„Landschaft als Erinnerung“ im Kunstmuseum Ahrenshoop
Die folgende Übersicht orientiert sich an der Hängung der Bilder in der Ausstellung und ist den jeweiligen Wandseiten zugeordnet. Weitere Informationen zu den Kunstzitaten finden Sie am Ende des Beitrages. Ergänzend dazu haben wir einen Link zu einem Text von Gisold Lammel über die „Kunstdialoge“ im Werk von Gerenot Richter eingefügt.
Kunstzitat C. D. Friedrich: Friedhofseingang, unvollendet, um 1825 > Friedhofstor links im HintergrundAcis und Galatea (nach Claude Lorrain) Gerenot Richter Werkverzeichnis II-093
Kunstzitate Claude Lorrain: Landschaft mit Acis und Galatea, 1657 > Liebespaar Acis und Galatea > der neidische Zyklop Polyphemos (jedoch anders als beim Original, stehend abgebildet)Strandläufer IV Gerenot Richter Werkverzeichnis II-064
Kunstzitat Barbara Müller-Kageler: o.T. (Drei Menschen am Badestrand), 1976 > Figurengruppe, zum Original horizontal gespiegeltStrandläufer VI Gerenot Richter Werkverzeichnis II-066
Zitat C. D. Friedrich: Der Mönch am Meer, 1809/10 > kein figürliches Zitat, nur Anspielung Strandläufer VI Gerenot Richter Werkverzeichnis II-066
Zitat „eingebaute“ Skulptur: flügellose Gips-Replik der Nike von Samothrake, Griechenland aus der ehemaligen Sammlung antiker Gipsabdrücke des Winckelmann-Instituts der Humboldt-Unversität zu Berlin (Standort des Originals Paris, Louvre-Museum)D 1500 – Das Meerwunder Gerenot Richter Werkverzeichnis II-213
Kunstzitate Albrecht Dürer: Das Meerwunder, Kupferstich, um 1500 > das Meerwunder mit der geraubten Frau links im oberen Teil des Blattes > am Horizont in der Lücke zwischen zwei Buhnen das Segelschiff > die eingebrannte Kennzeichnung auf einem zerbrochenen Fischkasten - D1500 - weist auf Dürer und die Datierung seines Kupferstichs hin
Schmalseite, links vom Fenster
Am Bodden - Gerhard Marcks zum 90. Geburtstag Gerenot Richter Werkverzeichnis II-081
Zitat Gerhard Marcks: Totempfahl, einen Flötenspieler verkörpernd, 1932/33
(Standort des Totempfahls bis in die 1980er Jahre vor dem Atelieranbau am Marcks Haus in Ahrenshoop-Niehagen, später umgesetzt vor den Kunstkaten Ahrenshoop, zur Zeit in Renovierung befindlich)für M. S. Gerenot Richter Werkverzeichnis II-207
Kunstzitat Martin Schongauer:Der Hl. Antonius Eremita, von Dämonen gepeinigt, um 1469-1473 > zwei der Dämonen klammern sich an einen nach unten hängenden Blütenstand der Dreimasterblume = Tradescantia, untere linke Ecke des Blattes
Breitseite, rechts vom Fenster
Gleichnis III (Eustachius) Gerenot Richter Werkverzeichnis II-263
Kunstzitate Albrecht Dürer: Der heilige Eustachius, um 1501 > Burg auf dem Berg im Hintergrund Horst Janssen: Flötenspielerin (Roswitha), 1972
Außerdem: > Teil der Schlossruine im Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, heute wieder aufgebaut > der gestürzte Baum evtl. als Symbol für den knienden EustachiusBegegnung (Bremer Iris) Gerenot Richter Werkverzeichnis II-282
Kunstzitate Albrecht Dürer: Der Bauer und seine Frau, um 1497 > auf dem Weg im Hintergrund zwischen den ersten beiden Weiden Albrecht Dürer: Bremer Iris, Aquarell, um 1503, Standort: Kunsthalle Bremen > halb rechts, direkt vor der ersten Weide die höchste IrisGleichnis II (Die Blinden) Gerenot Richter Werkverzeichnis II-222
Kunstzitate Pieter Bruegel d. Ä: Blindensturz, 1568 > die ersten 4 von 6 Blinden, im rechten Teil der Radierung zwischen der Amphore auf dem Sockel und dem Karden-Gewächs, von letzterem teilweise verdeckt„Ging heut’ morgen übers Feld“ (Gustav Mahler 1884) Gerenot Richter Werkverzeichnis II-192
Kunstzitate Pieter Bruegel d. Ä: Bauernhochzeit, um 1568 > sitzendes Kind im Mittelgrund, oben weit links Pieter Bruegel d. Ä: Streit des Karnevals mit der Fasten, 1559 > kochende Frau und Paar im Mittelgrund oben links Egon Schiele: Die Umarmung (Liebespaar II, Mann und Frau), 1917 > Liebespaar zwischen den Pestwurz Blättern, Mitte links Magritte: La Voix du Sang (Die Stimme des Blutes), 1948 > Baum mit drei Türen im Stamm, oberes Drittel ganz am Rand des Blattes
Außerdem: > Türme des barocken Stifts St. Florian, in dem Anton Bruckner begraben liegt (einer der Lehrer Mahlers) > Grabmal für Gustav Mahler auf dem Grinzinger Friedhof in Wien, die Stele wurde 1911 von dem Architekten Josef Hoffmann entworfen Der ungetreue Hirt Gerenot Richter Werkverzeichnis II-210
Kunstzitate Pieter Brueghel d. Ä.: Der ungetreue Hirte, 1616 > Kopie des Hirten fast zentral im unteren Teil des Blattes > rechts unten fliehende Schafe und der Wolf, der ein Schaf gerissen hat
Schmalseite, links der Tür
