Grafiken aus drei Jahrzehnten

Datum: 22.04.2011
In Kategorie: ,

Druckgrafik von Gerenot Richter


Aus der Laudatio von Helmut Müller zur Ausstellungseröffnung in der „Galerie Helle Panke“, Berlin 2011

Anlässe für Ausstellungen gibt es immer – Geburtstage und Todestage von Künstlern werden gern als Gründe für Ausstellungen genutzt. Dies geschieht jedoch nicht im Selbstlauf, nicht von allein. Es muss jemanden geben, der die Initiative ergreift, der auch nach dem Tod eines Künstlers, wenn keine neuen Arbeiten zu erwarten sind, meint, dass es spannend und von allgemeinem Interesse wäre, eine Ausstellung zu initiieren.

Auch mit dieser Ausstellung, die wir hier heute eröffnen, war das so. Nach über 40 Jahren sich noch an die Arbeiten seines Lehrers zu erinnern, scheint mir nicht unbedingt selbstverständlich, zumal dieser sich damals noch ziemlich am Anfang seines künstlerischen Weges befand. Dank an Horst Dietzel für die Initiative und an Volkhard Böhm für sein Bemühen und seine maßgebliche Mitarbeit bei der Realisierung dieser Ausstellung.

Die letzten Richter-Ausstellungen liegen nun schon wieder einige Jahre zurück, sein 80. Geburtstag war Anlass: zwei kleine Ausstellungen in Berlin, eine schöne, etwas größere, in Joachimsthal und eine umfangreiche Exposition in der Galerie am Schloss Senftenberg an die ich mich gern immer wieder erinnere. Alle in Senftenberg ausgestellten Bilder gehören der Kunstsammlung Lausitz. Der Bestand dort schon vorhandener Arbeiten Gerenot Richters wurde durch eine großzügige Schenkung der Witwe des Künstlers ergänzt, so dass mit dieser Zusammenstellung von fast 70 Arbeiten ein bisher einzigartiger Querschnitt durch das Lebenswerk Gerenot Richters gezeigt wurde.

Diese Ausstellung enthielt Landschaftsbilder aus der Lausitz in allen Genres: Malerei, Zeichnung und Druckgrafik (Lithografien und Radierungen) und aus allen Zeiten. Von einer Zeichnung aus dem Jahr 1960, die den Blick über den ehemaligen Tagebau auf die Brikettfabrik Knappenrode zeigt, bis zu einer
unter dem Titel „...alles verfault, was ohne Wurzeln ist“ in einer Mappe zusammengefassten Folge von Kaltnadelradierungen aus dem Jahr 1988 reichte das Spektrum.

Ausgewählte Blätter aus drei Jahrzehnten

Unsere Ausstellung versucht Ähnliches, allerdings in der Konzentration auf Richters Druckgrafik und ohne die thematische Einschränkung auf die Lausitz. Sie zeigt ausgewählte Blätter aus drei Jahrzehnten, bis auf wenige Ausnahmen auf die drei Ausstellungsräume geordnet: hier vorn in dem großen Raum, in dem wir uns jetzt befinden, hängen Blätter aus den 80er Jahren und es geht dann die Zeitachse rückwärts in die 70er Jahre im mittleren Raum und ganz hinten finden wir Lithografien aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Diese Gliederung folgt weitestgehend der künstlerischen Entwicklung Gerenot Richters. In der ersten Periode integriert sich Richter völlig in den Stil der Zeit (1960er Jahre) und in der zweiten erreicht er mit der zunehmenden Individualisierung in der Kunst der DDR auch die Vollendung seines eigenen Individualstils (1970er Jahre). Dieser künstlerische Entwicklungsprozess ist bei ihm zunächst ein Vorgang der Beschränkung, der zunehmenden Konzentration auf die Technik der Radierung; Ölmalerei, Aquarelle, Gouachen und Lithographien gibt es von ihm nur bis zum Beginn, vereinzelt bis zur Mitte der 1970er Jahre.

In den Zeichnungen und Radierungen dieser zweiten Periode zeigt sich eine Übergangsphase, eine Zeit des Suchens und Experimentierens, in der sich der neue Stil herauskristallisiert und der dann in den 1980er Jahren seine Vollendung erreicht. Das ist die Zeit, in der die Meisterwerke entstehen, die man mit dem Namen Gerenot Richter verbindet. 1983 entstand das erste der „Gleichnisse“, dann jährlich mindestens ein weiteres dieser großen Blätter und nebenher noch eine Fülle kleinerer bis kleinster Radierungen. Diese Gleichnisse bilden meist den Schwerpunkt, das Kernstück jeder Richter-Ausstellung, auch wir bekommen vier davon zu sehen.

