhabenen Existenz. Die ostdeutsche Kunst – da können wir in alle Richtungen schauen, besonders aber zu den Künstlern der Leipziger Schule (die G. R. sehr schätzte!) – durchzieht die Liebe zur Ostsee! Das verwundert nicht. Vor dem Hintergrund einer hermetisch abgeschlossenen DDR wurde dieser Landschaftsraum Motiv für avantgardistische Pleinairs und Symbol für Fernweh. Es lässt sich erkennen, dass diese Ostseebilder über Privates hinauswuchsen und zu einem gesellschaftlichen Thema wurden, ja in besonderem Maße identitätsprägend! Das Werk Gerenot Richters gehört dazu! Hier fand Nachdenklichkeit, das Reflektieren über Humanität und über unser Naturverständnis einen Ausdruck.

Man kann unbescheiden sagen, dass viele Ostseebilder dieser Zeit bemerkenswerte, kunsthistorisch wertvolle Leistungen sind, die sich in die Reihe der konventionellen Strand- und Meerstücke stellen dürfen!

Er stand auf den Schultern der „Alten Meister“

In den Meisterwerken der Kunstgeschichte kannte sich Gerenot Richter hervorragend aus! Um es mit seinen Worten zu sagen: er stand auf den Schultern der „Alten Meister“, er trug ihr Können und ihre Werte weiter in seine Zeit, in unsere Zeit. An dieser Stelle möchte ich ganz besonders auf die vier großartigen Radierungen verweisen, die Gerenot Richter zum 450. Todestag Albrecht Dürers geschaffen hat. Zu den wunderbaren Radierungen Gerenot Richters gehören unbedingt auch die Strandläufer-Bilder, die Seestücke und die Meerwunder mit ihren rätselhaften Funden, wo Wirklichkeit und Gestaltung eine spielerische Surrealität gewinnen. Mein Blick blieb lange am Blatt „Strandläufer V“ aus dem Jahr 1977 hängen, eine Radierung, die Teile mit der Aquatintatechnik verbindet. Es entstand in den Jahren meiner Studienzeit, ich erkenne sofort im Vordergrund seine akribisch genau erfasste lederne Umhängetasche und ein Fernglas. Diese Gegenstände zusammen mit einem Handtuch befinden sich an einem, vom Wasser geprägten Holzpfahl, der an Vergehen und Wandel denken lässt, und der aufrecht, wie ein Obelisk, den linken Bildrand begrenzt. Immer wieder sind es die Dinge des Alltags, denen sich die Augen Gerenot Richters so liebevoll zuwenden, Dinge, die eine Ausstrahlung haben, die ich mit der Sprache von R. M. Rilke wiedergeben möchte: „die Dinge, die Dinge singen hör ich so gern“.

In den Arbeiten Gerenot Richters schaffen die behutsam gegliederten Tonwerte, die leisen und auch kräftigen Bewegungen vielfältiger Strukturen tatsächlich eine Rhythmisierung, die man hören kann! Schauen Sie nur auf die Dynamik der Linien, der Flächen und Strukturen! Gesehenes wird hörbar! Spannung baut sich durch die Verbindung der Gegensätze auf. Licht und Finsternis, Bewegung und Ruhe bedingen einander. Das von Menschenhand Geschaffene berührt das in der Natur Gewachsene, das Nahe korrespondiert mit der Ferne!

Als könne er über das Wasser laufen

Plötzlich nehme ich in der Ferne, am Ufer des Strandes den Strandläufer wahr, miniaturhaft gezeichnet, mittig an den unteren Bildrand gesetzt, kreisen meine Gedanken um ihn. Er schreitet, so als wolle und könne er über das Wasser laufen, er ist in Bewegung, will zu neuen Ufern!

Der Schreitende, ein bekanntes Motiv in der Kunst, steht in einer künstlerischen Tradition, die von der Antike bis in unsere Gegenwart reicht. (Ägypter / Rodin / Giacometti / Mattheuer). Dieses Motiv verbindet sich immer mit Bewegung, mit Aktivität, mit Kraft, mit dem Neugierigsein auf Neues, mit einem Aufbruch, mit Veränderungen, die sowohl persönlich als auch gesellschaftlich gedacht werden können, oft ohne zu wissen, wohin oder wie es weiter geht.

Mit einer Zeichenmappe unter dem Arm ist der Mann der See zugewandt, erinnert vielleicht an den Künstler selbst und erinnert auch an die Meditation des Mönchs am Meer von Caspar D. Friedrich. Möwen erheben sich in die Luft, sie assoziieren ein freies Leben. Erde und Wasser, Himmel und ein phantasievolles Wolkengebilde, welches Formen schafft, die vielleicht ein Pegasus sind oder ein Phönix? Ich kann versinkend träumen!

Der rechte Bildrand ist offen – hier fließt alles weiter wie das Leben. Ich entdecke, die Strandläuferbilder sind Sehnsuchtsbilder. Sie spiegeln eine tiefe Naturverehrung mit dem Wissen um ihre Verletzbarkeit. Eine so kleine bescheidene Arbeit von solch konzentrierter Größe, das macht für mich das Schaffen Gerenot Richters aus.

Verblüffende Perspektiven, Räume und Durchblicke, Mensch und Tier, Gegenstände oder Phantastisches! Klein – groß, dieser Aspekt wird typisch für die Bilder Gerenot Richters. Kleine Dinge, die er findet, zum Beispiel verwitterte Hölzchen werden im Bild Baumgiganten und einen Menschen oder ein Fahrrad muss man mit der Lupe suchen. Diese proportionale Veränderung der Wirklichkeit ist eine typisch surreale Konzeption.

In allen grafischen Blättern Gerenot Richters zeichnet die Radiernadel oder die Spitze des Bleistifts vielfältige Linien, filigrane Strukturen und manchmal stellt der Künstler Flächen daneben. So gestalten sich verblüffende Perspektiven, Räume und Durchblicke, Mensch und Tier, Gegenstände oder Phantastisches! Die gewohnte Wahrnehmung sprengend, führt uns die Kunst Richters zu unerwarteten Eindrücken und uns berührenden Gedanken.

Gerenot Richter gibt dem mit Demut vor der Natur Gesehenen eine bildkünstlerische Übersetzung, die aus der Beobachtung heraus ergänzt, zitiert oder erfindet. Er hat zu einer poetischen, unaufdringlichen Bildsprache gefunden, immer authentisch, mit höchster technischer Meisterschaft, die ein sensibles Sehen fordert. Seine Kunst ist eine Weide für unsere Seele. Wer sich darauf einlässt, wird beschenkt.

Danke fürs Zuhören.


„Funde am Hohen Ufer“ – Strandläufer und Meerwunder
Ausstellung vom 23. November 2016 bis 11. Januar 2017
Galerie 100 | Konrad-Wolf-Straße 99 | 13055 Berlin
Laudatio: Christina M. Wilsky
Musik: Barbara Ehwald (Sopran), Giedre Lutz (Klavier)


Kapitel 2 der Gerenot Richter-Werkschau


Aus der Laudatio von Helmut Müller zur Ausstellungseröffnung
am 1. Juli 2016 | Domgalerie Fürstenwalde

Gerenot Richter „Ging heut' morgen übers Feld“ – Hommage und Gleichnis Kapitel 2 der 6-teiligen Ausstellungsreihe anlässlich des 90. Geburtstages und 25. Todestages von Gerenot Richter trägt den Titel der ersten ganz großen Gleichnisgrafik von Richter „Ging heut' morgen übers Feld“. Diese, die noch darauf folgenden fünf weiteren großen Gleichnisse und das etwas kleinere „Gleichnis I“ bilden den Kern dieser Ausstellung. Wir haben also alle Meilensteine Richterscher Grafik hier versammelt, umgeben von einer Auswahl weiterer Blätter, auf die der Untertitel „Hommage und Gleichnis“ zutrifft.

Man könnte diese Ausstellung also durchaus als die Hauptschau unter den sechs Ausstellungen betrachten, für die sich auch in dieser Galerie ein wunderbarer Ausstellungsort gefunden hat. *)

„Hommage und Gleichnis“ im Werk Gerenot Richters – ein Thema, das schon in vielen Texten durch Kunsthistoriker untersucht wurde. Besonders die Arbeiten von Gisold Lammel (1942-2001) seien genannt, vor allem sein Text im Greizer Katalog von 1997. Aber auch die Veröffentlichungen von Peter H. Feist (1928-2015) müssen in diesem Zusammenhang erwähnt werden und die hervorragende Besprechung dieser sechsteiligen Werkschau von Volkhard Böhm. Vieles davon ist auch im Internet greifbar, vor allem auf der von Ekkehard Richter installierten Website seines Vaters.

Was habe ich hier da jetzt noch mitzuteilen? Soll ich jetzt Zitat an Zitat reihen um zu einer umfassenden Beschreibung des Themas zu kommen? Das würde eine ziemlich lange Rede werden, die doch nichts neues bringt – also lesen Sie lieber selbst nach. Mein Bezug zu Richters Grafik ist auch kein kunsthistorischer, sondern eher ein praktischer, also will ich auch mal von dieser Seite versuchen heranzugehen, verbunden mit einigen persönlichen Erinnerungen.

„Ging heut' morgen übers Feld“ – Hommage und Gleichnis

Wer die vorige Ausstellung in Dannenwalde gesehen hat, weiß spätestens seitdem, welche große Rolle das Zeichnen vor der Natur als Voraussetzung für Gerenot Richter Grafik spielt. Dort konnte man eine Auswahl von Kaltnadelradierungen aus den späten Grafikkassetten von 1987 und 1988 mit ihren zeichnerischen Vorarbeiten vergleichen – hier haben wir nur einen solchen Vergleich aufgenommen, die „Parkmauer von Schloss Neschwitz“. Vorarbeiten? Sind diese genau beobachteten, intensiven Zeichnungen wirklich nur Vorarbeiten? Auf meine Bemerkung vor seiner Ausstellung 1984 in der Galerie Unter den Linden, dass ich auf die Zeichnungen besonders neugierig bin, hat er sie selbst so bezeichnet: „ganz eng an der Natur und nur Vorarbeiten...“.

Ich finde, dass seine Zeichnungen auch als selbständige und fertige Arbeiten bestehen können, aber Vorarbeiten sind sie insofern, als dass er beim Zeichnen immer schon die Radierung im Sinn hatte. Im Alltag bot sich ihm allerdings wenig Gelegenheit solche aufwendigen Zeichnungen zu machen. Abgesehen von unermüdlichen Kritzeleien während langwieriger Sitzungen und Konferenzen musste das Zeichnen während der jährlich stattfindenden Studentenpraktika erfolgen. Und diese Zeit wurde von ihm maximal genutzt. „Wenn ich nicht weiß, dass ich mindestens sechs Stunden Zeit zum Zeichnen habe, fange ich erst gar nicht an”, hat er mir Mitte der 1980er Jahre mal gesagt. Dass es ihm Ernst mit dieser Aussage war, durfte ich in dieser Zeit oft miterleben. Ein Beispiel dafür: Die Zeichnung für die Grafik „Manneken Pis“ entstand 1986 im Stadtpark von Lohsa in der Lausitz in zweieinhalb Tagen. Leider können wir sie hier nicht zeigen, weil sie sich im Otto Dix Haus in Gera befindet – aber im Katalog ist sie abgebildet und sie unterscheidet sich von der Grafik nur dadurch, dass sie spiegelverkehrt ist und das Brueghel-Zitat noch fehlt. Mit dem Zeichnen der riesigen Wurzel im Vordergrund hat er begonnen – ganz konzentriert auf das Erfassen der komplizierten Form; Naturstudium im besten Sinne.

