Eröffnung der Ausstellung „Landschaft als Erinnerung“ – Aus dem Radierwerk von Gerenot Richter
Laudatio von Dr. Katrin Arrieta, Amtierende Direktorin Kunstmuseum Ahrenshoop
Warum im Kunstmuseum Ahrenshoop? Zum einen, weil der Künstler gern hierher kam und die Ostseeküste ein oft gestaltetes Motiv in seinem Œuvre ist. Eine vorgesehene Schenkung aus dem Nachlass an unser Museum war der Anstoß für diese Ausstellung. Der Hauptgrund aber ist die Qualität der Arbeiten: Gerenot Richter war ein Meister der Radierung. Sein Werk umfasst auch eine Vielzahl Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle und Gemälde. Die Bedeutungstiefe gleichnishafter Formulierungen und die technische Raffinesse aber lassen seine Druckgrafik herausragen und stellen Richter in eine Traditionslinie mit namhaften Radierern seit der Renaissance.
Gerenot Richter verstarb 1991, und im Umbruch der Nachwendejahre, der – wie wir wissen – auch mit einem künstlerischen Paradigmenwechsel für den Galerie- und Museumsbetrieb einherging, hätte seine Arbeit völlig in Vergessenheit geraten können. Freunde und Familie haben dem entgegengewirkt. So gilt mein Dank unserer langjährigen ehrenamtlichen Museumsbegleiterin Johanna Dutz, die mich vor etwa drei Jahren mit Christina Wilsky, einer früheren Schülerin Gerenot Richters, zusammenbrachte. Aus dem Treffen erwuchs der Kontakt zum Nachlass des Künstlers. Ich danke Christina Wilsky dafür, und ich danke Herrn Dr. Ekkehard Richter für den umfangreichen Einblick in das Schaffen seines Vaters, die umfassende Information und die Möglichkeit, ein Konvolut für diese Ausstellung zu wählen. Der allergrößte Teil der hier gezeigten Werke wird im Kunstmuseum bleiben – hierfür danke ich auch Frau Dr. Gerburg Richter, die zusammen mit ihrem Bruder die Schenkung vornimmt. Ich freue mich zudem darüber, dass wir in der Ausstellung zusätzlich zu den Drucken einige originale Druckplatten und Werkzeuge zeigen können, die Gerenot Richter für seine Arbeit genutzt hat. Das ist wichtig für ein besseres Verständnis der technischen Seite dieser Kunst, die angesichts der vielen heute üblichen digitalen Möglichkeiten Bilder zu erschaffen sicher nicht mehr ohne Weiteres zugänglich ist.
Sie, die heute hier sind, kennen wahrscheinlich die Geschichte, die parallel zur ersten Blütezeit des Holzschnitts in Europa Fahrt aufnahm. Beide Techniken dienten der Vervielfältigung und Verbreitung von Bildern – zu Beginn des 16. Jahrhunderts war das eine revolutionäre Entwicklung, die das Aufkommen des Buchdrucks begleitete und viel mehr Menschen als zuvor einen unabhängigen Zugang zu den Inhalten solcher Bilder ermöglichte. Die Radierung entfaltete sich als Reproduktionsgrafik, aber von Anfang an auch als eigenständige künstlerische Ausdrucksform. Im Laufe der Jahrhunderte erfanden Künstler immer raffiniertere Methoden, um die Bildillusion und den Ausdruck von Radierungen zu verfeinern und zu steigern. Dabei kamen unterschiedliche mechanische und chemische Werkzeuge und Mittel zum Einsatz. Vom Kupferstich über die Kaltnadel und die Schabtechnik hin zu den verschiedenen Formen der Ätzradierung: der Strich- und Flächenätzung, der Aquatinta.
Künstler der Renaissance, des Barock, der Romantik und der klassischen Moderne haben sich dieser Techniken meisterhaft bedient: Albrecht Dürer, Jacques Callot, Hercules Seghers, Rembrandt, Francisco de Goya, Max Klinger oder Horst Janssen, um nur einige zu nennen. Sie trugen dazu bei, dass Kunst Verbreitung fand und erschwinglich wurde, auch für Menschen mit mittleren und kleineren Geldbeuteln. Heute finden wir es selbstverständlich, dass fast jede und jeder Zugang zur Kunst hat – die Existenz von Museen sorgt dafür, und das ist gut und wichtig so. Kunst ist zwar auch eine exklusive Ware, aber sie ist genauso Bestandteil unserer Demokratie. Längst werden die analogen Techniken der Druckgrafik nur noch künstlerisch verwendet – und in diesem Kontext sind sie aktuell geblieben, denn das Handwerkliche, mit der menschlichen Physis Verbundene ist ein Wert mit großem eigenschöpferischem Potential.
