Gerenot Richter zur Erinnerung

Datum: 01.02.1992
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Ausstellung in der Werkstattgalerie b.(tont) und im Cafe‘ KaD Kadiner Str. 11 und 16


Aus der Laudatio von Dr. Ljudmila Bruchholz

Ein Jahr ist seit dem Tag vergangen (05.01.1991), als Gerenot Richter, Jahrgang 1926, an den Folgen einer unheilbaren Krankheit starb. – Seine Kunst lebt! Heute umgibt sie uns in den Räumen dieser Galerie; atmet sie seine Seele.

Die hier gezeigten Kaltnadel-Arbeiten, Aquatinten und Radierungen sind dem Schaffen eines Mannes geschuldet, der in unvergleichlicher Weise leidenschaftlicher Künstler, verlässlicher Mensch, wacher Zeitgenosse, begnadeter Lehrer war. Mehr als 30 Jahre wirkte er am Institut für Kunstpädagogik der Humboldt-Universität.

Gerade in diesem Moment, da wir die Eröffnung dieser Ausstellung zum Anlass nehmen, um seiner zu gedenken, leben meine Erinnerungen an Gerenot Richter auf, Erinnerungen an Augenblicke aus dem ersten und dem letzten Jahr unserer Bekanntschaft.

1969 saß ich als schüchterne Oberschülerin im Eignungsgespräch der künstlerischen Aufnahmeprüfung zum Studium der Kunsterziehung dem seinerzeit schon bekannten Grafiker, Hochschullehrer gegenüber: Er war mir von Beginn an in seiner leisen, feinsinnigen Art symphatisch. Ohne die sensible Einfühlung, die behutsame Nachfrage durch Gerenot Richter, ohne sein wunderbares Lächeln, das Mut machte, hätte ich wohl kein Wort herausgebracht, geschweige denn meine mitgebrachten künstlerischen Übungsblätter zu kommentieren vermocht…

Studium, Forschungsstudium, Assistententätigkeit meinerseits in den folgenden Jahren machten uns zu Kollegen. Respekt, menschliche Wärme, Freundschaft – diese Stichworte vor allem charakterisieren meine Beziehung zu Prof. Gerenot Richter.

Unvergessen wird mir ein Gespräch bleiben, das wir – er, der verehrte Professor und ich, die Studentin – auf einer Bahnfahrt unterwegs nach Rügen ins künstlerische Praktikum hatten. Sommer 1974: mein Vater war gerade ein halbes Jahr vorher gestorben, meine Mutter, damals wenig älter als ich heute, blieb ohne den Lebensgefährten zurück. – Auf meine, ihn sichtlich überraschende Frage nach der Liebe, der großen Liebe des Lebens, erzählte er mir von seiner Frau Ingeborg, ihrer ersten Begegnung und dem Leben mit ihr. Wohlwissend um meinen Schmerz, um den Verlust des Vaters, die Sorge um die Mutter und die leise Angst einer 23-Jährigen, der erfüllten Liebe selbst nicht mehr zu begegnen, sprach er aufrichtig, ein wenig befangen, voll Lauterkeit über seine Gefühle … Wer ihn so erlebt hat, wird verstehen, warum ihn seine Studenten nicht nur verehrten, sondern ihm zugeneigt waren.

1990 schrieb er mir zur Antwort auf meinen Neujahrsgruß, eine Farbfotografie, die meinen 10-jährigen Sohn von einem 100-jährigen Efeubaum an der historischen Stadtmauer Templins zeigt: "Eine gelungene Bildidee: Wie erhaben ist doch die Natur und der Mensch, ihre Krönung, ein Teil von ihr. Diese für mich letzten Worte Gerenot Richters kennzeichnen treffend die inhaltliche Gerichtetheit, die Grundstimmung, die vielen seiner künstlerischen Arbeiten innewohnt.


Seine Radierungen, Aquatinten und Kaltnadel-Arbeiten geben poetisches Zeugnis von der Urgewalt der Natur, der Zeitlichkeit alles Lebendigen, der Endlichkeit menschlichen Tuns. Sie erfordern bei ihrer Betrachtung Muße bzw. haben diese zwangsläufig zur Folge. Du kannst dich der verhaltenen Melancholie der Blätter kaum entziehen, gehst in Dich gekehrt, wacher, sinnlich reicher aus dieser stillen Zwiesprache hervor.


Unterschiedliche Gründe haben Sie heute Abend bewegt, dieser Ausstellungseröffnung beizuwohnen. Freunde, Verwandte, Kollegen, Studenten, Gäster der Galerie, Kunstliebhaber haben sich zusammengefunden. Viele verschiedene Bedürfnisse treiben uns, Werke der bildenden Kunst zu betrachten. Speziell den hier gezeigten Blättern Gerenot Richters gilt jetzt unsere Aufmerksamkeit.