„Dann wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“

Albrecht Dürer

Herausreißen meint in diesem Zusammenhang ZEICHNEN. Und Richter hatte die Kunst! So ist dann nach längerem intensiven Arbeiten (drei, vier, fünf Stunden – ich weiß es nicht mehr so genau ) eine hervorragend durchgearbeitete Studie dieser Wurzel entstanden. Für jeden anderen wäre das ein fertiges gültiges Blatt und als Tagesergebnis genug gewesen. Nicht so für Richter! Mit dem zu zwei Ditteln noch leeren Blatt setzte er seinen Parkspaziergang fort, um sich ca. 100 Meter weiter, mitten im fast mannshohen Brennesselgestrüpp vor zwei mächtigen Eichen erneut zum Zeichnen niederzulassen. Da die Zeit an diesem Tag natürlich nicht mehr zum Fertigstellen der Zeichnung reichte, wurde die Arbeit am nächsten und übernächsten Tag fortgesetzt. Durchaus denkbar, dass ein in dieser Zeit durch den Park flanierender Spaziergänger seine Notdurft im Gestrüpp verrichtet hat, ohne den in den Brennesseln verborgenen Zeichner zu bemerken und so die Idee für die titelgebende Figur auf der Grafik geliefert hat.

Für diese Art konzentrierten Zeichnens hat der von Richter geschätzte westdeutsche Künstler Horst Janssen, der „Millionenstrichler“, eine treffende Benennung gefunden: „Ich bin nur ganz Auge!“ Das ist bei Richter nur bedingt richtig, hat er mir doch z. B. mal gesagt, dass das, was ihm beim Zeichnen so alles durch den Kopf geht und unbewusst in die Grafik einfließt, nur zum geringsten Teil vom Betrachter entschlüsselt werden kann. Gisold Lammel hat Richter in einem seiner Texte ein „ausgeprägtes kunsthistorisches Bewusstsein“ bescheinigt, dadurch ist dann vielleicht aus dem in die Brennesseln pieselnden Zeitgenossen Brueghels „Manneken Pis“ geworden. Aber das ist jetzt natürlich reine Spekulation.


Unbestreitbar ist jedoch, dass wir es nicht seltsam finden, dass Figuren aus Bildern von Dürer, Brueghel, Lorrain und anderen Richters Landschaften bevölkern, oder gar ein Bruchstück eines antiken Säulenkapitells Teil der Ruinen eines im Lausitzer Braunkohlerevier weggebaggerten Dorfes wird („Fragmente“). Natur und Kunstwelt verschmelzen, Raum und Zeit werden in Richters Bildwelt mühelos überbrückt.


Die von mir geschilderte Arbeitsweise, vom strengen Naturstudium zur fertigen Grafik zu gelangen, scheint keinen Raum für Spontaneität und zufällige Entdeckungen zu lassen, aber dafür ermöglichte sie es Richter, bei der sehr geringen für die eigene künstlerische Arbeit zur Verfügung stehenden Zeit, überhaupt so viel Eigenes zu schaffen. Jede Arbeit konnte jederzeit für kürzere oder längere Zeit unterbrochen und zu jedem beliebigen Zeitpunkt fortgesetzt werden, ohne dass irgendwelche Brüche erkennbar sind.

Der „gesteuerte Zufall“

Parallel dazu gab es besonders um 1980 herum noch anders entwickelte Grafiken, Richter hat hier vom „gesteuerten Zufall“ gesprochen. Hier wird die Grafik nicht durch präzise zeichnerische Vorarbeiten entwickelt, wie z.B. bei „Wegzeichen“ und „Unter Bäumen III“, sondern man beginnt zuerst mit der Bearbeitung der Druckplatte, z.B. durch Abklatschen des noch feuchten Abdecklacks, wodurch ein teilweises unkontrolliertes Entfernen des Lackes passiert. Nach dem Ätzen sind druckbare Zufallsspuren auf der Platte, die dann zeichnerisch interpretiert werden können. Auch von den Studenten wurde diese Methode der Bildfindung gern genutzt, meist blieb jedoch sichtbar, was durch Zufall entstanden war und was gezeichnet. Nicht so bei Richter, hier verschmelzen Zufallsstrukturen und bewusst Gezeichnetes zu einer Einheit – alle Arbeiten mit der Technikbezeichnung „Flächen- und Strichätzung“ sind so entstanden. Eine andere Form des „gesteuerten Zufalls“ gibt es in der Technik der Kaltnadelradierung. Zunächst werden Zufallsspuren mit verschiedensten Werkzeugen erzeugt (Zahnarztbohrer, Drahtbürste, Feile...) und diese sind dann Anregung für diszipliniertes Weiterarbeiten. „Acis und Galatea“ im oberen Raum ist ein Beispiel dafür. Oft gibt es bei Richter auf verschiedenen Grafiken wiederkehrende Motive:

  • zerbrochene Wagen
  • Türen und Tore
  • Liebespaare, bzw. Paardarstellungen überhaupt
  • das Motiv der Höhle als Schutz- und Zufluchtsort
  • das Motiv des Fliegens – Ikarus
  • Fensterausblicke in eine andere Welt oder Zeit
  • bestimmte Pflanzen – Pestwurz
  • und natürlich Bäume, Bäume, Bäume…

Bäume, die manchmal gar keine sind, sondern nur kleine Ästchen: „Strandläufer IV u. VI“, oder Schwemmhölzer: „Pablo im Darß“. Verschobene Größenverhältnisse führen zu surrealen Verfremdungen: „Schloßgarten“ und „Wegzeichen“. Es gibt Landschaftsfiguren: „terra mater“ und andere surreale Kombinationen: „Vita I – IV“ und „Hommage à Michelangelo“. Im oberen Raum erwartet Sie auch noch einiges mehr, unmöglich, das hier alles nur aufzuzählen. Wo er nicht überall noch etwas versteckt, dass sich auf der ohnehin schon winzigen Grafik „Zerstörte Dächer“ noch auf einem der Dachböden Dürersche Hunde balgen, ist kaum noch wahrnehmbar.

Angesichts dieser Vielfalt, Disziplin und Strenge im eigenen künstlerischen Arbeiten muss er manchmal durch die studentische Laxheit und Oberflächlichkeit ganz schön gequält worden sein – hat sich das jedoch nie anmerken lassen, blieb immer freundlich und suchte in jeder Studentenarbeit, auch der misslungensten, zunächst etwas Positives. Ich hätte mir manchmal gewünscht, mehr Kritisches von ihm zu hören. Aber Kritik war selten und kam manchmal sogar noch in gestalteter Form daher: z. B. habe ich von ihm im Studentenpraktikum, sicher in der Absicht mir auszutreiben, immer mitten im Motiv zu hocken, ein Leonardo-Zitat, sorgfältig in seiner kunstvollen Handschrift geschrieben und in der Mitte gefaltet, dezent zugesteckt bekommen.

Gerenot Richter, WV II-192 „Ging heut' morgen übers Feld“ (Gustav Mahler 1884), 1983 / 1984, Radierung und Aquatinta, 49 x 64,5 cm

Gerenot Richter und Gustav Mahler

Aber nun genug aus der Werkstatt geplaudert, kommen wir noch einmal auf das dieser Ausstellung den Titel gebende Blatt zurück. Gustav Mahlers Musik liebte Richter besonders, er hatte 1983 sogar die Gelegenheit auf einer Reise nach Wien Originalschauplätze von Mahlers Leben und Wirken zu sehen und zu zeichnen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er ihm die erste seiner ganz großen Kompositionen widmete – auch bei Mahler sind es ja vor allem die großen Kompositionen, seine Sinfonien, die er schätzte.

Warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, zu untersuchen, ob es nicht auch Gemeinsamkeiten in der Arbeitsweise von Mahler und Richter gibt?
Fallen da nicht sofort welche auf?

  • die Überfülle künstlerischer Ideen bei beiden
  • das collageartige Verschmelzen verschiedener Elemente (Kinder- und Volksliedzitate in den Sinfonien Mahlers, lautmalerische Teile in den Liedtexten zum fahrenden Gesellen, Kunstzitate bei Richter)
  • häufige Tempowechsel bei Mahler, Vielfalt der grafischen Strukturen bei Richter
  • dichte Struktur und sehr komplexes Ganzes bei beiden usw.

Die erste große Komposition hat Gerenot Richter Gustav Mahler gewidmet, die letzte, schon unter unsäglichen Mühen und Schmerzen entstandene, seiner Frau Ingeborg. Wie anders ist doch dieses Blatt im Vergleich mit den anderen, die hektische Überfülle ist ausgewogener Ruhe gewichen und es ist sicher kein Zufall, dass er hier eine Plastik des großen Menschenbildners Ernst Barlach zitiert. Ein letzter Dank an seine Lebensgefährtin!

Auch ich möchte Ingeborg Richter Dank sagen, manche Leihgaben werden hier erstmalig gezeigt, andere in neue Zusammenhänge gebracht. Mit dem Entschlüsseln der vielen anderen kunsthistorischen Zitate möchte ich Sie jetzt einfach allein lassen. Richters Bilder brauchen auch nicht unbedingt einen Erklärer, selbst wenn man keins der zitierten Bilder kennt und einem die titelgebenden Gleichnisse unbekannt sind, ist es gute Grafik, die Fachleute und Laien gleichermaßen überzeugt. Wer jedoch neugierig geworden ist, dem empfehle ich einen Besuch auf der Website oder/und den Erwerb des opulenten Kataloges zu dieser Ausstellungsreihe. Sammler bekommen auch diesmal wieder die Chance vier verschiedene Kleingrafiken für kleines Geld käuflich zu erwerben.

Vielen Dank für Ihr aufmerksames Zuhören und viel Vergnügen beim Betrachten der Ausstellung.

Anmerkung:

*) Leider mit einem bedauerlichen Nachteil gegenüber allen anderen Ausstellungsorten: Die Öffnungszeiten! Trotz der langen Ausstellungszeit werden die Arbeiten nur insgesamt 36 Stunden für Besucher zugänglich sein. Gut, dass Sie die Gelegenheit gleich bei der Ausstellungseröffnung nutzen!


„Ging heut' morgen übers Feld“ – Hommage und Gleichnis
Ausstellung vom 1. Juli bis bis 28. August 2016
Domgalerie | Domplatz 3 | 15517 Fürstenwalde
Laudatio: Helmut Müller
Musik: Barbara Ehwald (Sopran), Giedre Lutz (Klavier)


Durchgängig bebildertes Werkverzeichnis erschienen


Mit dem 30. April 2016 ist bei allen Ausstellung der Gerenot Richter–Werkschau ein Katalog verfügbar

50 Vorzugsexemplaren des Werkverzeichnisses der Druckgraphik und Handzeichnungen 1961 – 1989 liegt ein Nachdruck der Miniatur-Grafik „Friedhofslinde auf Rügen“ bei (1979). 6 x 7,5 cm, Werkverzeichnis-Nr. II-110).

Der Druck wurde von Helmut Müller, einem ehemaligen Schüler des Künstlers, übernommen.

Bei Interesse am Katalog (ab sofort für nur noch 10 € zuzüglich Versandkosten) nutzen Sie bitte unser Kontaktformular für eine Bestellung.


Volkard Böhm zu Richters Grafikfolge „Nach dem Sturm“

Der Baum ist ein universelles Symbol in vielen Kulturen. Um diese Symbolik zu begreifen, muss man die Bäume sehen und erleben im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten.

Gerenot Richter hat das immer wieder bei seinen Aufenthalten in der Natur getan. Still stehen sie, in der Erde verwurzelt, voller Leben, immerfort wachsend, mit allen Elementen in Verbindung stehend, sich mit der Krone gen Himmel reckend, so Erde und Himmel verbindend, Sinnbild für das Leben und für Schutz und Behütetsein. In den Bäumen und dann auch in der reichen Pflanzenwelt sieht Richter, der Naturliebhaber, der nicht religiös gebunden ist, etwas Erhabenes, Ewiges, Verehrungswürdiges.

Orkanartige Stürme über der Parkanlage Hohenrode

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1980 fegten orkanartige Stürme über weite Teile Thüringens und den Südharz und auch die am Rande von Nordhausen gelegene Parkanlage Hohenrode. Dieser Park ist die größte historische Parkanlage aus dem 19. Jahrhundert in der Stadt, angelegt von dem Gartenkünstler Heinrich Siesmayer im englischen Landschaftsstil. Hohenrode, das bei den schweren Bombardierungen, die Nordhausen 1945 stark zerstörten, vollständig verschont geblieben war, wurde bei dieser Sturmkatastrophe sehr in Mitleidenschaft gezogen. Große Bäume wurden aus dem Boden gerissen, umgeknickt, seltene Baumsorten und Architekturdenkmale beschädigt. Bis 1981 dauerten die Aufräumarbeiten.

