
Die zweite Ausstellung anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Gerenot Richter“ zeigt Tiefdrucke und einigen Unikate aus dem gesamten Schaffen des Künstlers. Die Ausstellung wird vom 6. März bis zum 10. April 2026 in der Galerie der Berliner Grapikpresse zu sehen sein.
Galerie der Berliner Graphikpresse | Am Falkenberg 25 | 12524 Berlin (Altglienicke)


Der Verkaufskatalog zur Ausstellung ist Anfang März erschienen und kann unter diesem Link eingesehen werden. Reservierungen und Verkäufe der ausgestellten Werke werden dort regelmäßig aktualisiert.
Einführende Worte zur Eröffnung: Sabine Ulber
Musik: Lilly Pfarr, Querflöte
Abb.: Canna indica / Blumenrohr (1970) 70 x 55 cm, Öl auf Hartfaser


Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Familie Richter!
Wir sind heute hier zusammengekommen, um anlässlich seines im Dezember dieses Jahres anstehenden 100. Geburtstags an einen Künstler zu erinnern, dessen Werk ziemlich solitär in der Ostberliner Kunstszene, ja im gesamten Bezugsraum deutscher Nachkriegskunst dasteht.
Gerenot Richter war ein Vollblutgraphiker, insbesondere die Radierkunst beherrschte er wie kein Zweiter mit all ihren technischen Finessen. Er hat sich viele Jahre seiner künstlerischen Arbeit bewusst auf die Radierung konzentriert und im Meistern aller Feinheiten dieser Technik eine kaum zu übertreffende Intensität erreicht. Folgerichtig wählten seine beiden Kinder 100 wichtige Radierungen aus, mit denen Gerenot Richter nun im Onlineportal des Landesverbandes Künstlernachlässe Brandenburg e.V. vertreten ist. Auch unsere Geburtstagsausstellung hier stellt die Tiefdrucke Gerenot Richters in den Mittelpunkt und feiert den Künstler als Meister dieser Gattung …
… Gerenot Richter beherrschte virtuos alle Spielarten der Radierung. Kaltnadel, Strichätzung, Aquatinta und selbst Mezzotinto finden wir in seinen Graphiken, von der briefmarkengroßen Miniatur bis hin zu den ungewöhnlich großformatigen Blättern wie beispielsweise der Serie „Gleichnisse“. Sie wissen, ich habe beruflich wirklich viel Druckgraphik in den Händen – ich kann Ihnen versichern, dass man eine Qualität wie die in den Blättern Richters selten sieht.
Seine Platten druckte Richter regelmäßig selbst, auch hier zeigt sich sein außergewöhnliches handwerkliches Können. Doch natürlich diente diese handwerkliche Perfektion dem Künstler lediglich als Medium seines individuellen Ausdrucks, sie allein war nicht das Ziel seiner Bemühungen.
Keines seiner Blätter erschöpft sich in oberflächlicher Gefälligkeit, doch es erfordert genaues Hinsehen, Ruhe und Kontemplation, um dem Wesenskern seiner Graphiken näher zu kommen. Nicht umsonst war eine Ausstellung im Otto-Dix-Haus in Gera kürzlich überschrieben mit dem schönen Motto: „Nichts für Ungeduldige und Kurzsichtige!“ Jede Graphik Richters hat ihr Geheimnis. Nur dem aufmerksamen Betrachter zeigen sich versteckte Figuren und Gesichter. Diese versteckten Figuren sind häufig Bildzitate großer Vorgänger aus der Kunstgeschichte. Albrecht Dürer ist hier zuvorderst zu nennen, und ich glaube, man geht auch interpretatorisch nicht zu weit, wenn man Richters Graphik direkt in Traditionslinie eines Albrecht Dürers verortet. Weitere (auch hier in dieser Ausstellung) zu entdeckende Zitate stammen aus Werken von Caspar David Friedrich, Martin Schongauer, Pieter Brueghel oder Ernst Barlach.
In Gerenot Richters Kunst verschmelzen genaueste Naturanschauung und Formfindungen großer Kollegen der Vergangenheit zu einer genialischen Einheit. Natur und Menschenwerk, Werden und Vergänglichkeit – das sind die Spannungspole, aus denen Richters Bildthemen erwachsen. In ungeheurer Verdichtung entstehen so großartige Gleichnisse des Lebens schlechthin. Klaus Trende formulierte es so: „Die Graphik Richters liefert keine Momentaufnahmen. Es sind Elegien, elementare Oden, Näherungen an die Quellen des Naturkreislaufs. Bäume als Gleichnis der Lebensspanne, Ehrfurcht vor dem Detail, einem Grashalm, gebrochenem Holz, uralten Baumskeletten sind folgenreiche Entdeckungen dieser Blätter. Sie öffnen den Blick für das Wesentliche, für das Verständnis von Tod und Vergängnis. Daraus schöpft Richter in seinem Werk Kraft für die eigenen Ideen und bejaht das Dasein als groß und gefährdet. Richters Bilder befragen auf faszinierende Art die Zeit. Sie machen melancholisch und verweisen auf humane Möglichkeiten."
Wir haben es bei seinen Bildschöpfungen also mit einer eigenartigen Mischung aus Sachlichkeit, Detailfülle und genauester Beobachtung einerseits und geradezu fantastischer Poesie andererseits zu tun. Hinzu kommen die von Gisold Lammel so treffend benannten „Grenzüberschreitungen der Genres“. Landschaft, Stillleben und Allegorie überschneiden sich, ergänzt durch die bereits skizzierten zeitlichen Grenzüberschreitungen durch Bildzitate, die dem Brückenschlag zwischen Gegenwart und Vergangenheit dienen.
Daher möchte ich meine Ausführungen auch an dieser Stelle beenden und Sie zur eigenen Seh-Erfahrung ermuntern. Anschauungsobjekte finden Sie in unserer Ausstellung hoffentlich zur Genüge (auch in den ausliegenden Mappen darf gern geblättert werden).
Wer sich zu Gerenot Richter belesen möchte, dem sei unbedingt die liebevoll von seinen beiden Kindern gestaltete, ausgesprochen informative Homepage ans Herz gelegt. Dort finden Sie neben den vollständigen Werkverzeichnissen eine Vielzahl an Materialien von Eröffnungsreden über Zeitungsartikel und Stimmen zum Werk.
Ich möchte mich bei Herrn Richter an dieser Stelle auch für die überaus zuverlässige und vertrauensvolle Zusammenarbeit im Vorfeld dieser Ausstellung bedanken!
Nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Staunen und Entdecken, denn das kann man angesichts der graphischen Meisterschaft Gerenot Richters auf jeden Fall. Und falls Sie Fragen zu den Geheimnissen der Blätter haben, lohnt es sich, mit Ekkehard Richter ins Gespräch zu kommen – er kennt sie alle!
Sabine Ulber