Die Ausstellung zeigt Landschaftsdarstellungen aus drei für Richter wichtigen geographischen Gebieten, die sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Schaffenszeit verfolgen lassen:
1. Lausitz,
2. Ostseeküste und
3. Stadtlandschaft (insbesondere Berlin).

Zu den Lausitzlandschaften

Wie kommt es, dass ein in Berlin lebender Künstler sich mit einer solchen Kontinuität und über einen so langen Zeitraum mit der Landschaft der Lausitz auseinandersetzt? Richter, in Dresden geboren, ist nach seinem Kunsterzieherstudium in Dresden, Leipzig und Berlin am Institut für Kunstpädagogik in Berlin geblieben. Dort hat er zunächst wissenschaftlich gearbeitet, später Studenten künstlerisch-praktisch ausgebildet und wurde 1979 zum Professor berufen. Seit etwa 1960 führten ihn damals übliche studentische Arbeitseinsätze, die gekoppelt wurden mit dem Malen und Zeichnen in der Landschaft, in die Lausitz. Daraus entwickelte sich eine Patenschaftsbeziehung zwischen dem BKK „Glück auf“ in Knappenrode und dem Institut an der Humboldt-Universität Berlin. Die nun jährlich stattfindenden Plainairs in der Lausitz wurden zum festen Bestandteil des Kunsterzieherstudiums. Ich selbst hatte mehrfach die Gelegenheit, mit Gerenot Richter in der Lausitz unterwegs zu sein: 1979 als Student und dann ab Mitte der 80er Jahre als Kollege.

Durch diese Praktika erreichte Richter eine besondere Vertrautheit mit der Landschaft, er benötigte keine langen Eingewöhnungsphasen, er hatte sich schon in den vorangegangen Jahren die Landschaft erobert und sich ihre Besonderheiten erschlossen. Vieles war Wiederbegegnung mit Vertrautem und ermöglichte ihm, die in der Zwischenzeit erfolgten Veränderungen der Landschaft wahrzunehmen. Durch den Braunkohleabbau war diese ständigen Bewegungen unterworfen. Straßen veränderten ihren Verlauf, Dörfer wurden weggebaggert, aber auch Neues entstand. Das „Werden und Vergehen“ – sein großes Thema – wurde ihm hier sozusagen real vorgeführt.

Anfangs war es die zeichnerische Eroberung der Tagebaulandschaft, das Erschließen der durch den Braunkohleabbau geprägten Landschaft. Die Ausmaße einer Braunkohlengrube, deren Weite und Größe zeichnerisch zu bewältigen, war für die Studenten und ihre Lehrer immer eine große Herausforderung. Mit welcher Souveränität Gerenot Richter diese Herausforderung meistert, ist an den beiden im hinteren Raum hängenden Lithographien von 1965 und 1967 erkennbar.

Richter erschloss sich zunehmend auch noch andere, eigene Bildthemen: Zunächst werden die Tagebaurandzonen immer interessanter für ihn, dann werden seine Bildausschnitte immer unspektakulärer und er entfernt sich selbst immer mehr von den Braunkohlegruben und sucht nach anderem. Während die Studenten weiterhin, von Jahr zu Jahr von der Herausforderung dieser gigantischen Weiten der Tagebaulandschaft fasziniert werden, entdeckt er noch eine andere Lausitz.

Blick auf die Stadt Bautzen

Den Blick auf die Stadt Bautzen hat er zweimal radiert, 1973 und 1989. Beide Blätter finden wir im mittleren Raum in einem gemeinsamen Rahmen – so lassen sie sich gut miteinander vergleichen. Das Blatt von 1973 ist die früheste in die Ausstellung aufgenommene Radierung Richters, auf ihm lässt sich seine Suche nach neuen, persönlichen Gestaltungsformen gut erkennen, die gliedernden strengen Schraffurlagen hat er in dieser Form nicht wieder aufgegriffen. Die Miniatur von 1989, die den gleichen Blick auf Bautzen zeigt, ist die vorletzte Grafik, die der Künstler überhaupt geschaffen hat. Danach ist nur noch eine Grafik entstanden: „Herbstlicht (für Ingeborg)“.