Richter sieht die Zerstörungen unmittelbar nach dieser verhängnisvollen Nacht und sie müssen ihn, den intensiven Naturbeobachter und Naturliebhaber, tief erschüttert haben. Er zeichnete und radierte bis 1982 die sechs großformatigen Blätter „Nach dem Sturm“. In diesen spürt man förmlich den Schmerz über dieses Geschehen, hört das Geräusch des splitternden Holzes, das kreischende Krachen der umstürzenden Bäume, das dumpfe Poltern zusammenstürzender Bauwerke, das Zerschellen herabstürzender Ziegel, den peitschenden Regen und das Tosen des abziehenden bzw. abgezogenen Sturmes, die beängstigende Stille danach. Groß ragt die verwundete Natur in all ihrer endzeitlichen Stimmung voller Dramatik auf vor dem unheilschwangeren gleichmäßig dunkelgrauen Himmel.

Auch wenn in Richters Bildern keine menschlichen Opfer zu sehen sind, lässt diese apokalyptische Stimmung besonders im Blatt I der Folge auch Assoziationen zum Mittelteil von Otto Dix’ Triptychon „Der Krieg“ (1929-1932) zu. Hier steht die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ im Fokus, bei Richter eine Naturkatastrophe, aber auch die Ahnung von weiteren Katastrophen. Manche der zerschmetterten Bäume werden sogar zum Kreuzbaum, Sinnbild für das Leiden, für das kosmische und biblische Mysterium.

Von der Vergänglichkeit allen Lebens …

Gerenot Richter hat sich auch schon vor dieser Folge mit der Darstellung der Natur, von Flora und Fauna, in ihrer üppigen Vielfalt wie mit ihrem Verfall in der Darstellung von Rudimenten und von verletzten Bäumen beschäftigt. In dieser Folge aber steht ganz im Mittelpunkt das Thema, mit dem sich alle großen Kunstwerke der Welt beschäftigen: der Vergänglichkeit allen Lebens. Sie nimmt damit eine Schlüsselstellung im Werk des Künstlers ein. Von nun an lässt ihn diese Zuspitzung des Themas nicht mehr los, zur naturgegebenen Vergänglichkeit kommt das Vergehen durch andere Ursachen. Es ist auch diese Ahnung des Künstlers, die hier schon bildhaft wird.

Seine Befürchtungen vor einem Atomkrieg mögen hier hineingespielt haben. Ende 1979 fasste die NATO ihren Doppelbeschluss und nach der Entspannung der 1970er Jahre kam es durch den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan zu einer erneuten Verschärfung des Kalten Krieges. Das Baumsterben wurde wenig später zum Thema, wenn auch in den gesellschaftlichen Debatten in der DDR nur sehr eingeschränkt. Aber gerade solch ein intensiver Beobachter wie Gerenot Richter, musste diese Beobachtungen und Veränderungen geradezu seismographisch wahrnehmen.


Der Text wurde entnommen aus:
Hommage an Gerenot Richter – Werkschau in 6 Kapiteln
UM:DRUCK – Zeitschrift für Druckgraphik und visuelle Kultur, Wien 2016


Druckgrafik von Gerenot Richter


Aus der Laudatio von Helmut Müller zur Ausstellungseröffnung in der „Galerie Helle Panke“, Berlin 2011

Anlässe für Ausstellungen gibt es immer – Geburtstage und Todestage von Künstlern werden gern als Gründe für Ausstellungen genutzt. Dies geschieht jedoch nicht im Selbstlauf, nicht von allein. Es muss jemanden geben, der die Initiative ergreift, der auch nach dem Tod eines Künstlers, wenn keine neuen Arbeiten zu erwarten sind, meint, dass es spannend und von allgemeinem Interesse wäre, eine Ausstellung zu initiieren.

Auch mit dieser Ausstellung, die wir hier heute eröffnen, war das so. Nach über 40 Jahren sich noch an die Arbeiten seines Lehrers zu erinnern, scheint mir nicht unbedingt selbstverständlich, zumal dieser sich damals noch ziemlich am Anfang seines künstlerischen Weges befand. Dank an Horst Dietzel für die Initiative und an Volkhard Böhm für sein Bemühen und seine maßgebliche Mitarbeit bei der Realisierung dieser Ausstellung.

Die letzten Richter-Ausstellungen liegen nun schon wieder einige Jahre zurück, sein 80. Geburtstag war Anlass: zwei kleine Ausstellungen in Berlin, eine schöne, etwas größere, in Joachimsthal und eine umfangreiche Exposition in der Galerie am Schloss Senftenberg an die ich mich gern immer wieder erinnere. Alle in Senftenberg ausgestellten Bilder gehören der Kunstsammlung Lausitz. Der Bestand dort schon vorhandener Arbeiten Gerenot Richters wurde durch eine großzügige Schenkung der Witwe des Künstlers ergänzt, so dass mit dieser Zusammenstellung von fast 70 Arbeiten ein bisher einzigartiger Querschnitt durch das Lebenswerk Gerenot Richters gezeigt wurde.

Diese Ausstellung enthielt Landschaftsbilder aus der Lausitz in allen Genres: Malerei, Zeichnung und Druckgrafik (Lithografien und Radierungen) und aus allen Zeiten. Von einer Zeichnung aus dem Jahr 1960, die den Blick über den ehemaligen Tagebau auf die Brikettfabrik Knappenrode zeigt, bis zu einer
unter dem Titel „...alles verfault, was ohne Wurzeln ist“ in einer Mappe zusammengefassten Folge von Kaltnadelradierungen aus dem Jahr 1988 reichte das Spektrum.

Ausgewählte Blätter aus drei Jahrzehnten

Unsere Ausstellung versucht Ähnliches, allerdings in der Konzentration auf Richters Druckgrafik und ohne die thematische Einschränkung auf die Lausitz. Sie zeigt ausgewählte Blätter aus drei Jahrzehnten, bis auf wenige Ausnahmen auf die drei Ausstellungsräume geordnet: hier vorn in dem großen Raum, in dem wir uns jetzt befinden, hängen Blätter aus den 80er Jahren und es geht dann die Zeitachse rückwärts in die 70er Jahre im mittleren Raum und ganz hinten finden wir Lithografien aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Diese Gliederung folgt weitestgehend der künstlerischen Entwicklung Gerenot Richters. In der ersten Periode integriert sich Richter völlig in den Stil der Zeit (1960er Jahre) und in der zweiten erreicht er mit der zunehmenden Individualisierung in der Kunst der DDR auch die Vollendung seines eigenen Individualstils (1970er Jahre). Dieser künstlerische Entwicklungsprozess ist bei ihm zunächst ein Vorgang der Beschränkung, der zunehmenden Konzentration auf die Technik der Radierung; Ölmalerei, Aquarelle, Gouachen und Lithographien gibt es von ihm nur bis zum Beginn, vereinzelt bis zur Mitte der 1970er Jahre.

In den Zeichnungen und Radierungen dieser zweiten Periode zeigt sich eine Übergangsphase, eine Zeit des Suchens und Experimentierens, in der sich der neue Stil herauskristallisiert und der dann in den 1980er Jahren seine Vollendung erreicht. Das ist die Zeit, in der die Meisterwerke entstehen, die man mit dem Namen Gerenot Richter verbindet. 1983 entstand das erste der „Gleichnisse“, dann jährlich mindestens ein weiteres dieser großen Blätter und nebenher noch eine Fülle kleinerer bis kleinster Radierungen. Diese Gleichnisse bilden meist den Schwerpunkt, das Kernstück jeder Richter-Ausstellung, auch wir bekommen vier davon zu sehen.

Die Ausstellung zeigt Landschaftsdarstellungen aus drei für Richter wichtigen geographischen Gebieten, die sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Schaffenszeit verfolgen lassen:
1. Lausitz,
2. Ostseeküste und
3. Stadtlandschaft (insbesondere Berlin).

Zu den Lausitzlandschaften

Wie kommt es, dass ein in Berlin lebender Künstler sich mit einer solchen Kontinuität und über einen so langen Zeitraum mit der Landschaft der Lausitz auseinandersetzt? Richter, in Dresden geboren, ist nach seinem Kunsterzieherstudium in Dresden, Leipzig und Berlin am Institut für Kunstpädagogik in Berlin geblieben. Dort hat er zunächst wissenschaftlich gearbeitet, später Studenten künstlerisch-praktisch ausgebildet und wurde 1979 zum Professor berufen. Seit etwa 1960 führten ihn damals übliche studentische Arbeitseinsätze, die gekoppelt wurden mit dem Malen und Zeichnen in der Landschaft, in die Lausitz. Daraus entwickelte sich eine Patenschaftsbeziehung zwischen dem BKK „Glück auf“ in Knappenrode und dem Institut an der Humboldt-Universität Berlin. Die nun jährlich stattfindenden Plainairs in der Lausitz wurden zum festen Bestandteil des Kunsterzieherstudiums. Ich selbst hatte mehrfach die Gelegenheit, mit Gerenot Richter in der Lausitz unterwegs zu sein: 1979 als Student und dann ab Mitte der 80er Jahre als Kollege.

Durch diese Praktika erreichte Richter eine besondere Vertrautheit mit der Landschaft, er benötigte keine langen Eingewöhnungsphasen, er hatte sich schon in den vorangegangen Jahren die Landschaft erobert und sich ihre Besonderheiten erschlossen. Vieles war Wiederbegegnung mit Vertrautem und ermöglichte ihm, die in der Zwischenzeit erfolgten Veränderungen der Landschaft wahrzunehmen. Durch den Braunkohleabbau war diese ständigen Bewegungen unterworfen. Straßen veränderten ihren Verlauf, Dörfer wurden weggebaggert, aber auch Neues entstand. Das „Werden und Vergehen“ – sein großes Thema – wurde ihm hier sozusagen real vorgeführt.

Anfangs war es die zeichnerische Eroberung der Tagebaulandschaft, das Erschließen der durch den Braunkohleabbau geprägten Landschaft. Die Ausmaße einer Braunkohlengrube, deren Weite und Größe zeichnerisch zu bewältigen, war für die Studenten und ihre Lehrer immer eine große Herausforderung. Mit welcher Souveränität Gerenot Richter diese Herausforderung meistert, ist an den beiden im hinteren Raum hängenden Lithographien von 1965 und 1967 erkennbar.

Richter erschloss sich zunehmend auch noch andere, eigene Bildthemen: Zunächst werden die Tagebaurandzonen immer interessanter für ihn, dann werden seine Bildausschnitte immer unspektakulärer und er entfernt sich selbst immer mehr von den Braunkohlegruben und sucht nach anderem. Während die Studenten weiterhin, von Jahr zu Jahr von der Herausforderung dieser gigantischen Weiten der Tagebaulandschaft fasziniert werden, entdeckt er noch eine andere Lausitz.

Blick auf die Stadt Bautzen

Den Blick auf die Stadt Bautzen hat er zweimal radiert, 1973 und 1989. Beide Blätter finden wir im mittleren Raum in einem gemeinsamen Rahmen – so lassen sie sich gut miteinander vergleichen. Das Blatt von 1973 ist die früheste in die Ausstellung aufgenommene Radierung Richters, auf ihm lässt sich seine Suche nach neuen, persönlichen Gestaltungsformen gut erkennen, die gliedernden strengen Schraffurlagen hat er in dieser Form nicht wieder aufgegriffen. Die Miniatur von 1989, die den gleichen Blick auf Bautzen zeigt, ist die vorletzte Grafik, die der Künstler überhaupt geschaffen hat. Danach ist nur noch eine Grafik entstanden: „Herbstlicht (für Ingeborg)“.

Eine Wende zu den späteren Gleichnissen hin zeigt sich bei den Lausitzblättern in der Grafik „Fragmente“. Hier kombiniert er das Wegbaggern eines Lausitzer Dorfes im Hintergrund mit dem Auftürmen antiker Bruchstücke im Vordergrund. Auch in der Gestaltungsweise, kleinteilige Strukturen und dichte Schraffuren, zeigt sich schon die Nähe zu den Gleichnis-Blättern der 1980er Jahre.

