
Im Januar 2026 erhielt das Heimatmuseum Warnemünde zehn Handzeichnungen und eine Radierung aus dem Nachlass von Gerenot Richter. Alle elf Arbeiten wurden dem Museum von der Familie des Künstlers als Schenkung übereignet.
Das Heimatmuseum in Warnemünde wird vom gleichnamigen Museumsverein betrieben und von der Hanse- und Universitätsstadt Rostock gefördert. Eine Dauerausstellung lädt auf 240 qm zu einer Entdeckungsreise durch die Geschichte von Warnemünde ein. Darüber hinaus finden regelmäßig Sonderausstellungen und Lesungen statt.
Anlass für die Schenkung an das Heimatmuseum war Richters Geburtstag, der sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt. Für das Jubiläum hat seine Familie den gesamten Nachlass des 1991 verstorbenen Künstlers neu geordnet und digitalisiert. Im Ergebnis wurden bisher nicht im Werkverzeichnis berücksichtigte Lithographien, Radierungen, Aquarelle, Gouachen, Gemälde, Skizzen und Handzeichnungen in ein Nachlassverzeichnis aufgenommen. Für Museen besteht nun die Möglichkeit, ihren Richter-Bestand auch durch weniger Bekanntes zu ergänzen. Das Heimatmuseum Warnemünde hatte Arbeiten von Gerenot Richter bisher nicht in seiner Sammlung.


Gerenot Richter wurde in Dresden geboren. Als Kind und als Heranwachsender verbrachte er seine Ferien vor allem im Erzgebirge. Er liebte die Berge, das Wandern und Skifahren, den Wald und Wiesen. Seit 1951 lebte er in Berlin.
Was verband ihn mit dem kleinen Ort Warnemünde? Die Schönheit Ostsee entdeckte Richter als Student der Humboldt Universität während verschiedener Praktika. Später verbrachte er an der Seite seiner Frau Ingeborg, einer gebürtigen Mecklenburgerin, ab und an ein paar Tage in Rostock. Im Sommer 1966 kam Richter für einige Wochen nach Rostock – zu diesem Zeitpunkt war er bereits Dozent für Theorie und Praxis der künstlerischen Gestaltung am Institut für Kunsterziehung der Humboldt-Universität.
Während seines Aufenthaltes entstand eine Vielzahl von Handzeichnungen. Im Ostseebad Warnemünde interessierten ihn das geschäftige Treiben der Fischer, die in den Hafen einlaufenden Schiffe, das sommerliches Strandleben oder stille, abgelegene Straßen voller Poesie. Einige der gezeichneten Motive finden sich später in seinen Lithographien und Radierungen wieder.
In den 70er Jahren veränderte Richter seinen Blick auf die Ostseeküste grundlegend. Nicht nur die Schönheit der Landschaft, auch die immerwährende Gefährdung faszinierten ihn. Entsprechend tauchten in seinen Handzeichnungen und Radierungen vom Wind zerzauste Bäume, zerklüftete Steilufer, blank gewaschene Baumstämme sowie bizarres Strandgut auf.
Nicht nur die Ostseebilder von 1966, auch weitere Arbeiten aus diesem Jahrzehnt seines Schaffens sind etwas in Vergessenheit geraten. Richter selbst trug dazu bei, denn er nahm sie weder in sein Werkverzeichnis auf noch zeigte er sie auf späteren Ausstellungen.
Seiner Witwe verdanken wir, dass aus den 1950er und 1960er Jahren dennoch Arbeiten erhalten geblieben sind. Sie geben Auskunft über sein zeichnerisches Können und belegen, dass sein Blick auf die ihn umgebende Welt schon immer sehr individuell geprägt war.
Wenn Richter zeichnete, hatte er oft beim ersten Strich schon die Gestaltung einer späteren Lithografie oder Radierung im Kopf. An dieser Arbeitsweise hielt er bis zum Schluss fest. Auch als er in den 70er Jahren zu einem Meister der Radierung reifte, blieb er dem Zeichenstift treu. Zu vielen seiner bekannten klein- und großformatigen Tiefdrucke gibt es im Werkverzeichnis beeindruckende Vorarbeiten – jede ein Kunstwerk für sich.
Für das Heimatmuseum Warnmünde sind Richter Zeichnungen von 1966 eine wertvolle künstlerische Ergänzung zum fotografischen Material über das beliebte Ostseebad. Sie werden bei den älteren Bewohnern Erinnerungen wecken und den Jüngeren einen Einblick in die Vergangenheit des Ortes ermöglichen. Zugleich dürften diese Begegnungen mit Richters Kunst eine Brücke zu seinem späteren Werk schlagen, das in diesem Jahr mehrfach geehrt wird.
Einige Handzeichnungen von Gerenot Richter, die in Warnemünde nun eine neue Heimat gefunden haben, werden voraussichtlich schon bald auf Ausstellungen zu sehen sein.