Der Traum des Podagristen – Dürers 450. Todestag Gerenot Richter Werkverzeichnis II-075
Kunstzitate Albrecht Dürer: Der Traum des Podagristen oder auch Die Versuchung (Der Traum des Doktors), Kupferstich, um 1497 bis 1499 > linker Anschnitt des kopierten Stichs auf der rechten Seite der Radierung Gerenot Richter: Zeichnung einer hohlen Weide (Selbstzitat, auch verwendet in 081 Am Bodden). > vorn in der Stahlkugel spiegeln sich Gesicht und Hand des Künstlers, er hat eine Brille mit Vergrößerungsgläsern aufMelencolia – Dürers 450. Todestag Gerenot Richter Werkverzeichnis II-076
Kunstzitate Albrecht Dürer: Melencolia, Kupferstich, 1514 > Rock der Melancholie bildet die Steilküste rechts > im Hintergrund Fledermaus und KugelDas Meerwunder – Dürers 450. Todestag Gerenot Richter Werkverzeichnis II-077
Kunstzitate Albrecht Dürer: Das Meerwunder, Kupferstich, um 1500 > die aufgeschreckten Frauen am gegenüberliegenden Ufer unterhalb der Steilküste, an Stelle der Steilküste befindet sich in Dürers Original der Burgberg > das Segelschiff am Horizont > an der Stelle des nicht abgebildeten, die Jungfrau raubenden Meerwunders, hängt der Fotoapparat des Künstlers an einem PfahlDas große und das kleine Glück – Dürers 450. Todestag Gerenot Richter Werkverzeichnis II-078
Kunstzitat Albrecht Dürer: Das große Glück (Schicksalsgöttin Nemesis), Kupferstich, um 1500 bis 1503 > zitiert werden die zwei Enden des Tuches der Nemesis als Teil des oben um den Stock gewickelten TuchesHerbstlicht (für Ingeborg) Gerenot Richter Werkverzeichnis II-304
Kunstzitat Ernst Barlach: Schlafende Vagabunden / Schlafendes Bauernpaar, Plastik, 1912 > aneinander gelehntes Paar unten rechts auf einer Bank
Außerdem: Teil der Parkmauer von Schloss Neschwitz in der Lausitz
Kunstzitate verehrter Meister
Eine Besonderheit in Richters Radierungen sind die zahlreichen Verweise auf Werke der von ihm verehrten Meister und Wahlverwandten aus der Kunstgeschichte. Auf den ersten Blick bringen diese Zitate seine besondere Ehrerbietung gegenüber den großen Vorbildern zum Ausdruck, die ihm gleichermaßen Lehrmeister und Inspiration waren.
Ein Beispiel dafür sind seine Arbeiten zu Dürers 450. Todestag. So integriert er in seinen „Traum des Podagristen“ gut sichtbar die Kopie eines Ausschnitts aus dem gleichnamigen Kupferstichs von Dürer. Weniger offensichtlich ist das Zitieren aus Dürers „Melencolia“. Hier müssen die Betrachtenden das namensgleiche Werk von Dürer direkt vor Augen haben, um das Zitat daraus in Richters Radierung aufzuspüren.
In späteren Arbeiten, wie etwa den großen Gleichnissen, webt Gerenot Richter Kunstzitate in seine eigenen grafischen Strukturen kaum sichtbar ein. Ehe wir eines Zitats gewahr werden, müssen wir uns in seine Bildwelten versenken. Manchmal ist es notwendig, die verschiedenen Ebenen Stück für Stück mit den Augen abzutasten, um fündig zu werden. Hilfestellung für die Suche können die Bildtitel sein – sie sind eine Wegweisung, die ahnen lässt, woher etwa eine mittelalterliche Figur stammt, die wir plötzlich, wie aus dem Nichts, entdeckt haben.
Kunstzitate entdecken und entschlüsseln
Das Auffinden von Kunstzitaten kann ein spannender Prozess beim Betrachten von Richters Grafiken sein. Sie ist allerdings keineswegs die Voraussetzung für das Verständnis eines Werks. Auch wer einzelne Details nicht als Zitat wahrnimmt und entschlüsselt, hat sein Vergnügen daran, nicht ganz in ein Bild „Passendes“ zu entdecken und für sich zu interpretieren.
Unsere Übersicht erleichtert es, in Richters Radierungen gefundene Kunstzitate auf deren Urheber zurückzuführen. Die großen Namen, die der Künstler zitiert, machen zugleich den universellen kulturellen Zusammenhang erfahrbar, nach dem Richter in seinen Bildkompositionen strebt. Wir erfahren, wo sich er sich als Künstler des ausgehenden 20. Jahrhunderts sieht und gesehen werden will. Richter nutzt die Zitate also gleich in mehrfacher Hinsicht, um kunsthistorische Dialoge zu führen, die eigene Arbeit zu verorten und Hommagen an seine Vorbilder zu schaffen.
Die Auseinandersetzung mit den Kunstzitaten in Richters Radierungen, vom Kunstwissenschaftler Gisold Lammel als „Kunstdialog“ definiert, ist ein wichtiger Schlüssel zu Richters Geisteshaltung. Die von ihm verwendeten Kunstzitate belegen seine tiefe Ehrfurcht vor dem Reichtum der Natur und der Kunst. Die Art und Weise, wie er sich mit seinen Wahlverwandten verbindet, gleicht deshalb oft einer Warnung, vor dem, was für die Menschheit auf dem Spiel steht. Er verbindet diese immer mit der Hoffnung, dass wir imstande bleiben, die uns umgebende Welt zu bewahren und zum Guten weiterzuentwickeln.