Immer sind Zeichnungen Vorarbeiten zu den Radierungen. Man tut den Zeichnungen zwar damit Unrecht, diese nur als Zwischenergebnis zu werten. Sie sind sehr wohl eigenständige Ergebnisse Richterscher Kunst, aber oft sind sie schon im Hinblick auf die Umsetzung in die Druckgrafik entstanden. Viele Entscheidungen für die Grafik werden schon in der Zeichnung vorweggenommen, die Komposition der Drucke oft schon in der Zeichnung endgültig festgelegt. Das erforderte ein sehr konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten vor der Natur. „Wenn ich nicht weiß, dass ich mindestens sechs Stunden Zeit zum Zeichnen habe, fange ich erst gar nicht an“, hat er mir Mitte der 80er Jahre mal gesagt. Das es ihm Ernst mit dieser Aussage war, durfte ich in dieser Zeit oft miterleben.

„Manneken Pis“

Die Kaltnadelradierung „Manneken Pis“ („Lausitzer Landschaft I“) ist auf eine im Stadtpark Lohsa entstandene Zeichnung zurückzuführen. Die tote Wurzel im Vordergrund und die beiden prächtigen Eichen im Hintergrund liegen etwa hundert Meter voneinander entfernt und können in der Natur keinesfalls zusammen gesehen werden, verbinden sich aber schon in der Zeichnung (das Ergebnis von zwei Tagen intensiven Zeichnens) zu einer untrennbaren Einheit. Diese gleichnishafte Verschmelzung wird in der Grafik nur noch vervollständigt durch das titelgebende Figurenzitat aus einem Bild von Bruegel. Für die Zeichnung zu dem Blatt „Gemäuer“ („Lausitzer Landschaft III“), hockte er ebenfalls fast zwei Tage im Gestrüpp vor dem Torhaus des Parks in Neschwitz. Für die Grafik gab es dann nur noch geringfügige Veränderungen, z.B. das Einfügen der kaum erkennbaren Figur.

So ist bei Richter das unmittelbare Erleben und Darstellen der Veränderung der Lausitzer Landschaft durch den Braunkohleabbau – in einer Zeit, da die Darstellung zerwühlter Landschaft und rauchender Schlote in der Bildkunst noch als Verherrlichung wirtschaftlichen Aufschwungs galt – dem grafischen Entdecken erhaltenswerter Kultur, den Lausitzer Schlössern und Parks (Neschwitz, Milkel, Muskau), gewichen.

Zu den Ostseelandschaften

Unbegrenzte Weite, freie Sicht bis zum Horizont, der Mensch nur ein winziges unbedeutendes Teilchen im großen Kosmos, in die Großartigkeit der Natur integriert – das finden wir in allen Strandlandschaften Gerenot Richters, von der Lithographie “Königshorn Glowe II” von 1968 bis zum letzten „Strandläufer“ von 1988, dem drittletzten Blatt Richters überhaupt. Dadurch, dass sich hier von der Motivik her fast nichts ändert, ist die künstlerische Entwicklung und Reife, die Veränderung der Handschrift Richters noch deutlicher erkennbar, als bei den Lausitzblättern.

Stürmische Kraftlinien im weiten Himmel den hektische Flug der Möwen nachzeichnend, die darin in ihrer Bewegtheit fast nicht erkennbar sind, kleine unscheinbare Menschen kennzeichnen die frühen Gafiken (Glowe-Litho und auch noch das Blatt „terra mater“ aus der Folge von Kaltnadelradierungen „Rügen ́74“) – alles ordnet sich dem dynamischen kraftvollen Zeichenstil unter. Es ist kaum ein Unterschied zu Arbeiten anderer Kollegen in dieser Zeit zu entdecken.

Festere Formen, genauere, detailliertere Beschreibung der Natur, achtungsvolle Unterordnung des Zeichenduktus unter die Naturbeschreibung sehen wir zunehmend in der Strandläufer-Folge (im mittleren Raum), der einzigen Reihe, die vollständig in der Ausstellung vertreten ist. Einer der wichtigen Antriebe, sich mit dieser Landschaft auseinanderzusetzen ist sicherlich, dass es die Heimat seiner Frau Ingeborg ist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ab dem „Strandläufer IV“, persönliche Gegenstände (Tasche, Fernglas, Ingeborgs Fahrrad u.a.) zu einem Stillleben im Vordergrund arrangiert werden. „Strandläufer V“ zeigt in der am Ufer ausschreitenden Figur mit der großen Zeichenmappe unter dem Arm ein Selbstbildnis des Künstlers. Alles das drückt auch seine besondere Verbundenheit mit dieser Landschaft aus.

Nur ein weiteres graphisches Selbstbildnis gibt es. Auf dem auch als Einladungskarte verwendeten Blatt „Der Traum des Podagristen – zu Dürers 450. Todestag“ finden wir ihn mit aufgesetzter Lupenbrille und Radiernadel in der Hand, gespiegelt in einer Stahlkugel auf seinem Arbeitstisch. Der Bildtitel gibt Rätsel auf – ein Podagrist, was ist das? Das ist jemand der Podagra hat, also an Gicht erkrankt ist. Die Grafik ist eins von vier Blättern, die Richter Dürer anlässlich dessen 450. Todestages gewidmet hat. Es verrät wie die anderen drei – wir haben noch ein weiteres in der Ausstellung – eine intensive Beschäftigung mit Albrecht Dürer und bezieht sich auf einen Kupferstich Dürers, der besser bekannt ist unter dem Titel „Der Traum“ oder auch „Der Traum des Doktors oder Die Versuchung“. Die linke untere Ecke dieses Kupferstichs taucht auch als Zitat in Richters Blatt auf, alles Weitere kann als sehr persönliche Verneigung vor dem großen Renaissancemeister verstanden werden. Solche Referenzen vor großen Malern der Vergangenheit, besonders der Renaissance, sind nicht selten in Richters Werk, vor allem in den 80er Jahren sind sie vermehrt zu finden: Dürer, Schongauer, Altdorfer, Brueghel, aber auch neuere Anklänge z.B. an Karl Korab.

Zu den Stadtlandschaften

Alles was über Richters künstlerische Entwicklung anhand der Motivbereiche Lausitz und Ostsee gesagt wurde, trifft auch auf seine Stadtlandschaften zu. Aber durch ihre topographische Genauigkeit sind sie auch historisch interessant – wobei aber ihr künstlerischer Wert immer im Vordergrund bleibt.

Was meine ich mit historisch interessant? Die Lithographie „Die neue Silhouette“ von 1971 zeigt einen Ausblick aus dem Institut für Kunstpädagogik in der Burgstraße. Der Titel bezieht sich auf die Hochhäuser am Horizont – davor wirkt alles merkwürdig leer: Die Nikolaikirche zeigt sich uns ohne ihre Turmspitzen, das Nikolaiviertel ist noch nicht gebaut, das Marx-Engels-Forum existiert noch nicht und auf dem Platz, auf dem später das Palasthotel stehen wird, drängen sich diverse Baugerätschaften. Nur die Fläche rechts der Spree, zwischen Berliner Dom und Marstall, ist heute, nachdem der Palast der Republik abgerissen ist, so kahl wie zur Entstehungszeit dieses Blattes.

Aber ich will niemandem die Freude am Selberentdecken nehmen! Und für denjenigen, den das nicht interessiert, weil er Berlin nicht so genau kennt, bleiben es einfach gute Grafiken! Viele haben sich mit Gerenot Richters Grafik beschäftigt, seine Blätter genau analysiert. Besonders genannt seien hier Gisold Lammel und Peter H. Feist. Und gute Texte über Richter gibt es auch von Roland Berger und Volkhard Böhm, so dass ich mir bewusst bin, dass es mir unmöglich ist, an dieser Stelle Neues zur Richter-Rezeption beizutragen. Ich könnte höchstens eine Eröffnungsrede aus klugen Zitaten zusammenbasteln. Stattdessen habe ich mich auf ein paar persönliche Erinnerungen beschränkt und versucht, das Konzept dieser Ausstellung zu umreißen.

Schließen möchte ich aber doch mit einem Zitat, weil ich keine besseren Schlussworte finden kann. Es stammt von Ljudmila Bruchholz, anlässlich einer Richter-Ausstellung vor fast 20 Jahren aufgeschrieben:

„Seine [Gerenot Richters] Radierungen, Aquatinten und Kaltnadel-Arbeiten geben poetisches Zeugnis von der Urgewalt der Natur, der Zeitlichkeit alles Lebendigen, der Endlichkeit menschlichen Tuns. Sie erfordern bei ihrer Betrachtung Muße bzw. haben diese zwangsläufig zur Folge. Du kannst dich der verhaltenen Melancholie der Blätter kaum entziehen, gehst in Dich gekehrt, wacher, sinnlich reicher aus dieser stillen Zwiesprache hervor.“

Ljudmila Bruchholz

Abbildung: Gerenot Richter, WV II-075 „Der Traum des Podagristen – zu Dürers 450. Todestag“, 1977


Gerenot Richter (1926 – 1991). Grafiken aus drei Jahrzehnten

Vernissage in der Galerie „Helle Panke“
Einführung: Helmut Müller
Musik: Christian Raudszus (Violincello)

Ausstellung vom 15. November 2011 bis 20. Januar 2012


Richters Gleichnisse in der Kommunität Grimnitz in Joachimsthal


Laudatio von Peter H. Feist zur Ausstellungseröffnung am 2. September 2006

Der Kommunität Grimnitz ist sehr zu danken, dass sie erneut eine Gelegenheit bietet, dem grafischen Werk von Gerenot Richter zu begegnen. Ich danke dafür, dass ich diese Begegnung mit einigen Sätzen eröffnen darf. Ich verstehe sie als kleine Zusätze zu dem klugen Text von Roland Berger in dem Begleitheft zur Ausstellung.


Mir liegt sehr am Herzen, die Bedeutung und Schönheit von Gerenot Richters Arbeiten nachdrücklich hervorzuheben, denn diese haben zwar längst zu Recht viele Bewunderer gefunden, aber nehmen ganz zu Unrecht noch längst nicht den Platz im vorherrschenden Bild von der Kunst unserer Zeit ein, der ihnen zustünde.


Gewiss wurde einiges davon gar nicht so selten sowohl in der DDR als auch als Bestandteil von Überblicksausstellungen vor 1989 in der Bundesrepublik und in zehn weiteren Ländern ausgestellt. Aber es waren zu wenige und vorwiegend nicht sehr große Blätter. So konnten sie nicht jenes dauerhafte Aufsehen erregen, das heute nötig ist, um berühmt zu werden.

Hinzu kommt, dass Richter eigentlich nur nebenbei als Grafiker arbeiten konnte, der seine Blätter auch immer selbst druckte. Zur Hauptsache war er als Hochschullehrer für die Ausbildung seiner Studenten der Kunsterziehung und in Leitungsfunktionen an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig, und als jemand, der ihm in Funktionen und vielen Sitzungen nahe war, weiß ich, das er solche verantwortungsvolle Ganztagstätigkeit sehr ernst nahm.

Das hielt ihn, wie fast jeden von uns, nicht vom Zorn über unnütze Aufgaben und sinnlose Sitzungen ab, die die Zeit für schöpferisches Arbeiten stahlen. Ich möchte hier aber weder über seine Biografie noch über seine ganze Entwicklung als Künstler sprechen, sondern nur einige Anmerkungen zum hier Ausgestellten machen. Es stammt aus den Jahren, in denen Richters Kunst ihren ganz eigenen Charakter gewonnen hatte, d. h. seit etwa 1974.

Es waren nur rund fünfzehn Jahre, die ihm vergönnt waren. Eigentlich müsste zumindest zu jedem der größeren Blätter sehr ausführlich gesprochen werden, und vor allem müsste man zum Betrachten ganz nahe herantreten, um die Einzelheiten, auf die es ankommt, überhaupt sehen zu können. Ich kann nur dazu ermutigen, das zu tun, und versuche, zu verallgemeinern.

