Richters Sitzungsprotokolle

Datum: 09.12.2025
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Skizzen in den Arbeitsbüchern

Gerenot Richter war ein besessener Zeichner. Er nutzte jede Gelegenheit, seine Ideen und Gedanken mit dem Stift festzuhalten. Als Hochschullehrer stand er jedoch permanent unter Zeitdruck. Denn zu seinen universitären Verpflichtungen gehörten lange Sitzungen und unzählige Versammlungen.

Das sprichwörtliche Herumgesitze und die endlosen Diskussionen empfand Richter oft als unnötig ermüdend. Er fühlte sich dadurch auch der produktivsten Stunden seines Tages beraubt. Eine Methode, die Sitzungen mit für ihn selbst Sinnvollem zu füllen, waren seine eigenen zeichnerischen Protokolle. Sie waren nicht für die Öffentlichkeit gedacht, aber zumindest eine kleine Genugtuung. So konnte Richter die "vergeudeten Stunden" vor sich selbst besser rechtfertigen.

Besonders gern skizzierte Richter seine Kolleginnen und Kollegen. Und so tauchten in seinen Arbeitsbüchern zwischen den schriftlichen Notizen, organisatorischem Kram oder den Themen seiner Fachgruppenarbeit zahllose Porträts auf. Oft waren sie als Karikatur gedacht. Denn auch für dieses Genre hatte Richter durchaus einen besonderen Sinn. Mitunter waren seine eher hingeworfenen Skizzen aber auch dazu geeignet, Erinnerungsstützen für ernstzunehmende spätere Vorhaben zu schaffen.

Die Arbeitsbücher sind nicht erhalten

Die Richterschen Sitzungsprotokolle in seinen Arbeitsbüchern blieben bisher im Verborgenen. Sie zeigen eine Seite des Künstlers, die vermutlich damals nicht einmal seine porträtierten Kolleginnen und Kollegen zu Gesicht bekamen. Wir veröffentlichen in unserem Blog erstmals eine Auswahl, um den Kennern und Bewunderern der Kunst von Gerenot Richter einen Einblick in eine bisher nicht entdeckte Facette seines Talents zu bieten.

Leider sind Richters Arbeitsbücher in ihrer ursprünglichen Form nicht erhalten geblieben. Einige Skizzen hat der Künstler selbst ausgeschnitten und für sich in einem Ordner archiviert. Nach seinem Tod setzte seine Witwe das Ausschneiden fort, allerdings fiel es ihr schon damals schwer, die Skizzen zu beschriften. Richter hatte das in seinen Büchern oft vergessen oder wohl auch bewusst unterlassen.

Eine korrekte Zuordnung der Skizzen zu den "porträtierten" Personen ist uns ohne den Kontext der Arbeitsbücher erst recht nicht möglich. Auch die jeweilige Entstehungszeit lässt sich kaum noch nachvollziehen. Ungeachtet dessen sind Richters erheiternde Sitzungsprotokolle ein Schatz. Er verdient es, gehoben und in Erinnerung gerufen zu werden.

Dies geschieht auch im Zusammenhang der neuerlichen Sichtung und Ordnung des Nachlasses von Gerenot Richter anlässlich seines 100. Geburtstages im Jahr 2026. Denn einige der Sitzungsprotokolle werden im Kunstverein Templin e. V. eine neue Heimat finden.