In der neueren Kunsttheorie gibt es Entwicklungen, die sich nicht auf die ikonografische Deutung oder den historischen Bildbegriff berufen, sondern sich primär auf die sinnliche Anschauung eines jeweiligen Kunstwerkes konzentrieren. Infolgedessen wendet sich das Interesse wieder stärker dem Sehen zu. Der Betrachter kann im Prozess des Sehens aktiv die Bildwirkungen erfahren, die einer begrifflichen Identifikation vorausgehen. Gerenot Richters grafische Blätter rufen vielfältige Assoziationen hervor. Da sie gegenständlich angelegt sind, geben sie sich mit ihren Anhaltspunkten und Bezügen zur älteren Kunst als Herausforderung zur Interpretation. Sie bieten aber auch ohne deren eindeutige Entschlüsselung eine Herausforderung zum Sehen.

Betrachten wir nun – dieserart gerüstet – eine kleine Auswahl von Werken des hier Gebotenen, konzentrieren wir uns auf die Besonderheiten der Bildgestaltung. Die Bilderwelt, die uns Gerenot Richter hinterlassen hat, enthält vieles. Das Blatt "Die neue Friedrichsbrücke" (1987), Radierung und Aquatinta, lässt wir andere Arbeiten zum Ende der 1980er Jahren die Verwurzelung Gerenot Richters in der Stadt Berlin, in der er mehr als 36 Jahre lebte, erkennen. Vor allem Berlin Mitte verdankt er zahlreiche künstlerische Anregungen, besonders der Gegend zwischen Museumsinsel, Oranienburger Straße, Friedrichstraße, Unter den Linden, also seiner unmittelbaren Arbeitsumgebung: Burgstraße 26, Dachgeschoss.

Ein Schwerpunkt seines künstlerischen Ringens liegt zweifelsfrei in der Gestaltung von Naturlandschaften, besser gesagt Nahsicht-Landschafts-Ausschnitten, die unserem Blick Abenteuer beim Durchstreifen des den Vordergrund filigran überwuchernden Formendickichts bereiten. Stellvertretend für diesen Schaffensbereich möchte ich kurz auf das Blatt "Gleichnis" aus dem Jahr 1983 eingehen.

Es gäbe viel zu sagen über diese Radierung und Aquatinta. Jeder mag auf seine Art der Faszination des zerborstenen Baumtorsos erliegen. Mich fesselt, wie Gerenot Richter vermittels einer unglaublichen Präzision und Schärfe der Linien die Sprödigkeit, ja nahezu das Krachen des Holzes suggeriert und andererseits die organische Regsamkeit eines üppigen Pflanzenwuchses lebendig werden lässt.

Die Kombination von lebender und toter Materie (üppiger Pflanzenwuchs hier und gestürzter Baum dort) kann als Metapher für einen über das konkret Gesehene hinausreichenden größeren Sinnzusammenhang verstanden werden, nämlich als Hinweis auf den ewigen Kreislauf der Natur. Aber auch ohne diese Gedankenassoziation ist das Bild packend, wird der Betrachtr in die Dynamik des dramatischen Geschehens hineingezogen: Der Blick wird geleitet von rechts unten entlang der zunächst geneigten Linien des Wurzelgeflechts, folgt dann der Senkrechten des zersplitterten Baumstumpfes, stürzt jäh in die Tiefe der größten Helligkeit der Grafik, was uns das Schmerzhafte des Zerbrechens erst recht bewusst macht, um sich, angezogen von den konzentrisch um sich greifenden Ästen der Baumspitze, atemlos auf der linken Bildhälfte wiederzufinden. Die Zickzacklinie des tiefliegenden Horizonts bildet einen keilförmigen Einschnitt von großer Helligkeit, der sich von oben in das Zentrum des Geschehens bohrt. Dieser Akzent erfährt inmitten feinster Zwischentöne und subtilster Tonwerte eine Steigerung hin zum polaren Hell-Dunkel-Kontrast am Baumtorso.

Gerenot Richter fühlte sich handwerklicher Gediegenheit verpflichtet; solange er es gesundheitlich vermochte, druckte er alles, was an Druckgrafik entstand, selbst. Im letzten Schaffensjahr vertraute er seinem jungen Kollegen Helmut Müller das Drucken an.

Intensives Naturstudium fand Niederschlag in Gerenot Richters Handzeichnungen, die er eigentlich selten unüberarbeitet gedruckt hat. In seinen letzten Kaltnadel-Arbeiten, einer Kassette mit dem Titel "… und die Erde wird lange feststehen und aufblühen im Lenz" hat er dies getan. Die für sein Œuvre nicht gerade typische impressionistische Gestaltungsweise kommt hier zum Tragen. Die optischen Eindrücke der eher flüchtigen Skizzen hat er in seiner letzten Radierung "Herbstlicht (für Ingeborg", (1989), verdichtet und in ein geradezu unwirkliches Licht getaucht…

An dieser Stelle übergebe ich das Wort meinem Künstler-Kollegen Helmut Müller, dessem Engagement vor allem das Zustandekommen dieser Ausstellung zu danken ist.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Ausstellung in der Werkstattgalerie b.(tont) und im Cafe‘ KaD Kadiner Str. 11 und 16 | Februar 1992