Eine Wende zu den späteren Gleichnissen hin zeigt sich bei den Lausitzblättern in der Grafik „Fragmente“. Hier kombiniert er das Wegbaggern eines Lausitzer Dorfes im Hintergrund mit dem Auftürmen antiker Bruchstücke im Vordergrund. Auch in der Gestaltungsweise, kleinteilige Strukturen und dichte Schraffuren, zeigt sich schon die Nähe zu den Gleichnis-Blättern der 1980er Jahre.

Immer sind Zeichnungen Vorarbeiten zu den Radierungen. Man tut den Zeichnungen zwar damit Unrecht, diese nur als Zwischenergebnis zu werten. Sie sind sehr wohl eigenständige Ergebnisse Richterscher Kunst, aber oft sind sie schon im Hinblick auf die Umsetzung in die Druckgrafik entstanden. Viele Entscheidungen für die Grafik werden schon in der Zeichnung vorweggenommen, die Komposition der Drucke oft schon in der Zeichnung endgültig festgelegt. Das erforderte ein sehr konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten vor der Natur. „Wenn ich nicht weiß, dass ich mindestens sechs Stunden Zeit zum Zeichnen habe, fange ich erst gar nicht an“, hat er mir Mitte der 80er Jahre mal gesagt. Das es ihm Ernst mit dieser Aussage war, durfte ich in dieser Zeit oft miterleben.

„Manneken Pis“

Die Kaltnadelradierung „Manneken Pis“ („Lausitzer Landschaft I“) ist auf eine im Stadtpark Lohsa entstandene Zeichnung zurückzuführen. Die tote Wurzel im Vordergrund und die beiden prächtigen Eichen im Hintergrund liegen etwa hundert Meter voneinander entfernt und können in der Natur keinesfalls zusammen gesehen werden, verbinden sich aber schon in der Zeichnung (das Ergebnis von zwei Tagen intensiven Zeichnens) zu einer untrennbaren Einheit. Diese gleichnishafte Verschmelzung wird in der Grafik nur noch vervollständigt durch das titelgebende Figurenzitat aus einem Bild von Bruegel. Für die Zeichnung zu dem Blatt „Gemäuer“ („Lausitzer Landschaft III“), hockte er ebenfalls fast zwei Tage im Gestrüpp vor dem Torhaus des Parks in Neschwitz. Für die Grafik gab es dann nur noch geringfügige Veränderungen, z.B. das Einfügen der kaum erkennbaren Figur.

So ist bei Richter das unmittelbare Erleben und Darstellen der Veränderung der Lausitzer Landschaft durch den Braunkohleabbau – in einer Zeit, da die Darstellung zerwühlter Landschaft und rauchender Schlote in der Bildkunst noch als Verherrlichung wirtschaftlichen Aufschwungs galt – dem grafischen Entdecken erhaltenswerter Kultur, den Lausitzer Schlössern und Parks (Neschwitz, Milkel, Muskau), gewichen.

Zu den Ostseelandschaften

Unbegrenzte Weite, freie Sicht bis zum Horizont, der Mensch nur ein winziges unbedeutendes Teilchen im großen Kosmos, in die Großartigkeit der Natur integriert – das finden wir in allen Strandlandschaften Gerenot Richters, von der Lithographie “Königshorn Glowe II” von 1968 bis zum letzten „Strandläufer“ von 1988, dem drittletzten Blatt Richters überhaupt. Dadurch, dass sich hier von der Motivik her fast nichts ändert, ist die künstlerische Entwicklung und Reife, die Veränderung der Handschrift Richters noch deutlicher erkennbar, als bei den Lausitzblättern.

Stürmische Kraftlinien im weiten Himmel den hektische Flug der Möwen nachzeichnend, die darin in ihrer Bewegtheit fast nicht erkennbar sind, kleine unscheinbare Menschen kennzeichnen die frühen Gafiken (Glowe-Litho und auch noch das Blatt „terra mater“ aus der Folge von Kaltnadelradierungen „Rügen ́74“) – alles ordnet sich dem dynamischen kraftvollen Zeichenstil unter. Es ist kaum ein Unterschied zu Arbeiten anderer Kollegen in dieser Zeit zu entdecken.