Gerenot Richter konzentrierte sich auf den Tiefdruck

D. h. Radierung, Aquatinta, Kaltnadel, Flächen- und Strichätzung. Er erprobte verschiedene Druckfarben und auch Drucke mit zwei sehr verhaltenen Farbtönen. Diese Verfahren des »Machens« immer besser zu beherrschen, ihre spezifischen Wirkungsmöglichkeiten zu erkunden und auch zu bereichern, war ihm ein wichtiger Handlungsantrieb.

Das gilt eigentlich für jeden ernsthaften Künstler. Im Verbund mit seinen Aussageabsichten, von denen noch zu reden sein wird, ging er bis zu extremen Leistungen. In manchen großen Blättern versammelte er eine überwältigende Fülle sich kompliziert verflechtender Formen. Andererseits betrieb er in hier nicht gezeigten Arbeiten eine schier unglaubliche Miniaturisierung, bei der die Darstellung von Dingen und weiten Räumen nur unter der Lupe erzeugt werden konnte.

Richter entschied sich für haarfeine, scharfe Linien, die etwas Darzustellendes genau umreißen, die in ihrem Nebeneinander eine Oberflächenstruktur erfassen oder die in schwungvoller oder verschlungener Führung über die Bildfläche Bewegungen und räumliche Beziehungen suggerieren. Er kombinierte diese Linearität meistens mit der Bildwirkung großer, reiner Flächen entweder unbedruckten Papiers oder von düsterer Tönung. Sie bilden in der Regel den Himmel ab, aber auch eine Schneelandschaft oder den Strand, Gemäuer oder einfach den Hintergrund für Gegenstände.

Ein scharfer Beobachter, der herausforderte

Richter war ein scharfer Beobachter, ein Nachdenkender und ein Fabulierer. Die sichtbare Seite der Welt in ihrer unermesslichen Vielfalt war immer sein Ausgangspunkt, und weil er ein Realist sein wollte, blieb sie im Bild auch erhalten. Das Nebeneinander von Dingen und von Nahem und Fernem, also Großem und Kleinem, ergab in der überraschenden Zuspitzung einen Bildsinn.

Das Bild von Menschen am leeren Strand erzählt etwas über menschliches Verhalten, das Bild von gebrochenen Bäumen spricht von Naturgewalten. Die Sturmkatastrophe von 1980 blieb ihm ein prägendes Erlebnis. Jede Einzelheit erscheint genau so wie in der Realität, und sie kann gar nicht kompliziert genug sein, damit wir von der Genauigkeit der Darstellung überzeugt werden.

Aber dann werden diese Details neu gemischt und mit dem einen oder anderen, meist winzigen Einsprengsel verbunden, das aus einem anderen, alten Kunstwerk herrührt, von Dürer oder Brueghel, Caspar David Friedrich oder Radziwill, auch Zeitgenossen wie Magritte und Janssen. Damit wird plötzlich eine weitere Geschichte erzählt, eine Geschichte von Vorfahren und Kulturtraditionen, von Bewahrenswertem, weil Wertvollem. Richter demonstrierte uns, was er weiß und was er kann. Das ist ein gutes Recht eines Künstlers, und auch Betrachter schätzen das immer.

Richter ließ uns aber vor allem erfahren, was Bilder vermögen

Er nannte eine Reihe großer Blätter Gleichnisse. Die kennen wir aus dem Neuen Testament der Bibel. Eine alltägliche Geschichte wird zum Gleichnis für Anderes, Tieferes, Umfassenderes. Richter beharrte darauf, dass im Grunde alle Bilder Gleichnisse sind. Wir bekommen ein Stück Landschaft gezeigt und erfahren daraus eine Meinung über den Verlauf des Lebens, über Zusammenhang und Chaos, über Sorgen und Hoffnungen.

Im Rückblick erkennen wir deutlicher, wie das Lebensgefühl, das sich in den 1980er Jahren ausbreitete, in seiner Ambivalenz von Zuversicht und Katastrophenangst artikuliert wurde. Die üppige Fülle bekommt etwas Erstickendes, die organischen Formen der Farne und Blätter werden zu kalten, stechenden, technischen Gebilden. Richter gehörte zu den Künstlern, die ganz bewusst und mit guten Gründen künstlerische Traditionen bewahren und deren Werte lebendig halten. Lebendig halten hieß, mit Dürers Kupferstichen etwas Neues zu schaffen.

Richter vereinte das Altmeisterliche mit dem modernen Prinzip, den Zugang zur Bildaussage zu erschweren, damit die Betrachter sich nicht mit einem flüchtigen Blick begnügen können. Das ist Erziehung zur visuellen und geistigen Anstrengung. Ich sehe auch, genau wie Roland Berger, noch etwas anderes. Richter, der die Kunst grundsätzlich sehr ernst nahm, wusste um den Reiz des Unerwarteten und Unlogischen und versteckte gern eine Prise witzigen Spiels im dichten Geflecht seiner Farnkräuter und knorrigen Bäume. Wie die meisten Künstler hat er seine Absichten nicht mit eigenen Worten erläutert. Wir können in einem jetzt veröffentlichten Brief an einen Nürnberger Kunstkenner etwas über seine Formvorstellungen, vor allem aber über drucktechnische Probleme und Schwierigkeiten nachlesen. Selbst der Titel der Werke bringen uns nicht immer auf die richtige Spur.

Die Einladung zur heutigen Ausstellung zeigt einen Ausschnitt aus dem Blatt »Gleichnis III« von 1987, das mit dem Zusatz »Eustachius« versehen ist. Den Namen Eustachius bekam ein legendärer römischer Feldherr, als er sich taufen ließ, nachdem ihm während einer Jagd der Gekreuzigte zwischen den Geweihstangen eines Hirsches erschienen war. Wegen seines neuen Glaubens erlitt er später den Märtyrertod und galt als Heiliger seit dem Mittelalter als einer der vierzehn Nothelfer. Von dieser Legende stellte Richter nichts dar. Nur die Burg am fernen Horizont ist seitenverkehrt aus einem Kupferstich Dürers übernommen, der die Bekehrung des jagenden Waffenträgers wiedergibt. Allein ein Spezialist kann das identifizieren, ebenso, dass das Bauwerk im Mittelgrund die Ruine des im Krieg zerstörten Schlosses Muskau ist. Hauptmotive im Vordergrund sind vielmehr eine vom Sturm gestürzte Buche und sie überragende wuchernde Pflanzenstengel, die ganz ähnlich schon in einem Kupferstich von 1979 auftauchten. Der entwurzelte Baum, die Ruine mit der Bauplastik einer segnenden Figur und die Kräuter lassen sich als Gleichnis für den Kreislauf von Stirb und Werde, Zerstörung und neuem Leben verstehen. Für eine Verknüpfung mit der Eustachius-Geschichte finde ich keine Erklärung.

Das beunruhigt mich an diesem meisterhaften Kupferstich. Meine Vernunft will deshalb revoltieren. Aber dann fällt mir wieder ein: Beunruhigung, Anstachelung von Neugier gehört mit zum Sinn von großer Kunst, von dem kostbaren Lebenswert, den sie für uns bereithält.


Später publiziert in: Peter H. Feist, Nachlese – Aufsätze zu bildender Kunst und Kunstwissenschaft. Herausgegeben von Peter Betthausen und Michael Feist, Lukas Verlag 2016, S. 131-133


Abbildung: Gerenot Richter: II-263 Gleichnis III (Eustachius), 1987

„Gleichnisse. Zur Erinnerung an Gerenot Richter“ Ausstellung im September 2006 in der Kommunität Grimnitz in Joachimsthal (Brandenburg)


Ausstellung in der Kommunität Grimnitz e.V.


Gedanken von Roland R. Berger im Katalog der Ausstellung Gerenot Richters „Gleichnisse“ vom 02.09. bis 9.11.2006 in Joachimsthal

Gleichnisse begleiten die Zivilisationsgeschichte der Menschheit; sie sind von uralten Erfahrungen in Sachen Vernunft, Moral, Religion und Welterklärung geprägt. Manche Gleichnisse erinnern an Sprichwörter und geläufige Redensarten, haben ihren sozial-historischen Ursprung; sie erleben Zeiten der Allgegenwärtigkeit und des Vergessens. Aus der Bibel sind die Gleichnisse Jesu bekannt, parabelhafte Erzählungen, zumeist aus zwei Teilen bestehend. Die erste Aussage, dem täglichen Leben und der Anschauung entnommen, verbindet sich mit der zweiten, die gewissermaßen die Moral der Geschichte verdeutlicht. Diese muss nicht mit einer plumpen Lehre, mit erhobenem Zeigefinger ausgesprochen werden. Die Sprache vermag zwar mittels der Worte unsere Phantasie anzuregen, eventuell auch Bilder vor dem geistigen Auge wachzurufen, aber Worte sind Begriffe und verleiten zum abstrakten Denken, dem die sinnliche Entsprechung fehlt.

Gleichnisse in Bildern zu erkennen, bedarf einer Voraussetzung

Die Werke der bildenden Kunst erzählen mit anders gearteter Anschaulichkeit und folglich müssen bildhafte Darstellungen von Gleichnissen eine poetische Kraft entwickeln, in der Schilderung eines Sachverhaltes so viel Brisanz innewohnt, dass der Betrachter die belehrende Verallgemeinerung aus der Anschauung erahnen und erfahren kann. Gleichnisse in Bildern zu erkennen, bedarf der Voraussetzung, in Bildern lesen zu können. Das heißt, dass etwas über das aus dem Bilde sinnlich Erfahrbare Hinausgehendes, sich als eine intellektuelle Ebene vom Gewußtem auftut und dazugesellt. Diese Kopplung des Wissens mit unserer normalen sinnlichen Ich-Erfahrung, diese Rückbeziehung erschließt uns die komplexe inhaltliche Bedeutung des Bildes. Gleichnisse sind also auf Kenntnisse angewiesen, zumindest ist es so, dass die Gestaltung des Bildes dem Betrachter wenigstens Rätsel aufgibt, die zu lösen er neugierig gestimmt wird.

Gerenot Richters druckgrafisches Werk, in nur einem Vierteljahrhundert entstanden, zeigt zunehmend eine Konzentration auf gleichnishafte Bilder. In einer sich verschränkenden Bezugnahme zwischen Mensch, Natur und Kunst begleitet Richter mit verschlüsselten Kommentaren seine Zeit. So bewusst ausgewählt und veristisch erfasst die zumeist landschaftlichen Motive in den Bildern auch erscheinen, so tiefsinnig sind sie in den raffinierten Kompositionen verwoben mit metaphorischen oder allegorischen Anspielungen und bewahren deshalb, über die Entstehungszeit in den letzten Jahren der DDR hinaus, ihre künstlerische Bedeutung.

Naturkosmos mit Wissens- und Erkenntnisinseln

Dem aufmerksamen Betrachter offenbaren sich in den Bildgeflechten und Bildlabyrinthen neue Gedankengänge, weil es scheinbar unaufhörlich etwas zu entdecken gibt. Dieses Finden und Erstaunen will kein Ende nehmen. Natur erscheint unendlich, quellend und wuchernd. Aber beim Wandern durch diese Bildwelt werden wir gewahr, dass Richter in diesem Naturzauber Gefährdungen nicht ausspart, sie geradezu als Signal hervorhebt und gewissermaßen Idylle und Katastrophe höchst dialektisch in einem melancholischen Blickwinkel auf die Welt erfasst.

Zugleich versteckt Richter in seinem Naturkosmos kleine Wissens- und Erkenntnisinseln, kreuz und quer und wohlbedacht der Kunstgeschichte entnommen. Dieses Einweben von Zitaten, so spielerisch und zufällig es erscheinen mag, vertieft nicht nur die Bildidee und weitet sie geradezu surrealistisch aus, sondern ist oft genug eine Huldigung gegenüber Künstlern, die Richter sehr verehrte, weil sie ihm mit ihren Bildfindungen und Figurationen beispielhaft nahestanden und Ausdrucksformeln für menschliche Befindlichkeiten weit über ihre eigene Zeit hinausgefunden und ersonnen hatten.