Gerenot Richter ist zu früh verstorben, um die Möglichkeiten digitaler Bilderzeugung und Bildbearbeitung zu erleben, die heutzutage weitgehend durch künstliche Intelligenz vorgenommen werden können. Vielleicht hat er diese Entwicklung vorausgesehen – jedenfalls setzte er ihr die ganze Kraft seines Handwerks und seiner Fantasie entgegen. Wer sich in seine Grafiken vertieft, erkennt sofort: diese Blätter sind physisch, sind unübersehbar handgemacht bis in die winzigsten Strukturen hinein. Was das für den Arbeitsprozess des Künstlers hieß, erahnt, wer seine Werkzeuge betrachtet – bis hin zur Lupe, die er immer wieder verwendete. Nur die Presse fehlt, mit deren Hilfe Richter seine Drucke eigenhändig von den aufwändig bearbeiteten Platten abgezogen hat. Er beherrschte das gesamte Repertoire dessen, was auf dem Feld der Radierung technisch möglich ist. 1926 in Dresden geboren, studierte er dort, in Leipzig und Berlin erst Kunsterziehung, später Malerei und Grafik an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weißensee. Zwischen 1955 und 1989 unterrichtete er an der Humboldt-Universität Berlin, zuletzt als Professor für Malerei und Grafik. Als Radierer entwickelte Gerenot Richter seine größte künstlerische Stärke. Der Widerstand des Materials und die daraus erwachsende Notwendigkeit, die Arbeitsvorgänge nicht nur minutiös zu planen, sondern auch in allen Phasen mit äußerster Disziplin durchzuhalten, führten zu Ergebnissen von höchster Dichte und Prägnanz.
Nur auf den ersten Blick wirken die komplexen Bildfindungen Gerenot Richters „fotografisch“ – im Sinne jener scheinbaren Wirklichkeitstreue, die wir gewöhnlich so bezeichnen. Tatsächlich sind sie weitgehend erfunden. Es handelt sich um fantasierte Landschaften, die aus Fragmenten von Erinnerung und Reflexion bestehen, visuell wie geistig und emotional. Das Schicksalsthema steht dabei im Vordergrund, durchzieht die Inszenierungen wie ein roter Faden. Je weiter sein Werk fortschreitet, desto facettenreicher und vielschichtiger werden die grafischen Gebilde. Allmählich verliert sich der anfangs vorherrschende ornamentale Zug zugunsten „wilderer“ Strukturen, die nicht nur verschlungener, sondern auch ungebändigter daherkommen – scheinbar ein Gegensatz zur disziplinierten Arbeitsweise Richters. Im Unterschied zu anderen modernen Künstlerinnen und Künstlern, die für ungebändigt wirkende Strukturen gerne Zufälle in ihren Arbeitsprozess einlassen, hat Gerenot Richter das Ungebändigte in eine konsequent durchdachte, adäquate Form gebracht. In seiner Serie „Nach dem Sturm“ vom Anfang der 1980er Jahre erlangte diese Form eine apokalyptische Ausstrahlung.
Es verbinden sich darin natürliche Phänomene – wie Wetter und Verwitterung, das Brechen, Zerfallen und Umschichten von Formationen aus Sand und Gestein, das Blühen, zähe Standhalten und manchmal plötzliche Vergehen von Vegetation – mit kulturellen Spuren, die auf den weitreichenden, unerhört verzweigten und rätselhaften Raum der Geschichte verweisen: Spuren aus der Mythologie, aus Architektur und Kunst, aus Dichtung und Musik vergangener Zeiten. Der Künstler hat sie in seine Kompositionen eingestreut, mal offensichtlich, mal versteckt. Die menschliche Figur, zuweilen als Zitat aus Werken anderer Künstler, ist im Dschungel des Geschehens meistens als kaum sichtbarer Akteur zugegen – ohne Zweifel auch ein Hinweis auf das überlegene Format des landschaftlichen Raumes im Vergleich zum Maßstab, den der Mensch aus seiner physischen Beschaffenheit heraus umspannen kann. Ein Hinweis aber – umgekehrt – auch auf das Unermessliche der psychischen Dimension, in der sich Menschen über weit voneinander entfernte Zeiten und Territorien hinweg begegnen können. Richter hat sich dem mit Leidenschaft gewidmet. Seine Bildbotschaften zeugen davon und laden zur Wahrnehmung ein.