Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Begegnung (Bremer Iris) [1988]
Das sechstes Blatt der Reihe Gleichnisse reflektiert „Gedanken über Lebenswillen und Selbstbehauptung. […] Ganz vorn schieben sich auf der linken Seite Schwertlilien ins Bild. Am weitesten ragt aus der Blumeninsel jene Iris heraus, die Dürer auf einer Aquarellstudie (Kunsthalle Bremen) wiedergegeben hat. Die übrigen Lilien sind Variationen dieses Motivs und stimmen einen Hymnus auf den gestaltungmächtigen Künstler an. Doch das unruhig aufleuchtende Blumenstück wird von einer Reihe übergroß gesehener und mahnmalhaft wirkender Weidenstümpfe nahezu erdrückt.
Die Baumriesen, in denen nur noch hier und da letzte Lebenskraft aufflackert, säumen einen aufgeweichten Feldweg, der hart am Bildrand in die Tiefe führt. Diese Baumruinen lassen an Widerstand und Lebenswillen denken. Die von Menschen beschnittenen und verunstalteten Weiden haben immer wieder Kraft zum Fortbestehen gesucht, doch nun sind sie dem Ende nahe. Teile ihrer Rinde nehmen bereits die Struktur der zerfahrenen Erde an. Zwischen den Stämmen wird eine flache Landschaft sichtbar, die nach hinten durch einen Waldstreifen abgeriegelt ist. Auf einem Weg, der aus der Tiefe zu den Weiden geleitet, geht ein Paar. Die Frau hält beide Hände über ihren gewölbten Leib, während der Mann an ihrer Seite die Rechte zur Bekräftigung seiner Worte hochreißt. Das Paar geht auf die gespenstisch anmutende Baumzeile zu und somit einer merkwürdigen Begegnung entgegen.
Dem Betrachter erscheinen die beiden Bildfiguren sonderbar entrückt, tragen sie doch renaissancegemäße Gewänder. Und in der Tat stammen sie aus ferner Zeit. Richter holte sie aus Dürers Kupferstich Der Bauer und seine Frau [um 1496 / 1497] herüber, dem Kunstinteressierten eine sonderbare Begegnung bereitend. Somit sind in dieser Komposition eigentlich mehrere Begegnungen enthalten, nämlich die von Menschen mit sterbender Natur, die – durch Blumenstück und Baumzeile angedeutet – von aufblühendem Leben und sich näherndem Tod und schließlich die des Betrachters mit Geschichte, Kunstgeschichte und gefährdetem Lebensraum im Bilde.“
in: Lammel, Gisold, Meister des Kupferstichs – Gerenot Richter
Hrsg. von G. Brandler, Edition Schwarz Weiß, Spröda 1997

Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Die Werkfolge […]
Die Werkfolge […]

Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Mit diesem Blatt äußerte Richter „seinen Unmut über die Blindheit von Menschen gegenüber kulturellen Werten. Er hat in dieser Komposition die Vergänglichkeit des Menschenwerks der sich immer wieder erneuernden Natur gegenübergestellt. Der Betrachter steht in einer Ruine und blickt über die verfallene Terrasse und Treppe auf die verwilderte Parklandschaft, in der sich zwei junge Frauen entkleidet haben, um sich zu sonnen. Fragen drängen sich auf: War es blinde Zerstörungswut, die hier das Bauwerk schändete, oder waren es Blindheit und Gleichgültigkeit gegenüber kulturellen Werten, die Villa und Park verkommen ließen? Wer waren die mit Blindheit Geschlagenen? Und deuten die beiden lebensfrohen Akte vielleicht an, dass sich Menschen sehr leicht an den Anblick von Verwahrlostem gewöhnen können?“
[…]
Die Komposition als Ganzes stiftet Unruhe. Die aggressiven harten und winkligen Formen des ruinösen Bauwerks werden nur geringfügig durch das Blättermeer der Pflanzen und Sträucher gedämmt, obgleich dann einige Stämme der die Lichtung säumenden und den Bildraum abriegelnden Bäume die vertikalen Linien des Vordergrunds aufnehmen und eine gewisse Bildstabilität bewirken. Dennoch setzt sich die Unruhe bis in die vielgestaltigen, zerfaserten Baumkronen fort, die nur wenig vom Himmelsstreifen freigeben. Eine betonte Waagerechte, die festen Halt geben könnte, fehlt. So ist es von der Bildregie her schlüssig, dass einige der Bildfiguren zu Fall kommen; so hat Richter eine sinnlich-gedankliche Einheit herbeigeführt.
Die Bildidee für diese Grafik war Richter beim Anblick des Nordhäuser Parks von Hohenrode gekommen. Einige der dort angefertigten Teilstudien zog er für diese Arbeit heran.“
Gerenot Richters gleichnishafte Bilddichtungen
in: Lammel, G., Meister des Kupferstichs – Gerenot Richter
Hrsg. von G. Brandler, Edition Schwarz Weiß, Spröda 1997
Lesen Sie auch die Erläuterungen zur Werkgruppe „Gleichnisse“ […]

Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Erläuterungen zur Werkgruppe […]


Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Ein Fensterbild als Sinnbild für Hoffnung und Sehnsucht. Draußen vor dem Fenster steht der Dudelsackpfeifer aus einem Kupferstich Dürers von 1514 inmitten einer winterlichen Landschaft, drinnen auf dem Fensterbrett ein welkes Blatt, blühender Ritterstern, treibender Rhabarber und ein Schneckenhaus, alles Sinnbilder in einem großen Gleichnis: Werden und Vergehen, Ausgesetztsein und Geborgenheit und der schöpferische Mensch eingebettet in den Lauf der Geschichte.
Volkhard Böhm
In der Kaltnadelradierung „Frühling mit A.D.“ von 1982 tritt der Betrachter vor das Fenster und begegnet dem Blick eines Dudelsackpfeifers, der da am kahlen Baum lehnt und volkstümliche Weisen spielt. Er entstammt dem frühen 16. Jahrhundert, genauer gesagt, einem Stich Dürers aus dem Jahre 1514. Es handelt sich gewissermaßen um eine Kunstbegegnung in doppelter Weise: mit einem Musizierenden und zugleich mit einer Kunstfigur. Die zunächst sonderbar anmutende Gestalt bringt sozusagen ein Ständchen, grüßt aus der Vergangenheit herüber. Oder weist sie auf den Abgesang alles Überlebten, oder verabschiedet sie nur den Winter? Oder kündet sie „Neues“ im alten Gewande an?
Auf sonnigem Fensterbrett stehen blühender Ritterstern und treibender Rhabarber, daneben windet sich ein dürres Blatt aus dem verwichenen Jahr, Zeitlichkeit und Vergänglichkeit andeutend. Daneben liegt ein Schneckenhaus als Sinnbild der Geborgenheit. Das Stillleben beschreibt im Vordergrund eine Wellenlinie, die nach Auffassung des englischen Malers und Grafikers William Hogarth die Linie der Schönheit ist.
Natürlich steht dieser Fensterausblick in einer langen künstlerischen Tradition. Im 19. Jahrhundert kamen sogenannte Fensterbilder häufig vor. Und damals wie heute wird mit dem in ihnen gestalteten Verhältnis von Innenraum und Außenwelt auch das von Individuum und gesellschaftlicher wie natürlicher Umwelt reflektiert. Häufig wurden gerade mit dem Motiv des geöffneten Fensters Hoffnungen und Sehnsüchte angedeutet. Auch diese Radierung lässt sie anklingen und darüber hinaus Freude über einsetzende Erneuerung, die der beginnende Frühling verheißt. Richter machte hier das Dürerzitat zum Angelpunkt der Komposition. Schon nach flüchtigem Blick wird die entliehene Bildfigur be- und hinterfragt. Sie bewirkt die seltsame Begegnung und lässt an ein historisches Genrebild denken.
Gisold Lammel
Erläuterungen zur Werkgruppe […]

Erläuterungen zur Werkgruppe […]