So verwundert es nicht, dass Richters Zeitreise bei den großen Moralisten frühbürgerlicher Aufbruchszeit Dürer und Breughel Anleihen aufnahm, weil in deren Bildern schon Zeichen gesetzt waren, zwischen denen die Menschheit wandelt: Himmel und Hölle, Paradies und Verdammnis. Die ethische Verwandtschaft führt Richter aber auch zu Künstlern des 20. Jahrhunderts wie Ernst Barlach, Gerhard Marcks oder Pablo Picasso.

Großartige Gleichnisse des Lebens schlechthin

Richters Bilder mit der üppigen Vegetation, den witzigen und anrührenden, bisweilen auch bildungsbeflissen anmutenden Einsprengseln aus dem kunsthistorischen Fundus, mit diesen Durchblicken auf Hintergründe und Hintergründiges verdichten sich zu großartigen Gleichnissen des Lebens schlechthin: Werden und Vergehen, Treue und Verrat, Bewahrung und Vernachlässigung. Insofern sind sie mit ihren Momenten der Katastrophendarstellung auch Bilder eines beinahe verzweifelten Warnens, dem, angesichts der Lage, nur noch ein Konstatieren der Situation mit vehementer Eindringlichkeit übrigbleibt.


Das Bild der Schändung der Natur wird zum Gleichnis für das, was Menschen angetan wurde, wird und werden kann. Es gibt wohl keinen Künstler, der bei der Darstellung von Bäumen mit derartiger Intensität wie Richter an das Menschsein und Leiblichkeit erinnert.


Neben diesen ernsthaften Querverbindungen, zu denen auch alternative Glücksorte zählen, an denen Liebespaare zu sich finden, fallen Skurrilitäten auf, Zitate, wo Richter Scherz und Ironie einbringt oder ein merkwürdiges Spiel betreibt, geheimnisvoll und vieldeutig, zuvörderst zeigend, dass er bei „seinen Meistern“ in die Schule gegangen ist. Durch die Jahrhunderte hat sich Richter gründlich in der Radier- und Zeichenkunst umgeschaut, denn man findet allenthalben in seinen Arbeiten Hinweise auf Albrecht Altdorfer, Hercules P. Seghers, Giovanni Battista Piranesi, Rodolphe Bresdin, Charles Méryon und andere.

Handwerkliche Neugier und Traditionsverständnis

Richters Suche nach Verwandtschaft war sowohl von handwerklicher Neugier als auch von einem besonderen Traditionsverständnis der realistischen Kunst geprägt. Realismus war für Richter kein dogmatisches Konzept. Authentische Schilderung, fußend auf fleißigem Naturstudium, genügte ihm nicht, eine zweite Gegenstandsschicht, jenes Hinzugewusste und intellektuell Anregende wurde angestrebt. Und oft kommt noch eine dritte Ebene ins Spiel, nämlich die provokant und verführerisch durch die verblüffend artifizielle Gestaltung an den Betrachter herangetragene Forderung, sich mit dieser komplizierten und komplex strukturierten Bildwelt zu beschäftigen.

Wenn auch das Betrachten der Werke Geduld und Muße erfordert, so wird der Augensinn und der Geist aber doch überreich belohnt: mit einem fantasievollen Bildgefüge, untersetzt von einer furiosen Idee und getragen durch eine unwahrscheinlich meisterhafte grafische Gestaltung. Unterschwellig ist das natürlich eine Kritik an der totalitären und zugleich seichten Bilderflut in unserer Mediengesellschaft.

Wichtig erscheint, dass Gerenot Richters Orientierung an dieser dichten und sehr langen Traditionslinie in der DDR-Kunst keine Einzelerscheinung war, wenngleich er mit seinen Arbeiten in der Ostberliner Kunstszene als Einzelgänger galt. Richter ist vielleicht unter diesem Aspekt mit Werner Tübke und dessen Schaffen vergleichbar. Dieser erwähnte in einem Interview, dass er auf einer „perforierten Zeitachse“ lebe und arbeite und zum Beispiel Jacopo da Pontormo als Kollegen ansehe. Der Personenkreis einer „gefühlten Zeitgenossenschaft“ ist in Richters Bildern ebenso offensichtlich.

Gleichnisse für soziale Befindlichkeiten

Und hinzu kommt mit dem Beginn der 1970er Jahre, als Richter auf dem Wege zu seinem Individualstil war, eine generelle Zunahme poetisch-erzählerischer Momente in der DDR-Kunst sowie ein wachsendes und waches Bewusstsein der Künstler, was man mit Bildern an gesellschaftlicher Problematik ausdrücken kann. Bilder wurden oft zu Zeichen und Gleichnissen für soziale Befindlichkeiten, Auslöser für Diskussionen und sie gereichten im „Leseland DDR“ zum diffizilen Kommunikationsmittel, an denen es in den eigentlich dafür zuständigen Lebensbereichen fehlte.

Gerenot Richter hat sich auf seine Weise diesem Anliegen gestellt, verantwortungsvoll, ohne auf penetrant aktuelle Bezüge angewiesen zu sein. Der besorgte Ethiker, dem leider ein so genanntes Alterswerk nicht beschieden war, schuf Bilder, in denen das Leben hymnisch gefeiert und Verlorenes elegisch in Erinnerung bleibt. Und ebenso werden Richters Bilder bleiben, sind sie doch Ausdruck für ein sehr individuelles und sensibles Schöpfertum in einer widersprüchlichen Zeit, versehen mit sinnlich-geistvollen Flügeln, tragfähig auf Zeiten hinaus.

Abbildung: Gerenot Richter: II-222 Gleichnis II (Die Blinden), 1985/86


Volkhard Böhm über den Grafiker Gerenot Richter

Er war ein Vollblutgrafiker, ein Radierer par excellence. Gerenot Richters Radierungen und Aquatinten sieht man die Freude und Hingerissenheit ihres Schöpfers an den detaillierten Schönheiten der geschauten und bewunderten Natur und den Formfindungen großer Kollegen der Vergangenheit an. In vielen seiner Bilder verschmolz er beides zu einer genialischen Einheit. Die Wunder der Natur und das Wunder menschlicher Kreativität im überzeugenden Künstlertum offenbaren in seinen Bildern eine Zusammengehörigkeit, die so überraschend wie logisch ist.


In den besten dieser Bilder kann der geduldige, forschende, aber auch genießende Betrachter ganz neue Einsichten in die Einbindung des Menschen, der menschlichen Leistung in die Großartigkeit von Flora und Fauna finden. Im Nachspüren bis ins kleinste Detail und im Aufzählen ihrer Vielfältigkeit liegt die Faszination seiner graphischen Blätter, liegen aber auch ihre Grenzen.

Gerenot Richter hat lange um die Anerkennung seines künstlerischen Schaffens ringen müssen. Er gehört zu den Künstlern, deren Werke zwar früh von kenntnisreichen Sammlern gewürdigt wurden, aber erst spät erkennt die Kunstkritik ihren Wert. In der Mitte der 1980er Jahre gelang ihm dieser Durchbruch. In dieser kurzen Zeit, bis zu seinem frühen Tod 1991, häuften sich dann die Ausstellungen.

Mitte der 1970er Jahre hat Richter sein Thema und sein künstlerisches Ausdrucksmittel gefunden. Seine Technik wird der Tiefdruck mit all seinen Möglichkeiten. Als Künstler und als Drucker – er druckt fast alle seine Blätter selbst – bringt er es zu überzeugender Meisterschaft. Sein Thema wird das Gleichnis. Zwar nennt er „nur“ eine Folge von zwischen 1983 und 1988 entstandenen Grafiken „Gleichnisse“; dessen ungeachtet, haben fast alle seine in der reifen Phase entstandenen Grafiken Gleichnis-Charakter – ausgenommen wenige reine Landschaftsradierungen.

Das Thema: Schönheit und Gefährdung von Natur und Mensch

Dabei vereinen Richters Gleichnisse sowohl das Wesen der Parabel als auch der Allegorie. Er erzählt Geschichten, um zu einer konkreten Aussage zu kommen, er verklausuliert Bildelemente, denen reale Landschaften, reale Personen oder reale Kunstwerke zugrunde liegen, deren umfassende Aussage erst in der Entschlüsselung liegt. Es geht ihm um die Schönheit und Gefährdung von Natur und Mensch, um Vergänglichkeit und den Sinn allen Lebens. Das sind Fragen, die er immer wieder aufgreift. Anleihen und Bestätigung holt er sich in der älteren Kunst, bei Schongauer etwa, oder bei Dürer, Bruegel, Friedrich.

Diese Zitate werden deutlich benannt (mitunter auch im Titel), fügen sich harmonisch ins Bildganze ein, verschmelzen zu einem einheitlichen Bild. Einige werden nur für den wirklichen Kunstkenner sichtbar, weil sie so selbstverständliches Kompositions- und Gestaltungselement werden, das ihr eigentliches Zuhause eben gerade dieses Bild zu sein scheint. Warum sollte der Grabstein in dem Blatt „Ging heut morgen übers Feld“ nicht gerade in diesem wuchernden Park stehen? Man spaziert durch die reichhaltige Pracht, zieht einige Zweige und Blüten auseinander und steht davor. Oder der strullernde Mann im Blatt „Manneken Pis“ – ein Bildzitat von P. Bruegel d. Ä. – könnte hier genauso selbst geschaute Realität sein.

Damit macht uns Richter aber auch auf etwas anderes aufmerksam – die Zeitlosigkeit großer Kunst, ihre immerwährende Wahrheit. Dürer, Bruegel, Marcks sagen uns nach wie vor womöglich mehr über uns und unsere Welt als manch zeitgenössische Spitzfindigkeit.

„Frühling mit A.D.“

So etwa in dem 1982 entstandenen Blatt „Frühling mit A.D.“, ein Fensterbild als Sinnbild für Hoffnung und Sehnsucht. Draußen vor dem Fenster steht der Dudelsackpfeifer aus einem Kupferstich Dürers von 1514 inmitten einer winterlichen Landschaft, drinnen auf dem Fensterbrett ein welkes Blatt, blühender Ritterstern, treiben der Rhabarber und ein Schneckenhaus, alles Sinnbilder in einem großen Gleichnis: Werden und Vergehen, Ausgesetztsein und Geborgenheit und der schöpferische Mensch eingebettet in den Lauf der Geschichte.

Und Richter beherzigt eine andere Erkenntnis seiner Vorgänger. Wichtig ist nicht das technische Raffinement pur. Er bleibt bei der klaren soliden Handhabung der Mittel und der graphischen Technik. Spontanität und technisches Experiment finden keinen Eingang, darin ist seine Kunst klassisch geprägt. Sie setzt eins voraus – die Zeichnung. Richter ist ein akribischer Zeichner. Er zeichnet auf seinen Reisen, Landschaftseindrücke, Architekturen, er zeichnet in Museen, und er zeichnet in den Studentenpraktika an der Ostsee und in der Lausitz, im Braunkohlentagebau bei Hoyerswerda oder im Harz bei Nordhausen.

„Strandläufer“

1976 und 1977 entsteht die Folge „Strandläufer“. In ihr verarbeitet er Erlebnisse seiner Sommeraufenthalte an der Ostseeküste. Neben der Großartigkeit der Natur mit ihren phantastischen Stränden, verschlungenen Wurzeln, abgeschliffenen Buhnen, dem flachen Horizont und der weiten Himmelsfläche steht winzig klein der Mensch. Dazu kommen Stillleben mit Gegenständen der Zivilisation.

Es ist die Sehnsucht nach Weite und Unabhängigkeit. Im fünften Blatt der Folge sehen wir den Künstler selbst, wie er mit dem Skizzenblock hineinschreitet in die scheinbare Unendlichkeit, sein Motiv suchend. Vorne, groß, das Stillleben mit den Utensilien des wandernden Künstlers und über ihm vor dem dunklen Himmel der riesige Wolkenberg einer Cumulus-Wolke – dieser Schönwetterwolke, die sich, wenn sie am frühen Morgen erscheint, im Laufe des Tages zur mächtigen Schauerwolke entwickeln kann – Sinnbild alles für die Schön- und Erhabenheit aber auch Unberechenbarkeit der Natur. Wolken, also die Gestaltung der Himmelsflächen, werden bzw. wird zunehmend seltener in Richters Werk. In den dann meist grauflächigen, monochromen Himmelszonen weicht die Dramatik einer eher melancholischen Stimmung.

„Nach dem Sturm“

Diese Metapher von Natur – Großartigkeit und Unberechenbarkeit – führt Richter in seiner Folge von sechs Blättern „Nach dem Sturm“ (1980-82) zu einem überzeugenden Höhepunkt. Entwurzelte und splitternd abgeknickte Bäume werden Sinnbilder für die Vergänglichkeit allen Lebens. Hintergrund ist die Sturmkatastrophe von 1980, deren Folgen Richter in und um die Harzstadt Nordhausen erlebt hat. In diesen Sturmblättern bezähmt er seine Freude am Detail, kein Bildzitat führt auf andere Wege, keine Geschichten werden erzählt, ja eigentlich verleugnet hier Richter sein künstlerisches Naturell – Graphiken von bestechender Eindringlichkeit entstehen, erschütternd mit ihrer Wahrheit und in ihrer Wahrhaftigkeit.

Die Farbgraphiken dieser Folge und seine anderen Farb-Aquatinten bleiben in ihrer Beschränkung auf wenige diffizil aufeinander abgestimmte Farben Graphik durch die Beschränkung der Mittel, Graphik in bester Tradition. Bäume sind das wohl wichtigste, immer wiederkehrende Motiv des Künstlers, Bäume geschunden als Baum-Ruine und Baum-Torsi als Sinnbild von Tod und ewiger Metamorphose, Bäume, kraftstrotzend im unverwüstlichen Wuchs, Sinnbild des Lebens, der Beständigkeit. Bäume sind bei Richter Geschöpfe mit Physiognomien und Gestik.

„Gleichnis (I-III)“

Neben der Sturm-Folge schuf Richter zwischen 1983 und 1989 eine zweite großformatige Folge von sieben Graphiken mit gleichnishaftem Charakter, auch wenn er nur drei davon direkt als „Gleichnis (I-III)“ bezeichnet. In ihnen entwickelt er ein Gegen- und Miteinander verschiedener Sinnbilder als Metapher für Tod und Leben, Ewigkeit und Vergehen, Kreativität und Destruktion, kommt so zu Weltpanoramen aus einer zutiefst humanistischen Lebensphilosophie. Die Bilder werden zu Meditationen über Fragen der menschlichen Existenz. In diesen Blättern vereinigt er seine Ausdrucksmittel zu seinem künstlerischen Credo, zum Zusammenklang, ähnlich einer großen Symphonie.

Eines dieser Blätter ist dem verehrten Komponisten Gustav Mahler gewidmet: „Ging heut’ morgen übers Feld“. Auch in diese großartige Komposition webt er Bildzitate ein: das Paar und die Waffelbäckerin sind von Bruegel, ein Paar von Schiele, ein Baum von Magritte – alles von Bildern aus Wiener Museen. Eine entsprechende Reise ging voraus. Dazu kommt Mahlers Grabmal und das Stift St. Florian, in dem der Lehrer Mahlers, der Komponist Anton Bruckner, wirkte und begraben liegt. All das ist eingebunden in eine üppig wuchernde Fauna, unterbrochen nur durch die bizarre Gestik eines toten Baumes, darüber schroffe, schneebedeckte Felsen der Alpen, der Erhabenheit des antiken Olymps gleich – Tod und Leben als zusammengehörende Antipoden in den Metaphern toter Baum und üppige Vegetation, Liebespaar und Grabstein. Der Hymnus an die verehrten Vorgänger verbindet sich mit dem Glauben an die Ewigkeit menschlichen humanistischen Schöpfertums durch die Jahrhunderte und dessen Erhabenheit in seiner höchsten Vollendung.

Gleiches findet man in Richters letztem Blatt „Herbstlicht“, das er seiner Frau widmet. In Impressionen aus dem Schlossgarten von Neschwitz ruhen Barlachs „Schlafende Vagabunden“ unter alten halb abgestorbenen Eichen. Auch dieses Bild ist voller Metapher von der Überwindung von Tod und Vergänglichkeit durch menschliches Schöpfertum und menschliche Zuneigung.

Stadtbilder

Neben diesen großen Gleichnis-Landschaften knüpft Richter gelegentlich an seine früheren Stadtbilder an. Die Stadtbilder der 1980er Jahre haben als Motiv häufig das Gebiet um die Berliner Museumsinsel. In unmittelbarer Nähe befand sich seine Wirkungsstätte als Dozent im künstlerischen Lehrbereich. Diese Bilder sind nicht nur weitgehend topographische Bestandsaufnahmen, Richter sinniert in ihnen über das Wechselspiel von Alt und Neu, von Beständigkeit und Zerstörung.

Zwischen den aufwendigen, oft großformatigen Aquatinta-Radierungen entstehen Grafiken in der Kaltnadeltechnik, spontaner, emotionaler und großzügiger – impressionistisch. Richters Grafiken, die großformatigen Blätter und die vielen Miniaturen, sind geprägt von dieser eigenartigen Mischung aus Emotionalität, die sich in der Freude am Detail, an der einzelnen Form berauschen kann und in der Solidität und Rationalität der technischen Mittel, in der präzisen Zeichnung und der nachvollziehbaren Abfolge der Aquatinta-Töne.

Richter war mit seiner Kunstauffassung ein Einzelgänger in der Berliner Kunst oder er hat, wie Heinrich Burghardt sein Lehrer an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Ende 1994 schreibt, mit seiner Kunst „in Berlin eine gänzlich neue Seite aufgeschlagen“, die allerdings keine direkten Nachfolger gefunden hat.

Dieser Text von Volkhard Böhm wurde entnommen aus:
Graphische Kunst, Heft 52, Edition Curt Visel, Memmingen 1999
Aus Gründen der Lesbarkeit im Netz wurde der Text leicht redigiert.

Abbildung: Gerenot Richter: WV II-158 Frühling mit A. D., 1982


Berlinansichten zwischen Objektnähe und magischer Entrückung

In den 1980er Jahren radierte Gerenot Richter eine Folge Berlinansichten. Sie umfasst Darstellungen markanter Architektur der zwischen Oranienburger Straße, Friedrichstraße und Unter den Linden gelegenen Region, die er jahrzehntelang nahezu tagtäglich erlebte. Besonders häufig kehren auf diesen Bildern Motive der Museumsinsel wieder. Auf sie blickte er von seiner Arbeitsstätte im Dachgeschoss der Burgstraße 26. Wenngleich er weitgehende topografische Treue bewahrte, ging es ihm keineswegs um die Gestaltung von Stadtveduten.

Ihm lag viel daran, auch den Charakter und die Biografie des jeweiligen Architekturkomplexes anzudeuten und seine Gedanken über jene geschichtsträchtigen Bauwerke hineinzuweben. Vom Gesehenen ausgehend, vermochte er, Sinnbilder zu schaffen und Architekturerlebnisse zu Elegien, Mahnungen und Hoffnungen zu formen.

Gerenot Richter äußerte in diesen Bildern seine Betroffenheit über Kriegszerstörungen, aber auch seine Genugtuung über die Wiederherstellung wichtiger, das Antlitz der Stadt prägende Bauten. Er meditierte in ihnen über die Rolle der gebauten Umwelt im gesellschaftlichen Leben und über Veränderungen, die Zeiten und Ereignisse im Bild der Stadt hinterließen. Auf Staffage verzichtete er weitgehend, dennoch wohnt den Darstellungen eine soziale Bezogenheit inne. Für die einzelnen Blätter der Folge wählte er unterschiedliche Jahres- und Tageszeiten und deutete somit Wandel wie auch verschiedene Stimmungen an.

„Museumsinsel bei Nacht“

Eine von Richters frühen Berlinansichten ist das Blatt „Museumsinsel bei Nacht“ (1983), vom Kupfergraben aus gesehen. lm Vordergrund markiert die sich auf massigem Sockel erhebende Steinsäule mit der sie bekrönenden Lampenkugel den Zugang zur Monbijoubrücke. Jenseits des Spreekanals lagert das neubarocke Bodemuseum, dem sich das neuklassizistische Pergamonmuseum anschließt.

In einigen Museumsräumen brennt noch Licht, das auf das Leben in den Innenräumen weist. Die erleuchteten Fenster, die erstrahlende Lampenkugel und der tief am Himmel stehende Mond sowie vielfältige Reflexe, die sich auf den Wolken und dem Wasser abzeichnen und das Ufer- und Brückengeländer sowie Basis und Kapitell im Vordergrund plastisch heraustreten lassen, leihen der Stadtlandschaft einen belebenden Glanz.

„Spreeathen I“

Der „Museumsinsel bei Nacht“ folgte „Spreeathen I“ (1984), ein Blatt, das als Pendant zum ersten entwickelt worden ist. Es zeigt wiederum die Museumsinsel, jetzt aber bei Tage und von der anderen Seite. Der Künstler blickte vom Ufer der Burgstraße, und zwar an der Einmündung zur Neuen Friedrichsbrücke, auf die Nationalgalerie, die Rückseite des Pergamonmuseums sowie auf das hinter der S-Bahnbrücke befindliche Bodemuseum nıit seiner markanten Kuppel.

Rechts im Hintergrund zeichnet sich der Neubau der Charité ab. Auf der Spree transportiert gerade ein Lastkahn Bausand, währenddessen im Vordergrund einige Möwen über das Wasser gleiten und die Helligkeit des hohen Himmels wiederklingen lassen.

„Berliner Mahnmal“

Eine weitere Darstellung der Folge Berlinansichten nannte Richter „Berliner Mahnmal“ (1985). Er hat hier die Ruine der Neuen Synagoge wiedergegeben. Die von Edmund Knoblauch und Friedrich August Stüler nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts erbaute Hauptsynagoge der Berliner jüdischen Gemeinde, eine herausragende Leistung deutscher historistischer Architektur, wurde in der Reichskristallnacht (vom 9. zum 10. November 1938) zerstört. So sind die hier gezeigten übriggebliebenen Mauern eine steinerne Anklage der Barbarei des Faschismus.

Der Künstler wählte bedacht einen sich neigenden eisigen Wintertag, um die Ruine der Vorsynagoge zu zeigen. Schneereste lassen die Formen hart aus dem Dunkel treten. Das Weiß dringt schrill in den Bildraum und beunruhigt zutiefst. Dächer niedriger Schuppen bilden für das aufgerissene Bauwerk einen breiten Sockel und zugleich auch eine distanzgebietende Zone für den Betrachter. Dort reckt sich wie auch auf der Ruine kahles Geäst empor.

„Die Uhr im Lesesaal“

Das Blatt „Die Uhr im Lesesaal“ (1985) zeigt das kriegszerstörte Herzstück der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek (und jetzigen Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Unter den Linden). Der Künstler richtete seinen Blick auf die Reste des von Ernst von Ihne entworfenen oktogonalen Kuppelsaals. Bildbestimmend ist die Uhr, die einst den Wissensdurstigen über sinnvoll genutzte Zeit Auskunft gegeben hat und jetzt nur noch an den grauenvollen Krieg erinnert.

Das Rund des Zifferblattes wird von Ornament- und Mauerstreifen aufgenommen und hallt in einigen Bogenstellungen nach. Ein dunkler Himmel lastet auf der Ruine. Im Vordergrund deuten allerdings Bretterbuden, Betonmischer, Bauholz und Sandberge die begonnene Wiederherstellung des Gebäudes an.

„Neues Museum“

Ein weiteres Bild der Folge Berlinansichten zeigt das Neue Museum vom Kupfergraben aus. Richter nannte das 1986 geschaffene Blatt „Artem non odit nisi ignarus“ und griff somit die Inschrift unterhalb des Giebeldreiecks auf. Das von dem Schinkelschüler Friedrich August Stüler in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts erbaute spätklassizistische dreigeschossige Gebäude brannte 1945 aus. Die löchrige Fassade, die einen Durchblick gestattet, wirkt unheimlich.

Merkwürdigerweise ist das Giebelrelief mit den Personifikationen der Kunst und des Kunstgewerbes, eine Arbeit des Rauchschülers August Kiss, weitgehend erhalten geblieben. Die kahlen Bäume mit verschiedenartigen Kronen behindern nur wenig die Sicht, aber sie bilden zu den strengen Linien der Architektur einen belebenden Kontrast. Der Bauzaun sowie Ufergeländer und Bürgersteig gehen gleichfalls von dem Gefüge rechter Winkel ab, setzen jedoch den Rhythmus des Helldunkels fort.

„Drei Grazien“ (Friedrichstadtpalast)

Auf dem ebenfalls 1986 entstandenen Blatt „Drei Grazien“ führte Richter hingegen ein im Abriss befindliches Gebäude vor Augen, nämlich den alten Friedrichstadtpalast, der einst für die Theater- und Varietégeschichte eine große Rolle gespielt hatte. Aus bautechnischen Gründen wurde das Bauwerk abgetragen. Erinnert die Eisenkonstruktion im Bild an die in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts von dem Schinkelschüler Friedrich Hitzig erbaute Markthalle, so weisen die sonderbaren Kapitelle – die „drei Grazien“ – auf die fantasievolle Umgestaltung des Gebäudes zum „Großen Schauspielhaus“, die Hans Poelzig, einer der bedeutendsten Architekten des Expressionismus, vornahm.

Richter hielt, in der Ruine stehend, einen Durchblick zum Theatergebäude des Berliner Ensembles fest, dessen Turm sich vor dem lichten Himmel abzeichnet. Am linken Bildrand breitet hinter einer Eisenstütze ein Baum seine Krone aus. Organisches wird somit gegen Anorganisches und intakte Architektur gegen defekte gestellt. Die flackernde Unruhe in der Ruine, durch nuancenreiches Helldunkel und vielfältige Strukturen betont, wird durch die strengen Parallelläufe der Eisenkonstruktion und des Mauerwerks in eine Ordnung gebannt.

„Die Neue Friedrichsbrücke“

Eine weitere Ansicht der Friedrichsbrücke gestaltete Richter von der Burgstraße aus, nämlich „Die Neue Friedrichsbrücke“ (1987). Er lenkte dabei den Blick in entgegengesetzter Richtung über die Spree, den mächtigen, von Julius Raschdorff um die Jahrhundertwende gebauten Dom fest ins Auge fassend. Die Kriegsschäden an dem gewaltigen historistischen Bauwerk waren außen schon in den Jahren von 1975 bis 1981 beseitigt worden.

Rechts des Doms ist das von Karl Friedrich Schinkel errichtete Alte Museum zu erkennen, das gleichfalls im Krieg großen Schaden erlitten hatte und dessen Wiedererrichtung ein gutes Beispiel für den pfleglichen Umgang mit dem Kulturerbe bildete. Zu diesen historischen Bauten gesellen sich auf der Darstellung Richters noch zwei Neubauten des Stadtzentrums: der Palast der Republik (inzwischen abgerissen und Standort des Humboldt-Forums) und das Palasthotel (jetzt Hotel Radisson). Die Neue Friedrichsbrücke wirkt wie eine Klammer, die alte und neue Architektur zusammenfaßt.

Harmonie und Beunruhigung

Eine seltsame Anziehungskraft geht von Richters Ein- und Durchblicken aus. In den Bildern seiner Folge Berlinansichten entwickeln sich feine Spannungen zwischen Objektnähe und magischer Entrückung, Harmonie und Beunruhigung, der Prägnanz von Formen und dem Verdämmern von Konturen, Organischem und Anorganischem, wenig und reich strukturierten Flächen. Lichtwirkungen und Grauwerte nutzte er bedacht für die Suggerierung bestimmter Stimmungen.

Die Folge der Berliner Stadtansichten entstand im Tiefdruckverfahren (Radierung und Aquatinta). Sie bezeugt nicht nur Richters entwickelten Sinn für Bildregie, sondern aus seine richtungsempfindliche Organisation der Motive, bei der langjährige Wirkungseinsichten verarbeitet worden sind. Er weiß um die unterschiedlichen Ausdrucks- und Stimmungswerte der Seiten, und er beherrscht souverän das Arbeiten auf der Platte im Gegensinn.

Der Text wurde veröffentlicht in:
> Lammel, Gisold: Meister des Kupferstichs – Gerenot Richter, Hrsg. von G. Brandler, Edition Schwarz Weiß, Spröda 1997
> Lammel, Gisold: Gerenot Richter, Katalog der Deutschen Bücherstube, Berlin 1987

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in: Lammel, Gisold, Meister des Kupferstichs – Gerenot Richter
Hrsg. von G. Brandler, Edition Schwarz Weiß, Spröda 1997

Prolog

Die Bilderwelt, die er uns hinterlassen hat, enthält vieles: beglückende Blumenstücke, zerfahrene Wege, die in begrenzte Tiefe führen und immer wieder Bäume, lebenstrotzende, versehrte und verendete. Architektur finden wir in ihr, Lobgesänge auf kunstsinnige Baumeister voraufgegangener Zeiten, ruinöses Bauwerk auch als Zeichen der Zeitlichkeit wie des menschlichen Irrsinns. Aus seinen Bildern spricht der besorgte Ethiker, den eine tiefe Liebe zu Natur, Mensch und Kunst erfüllt hat. Sie reflektieren Gedanken über Werden und Vergehen, Endliches und Zeitloses, über die Gefährdung der Natur, der Menschen und ihrer Werke, über die Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft, über Lebenswillen, Selbstbehauptung und Schöpfertum. Ein grüblerisches Naturell hat sich da offenbart und auf humanistischem Bildungsgrund Bildgedanken aufgetürmt.

Richters Elegien über Verlorenes und Vergehendes verbinden sich zumeist mit Oden an das Leben und die Lebenswerte. Weder ein Elysium noch ein Inferno, wohl aber angetastete und auch von Katastrophen heimgesuchte Lebensräume führte er vor Augen. In seinen Bildern stellte er Vorgänge und Zeichen der Natur in Bezug auf soziale Prozesse und einige grundsätzliche Verhaltensstrukturen dar. Seine Gedanken und Fragen sind ganz in die Bildlichkeit eingegangen. Er hat keine literarisch orientierte Bildlichkeit besessen, wohl aber eine poetische; und seine Leistung als Bilddichter ist zu würdigen.

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Ausstellungskritik von Peter H. Feist

„Sie haben mich mit einem Meisterwerk beschenkt, das seinesgleichen in der heutigen Grafik lange suchen wird!“ Der große, alte Bildhauer und Grafiker Gerhard Marcks formulierte gewiss keine unbedachte Schmeichelei, als er 1979 für eine Hommage dankte, die Gerenot Richter ihm über die deutsch-deutsche Grenze gesandt hatte. Dabei standen die Höhepunkte in Richters Schaffen noch bevor.

Der gebürtige Dresdner, der seit den frühen fünfziger Jahren in Berlin lebte, wäre am 5. Dezember siebzig geworden. Aber das Blatt „Herbstlicht“, das er 1989 seiner Frau widmete, hatte er schon mit letzter Kraft gedruckt. Am 5. Januar 1991 erlag er dem Krebs. Es waren nur anderthalb Jahrzehnte gewesen, in denen er das Eigentliche und Eigene seines staunenswerten Lebenswerk schuf. Dabei entstand dieses, äußerlich betrachtet, nur nebenbei. Richter bildete Kunsterzieher an der Berliner Humboldt-Universität aus und erfüllte diese Aufgabe sorgfältig und verantwortungsbewusst wie die zeitraubendenden Leitungsfunktionen, die ihm abverlangt wurden. Extern holte der promovierte Pädagoge das Malerdiplom an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee nach. Seine wahren Lehrer suchter er sich aber mit den eigenen Augen in den Werken bewunderter Vorgänger.


In den 1960er Jahren zeigte seine Kunst noch kaum auffällige Eigenschaften. Seit den frühen 1970er Jahren ging er dann seinen Einzelgängerweg. Dabei war er in seinem den Menschen zugewandten, offenen Wesen und jugendlich wirkenden Habitus das ganze Gegenteil eines sich abkapselnden Egozentrikers. Er ließ sich nur nicht abbringen von dem, womit er Gutes tun wollte. Er bewegte sich nicht in einer Strömung, ein Kunsterzieher hatte es auch nicht ganz leicht bei den „freien“ Künstlerkollegen, aber seine Gestaltungsweise sprach Kunsterwartungen an, die sich seit den 1970er Jahren nachdrücklich ausbreiteten. So wuchs ihm bei bemerkenswert vielen Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, seit 1970 auch im Ausland, seit 1980 im Westen Deutschlands, immer mehr Aufmerksamkeit zu.


Der Verein Berliner Grafikfreunde INVENTOR gibt in diesen Tagen Gelegenheit zu einer anrührenden Wiederbegegnung mit seinen stillen, hintergründigen Arbeiten.

Kultur, Wachstum und Absterben oder jähe Zerstörung …

Für Richter wurden die Radierung und anderen Verfahren des Tiefdrucks zum einzigen Medium, das seinen Bildvorstellungen Genüge tat. In winzigen Blättern von 4 x 5 cm, gleichsam ästhetischen Mikrochips, brachte er ganze Landschaften unter; große Blätter von 50 x 65 cm füllte er mit Wunderwelten präzise gezeichneter Dinge, feinster Helligkeitsstufen und ins Unendliche strömender Raumtiefen. Natur und Menschenwerk, sprich Kultur, Wachstum und Absterben oder jähe Zerstörung, Gegenwart, Geschichte und Zukunftssorgen waren die gedanklichen Pole, in deren Spannungsfeldern sich seine Bildfantasie entzündete. Er lässt uns an seinem Staunen über den Formenreichtum von Steinen, Bäumen, Blumen und Häusern teilhaben und entdeckt uns, dass die Dinge nicht nur sie selbst sind, sondern auch Gleichnisse werden können. Die bizarren Folgen von Natur- oder Kriegskatastrophen („Nach dem Sturm, 1980-1981); „Berliner Ruinen (1985 bis 1987) waren nicht bloß ein Reiz für Künstleraugen. Sie lösten Gedanken- und Assoziationsketten aus. Viele Künstler beschwören mit Motivzitaten einen Kulturwert, damit er nicht verloren gehe. Gerenot Richter versteckte sie auf einzigartige Weise in „Weltlandschaften“ von überbordender, wuchernder Fülle. Er bewunderte Dürer und Altdorfer, Bruegel, Herkules Segher, Caspar David Friedrich wie Klimt und Magritte.

Die „Strandläufer“ von 1976 bis 1981 hatten noch einen wagemutigen Schwung ins verlockende Weite und Helle. Vom windumwehten Torso einer vorwärtsschreitenden griechischen Göttin fliegt eine Möwe auf. Das Beunruhigende der dunklen Wolken, der erkalteten Gestirne in anderen Blättern begreifen wir im Rückblick besser als damals. In den großen Radierungen von 1983 bis 1988, mehrere als „Gleichnis“ betitelt, in denen sich Richters Schaffen in einem mächtigen Aufschwung vollenden musste, sehen wir jetzt, wie das Dunkle übermächtig wurde. Immer krausere, gespenstisch anmutende Vegetation wächst die Figurenzitate zu, Bäume brechen, Parks verwildern in ahnungsvoller Trauer. Es waren Bilder auf das Ende zu.

Im Individuellen das Zeitgeschehen, im Ausschnitt einen Weltzusammenhang erfassbar machen, war Schaffensmaxime dieses Romantikers mit scharfem Verstand. Indem er sie verwirklichte, hinterließ er einen Beitrag zur Kunstgeschichte von außergewöhnlichem Rang und symptomatischer Gültigkeit.

Autor: Prof. Dr. Peter H. Feist
in: „Neues Deutschland“ vom 03.12.1996


Abbildung: Gerenot Richter, WV II-304 Herbstlicht (für Ingeborg), 1989, Radierung und Aquatinta, 50 x 65 cm

Ausstellung am zwei Orten:
Studio Bildende Kunst, Berlin-Lichtenberg, John-Sieg-Straße 13 (bis 15.12.1996);
Bürgerhaus Glienicke / Nordbahn, Moskauer Straße (bis 21.12.1996)