Festere Formen, genauere, detailliertere Beschreibung der Natur, achtungsvolle Unterordnung des Zeichenduktus unter die Naturbeschreibung sehen wir zunehmend in der Strandläufer-Folge (im mittleren Raum), der einzigen Reihe, die vollständig in der Ausstellung vertreten ist. Einer der wichtigen Antriebe, sich mit dieser Landschaft auseinanderzusetzen ist sicherlich, dass es die Heimat seiner Frau Ingeborg ist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ab dem „Strandläufer IV“, persönliche Gegenstände (Tasche, Fernglas, Ingeborgs Fahrrad u.a.) zu einem Stillleben im Vordergrund arrangiert werden. „Strandläufer V“ zeigt in der am Ufer ausschreitenden Figur mit der großen Zeichenmappe unter dem Arm ein Selbstbildnis des Künstlers. Alles das drückt auch seine besondere Verbundenheit mit dieser Landschaft aus.

Nur ein weiteres graphisches Selbstbildnis gibt es. Auf dem auch als Einladungskarte verwendeten Blatt „Der Traum des Podagristen – zu Dürers 450. Todestag“ finden wir ihn mit aufgesetzter Lupenbrille und Radiernadel in der Hand, gespiegelt in einer Stahlkugel auf seinem Arbeitstisch. Der Bildtitel gibt Rätsel auf – ein Podagrist, was ist das? Das ist jemand der Podagra hat, also an Gicht erkrankt ist. Die Grafik ist eins von vier Blättern, die Richter Dürer anlässlich dessen 450. Todestages gewidmet hat. Es verrät wie die anderen drei – wir haben noch ein weiteres in der Ausstellung – eine intensive Beschäftigung mit Albrecht Dürer und bezieht sich auf einen Kupferstich Dürers, der besser bekannt ist unter dem Titel „Der Traum“ oder auch „Der Traum des Doktors oder Die Versuchung“. Die linke untere Ecke dieses Kupferstichs taucht auch als Zitat in Richters Blatt auf, alles Weitere kann als sehr persönliche Verneigung vor dem großen Renaissancemeister verstanden werden. Solche Referenzen vor großen Malern der Vergangenheit, besonders der Renaissance, sind nicht selten in Richters Werk, vor allem in den 80er Jahren sind sie vermehrt zu finden: Dürer, Schongauer, Altdorfer, Brueghel, aber auch neuere Anklänge z.B. an Karl Korab.

Zu den Stadtlandschaften

Alles was über Richters künstlerische Entwicklung anhand der Motivbereiche Lausitz und Ostsee gesagt wurde, trifft auch auf seine Stadtlandschaften zu. Aber durch ihre topographische Genauigkeit sind sie auch historisch interessant – wobei aber ihr künstlerischer Wert immer im Vordergrund bleibt.

Was meine ich mit historisch interessant? Die Lithographie „Die neue Silhouette“ von 1971 zeigt einen Ausblick aus dem Institut für Kunstpädagogik in der Burgstraße. Der Titel bezieht sich auf die Hochhäuser am Horizont – davor wirkt alles merkwürdig leer: Die Nikolaikirche zeigt sich uns ohne ihre Turmspitzen, das Nikolaiviertel ist noch nicht gebaut, das Marx-Engels-Forum existiert noch nicht und auf dem Platz, auf dem später das Palasthotel stehen wird, drängen sich diverse Baugerätschaften. Nur die Fläche rechts der Spree, zwischen Berliner Dom und Marstall, ist heute, nachdem der Palast der Republik abgerissen ist, so kahl wie zur Entstehungszeit dieses Blattes.

Aber ich will niemandem die Freude am Selberentdecken nehmen! Und für denjenigen, den das nicht interessiert, weil er Berlin nicht so genau kennt, bleiben es einfach gute Grafiken! Viele haben sich mit Gerenot Richters Grafik beschäftigt, seine Blätter genau analysiert. Besonders genannt seien hier Gisold Lammel und Peter H. Feist. Und gute Texte über Richter gibt es auch von Roland Berger und Volkhard Böhm, so dass ich mir bewusst bin, dass es mir unmöglich ist, an dieser Stelle Neues zur Richter-Rezeption beizutragen. Ich könnte höchstens eine Eröffnungsrede aus klugen Zitaten zusammenbasteln. Stattdessen habe ich mich auf ein paar persönliche Erinnerungen beschränkt und versucht, das Konzept dieser Ausstellung zu umreißen.

Schließen möchte ich aber doch mit einem Zitat, weil ich keine besseren Schlussworte finden kann. Es stammt von Ljudmila Bruchholz, anlässlich einer Richter-Ausstellung vor fast 20 Jahren aufgeschrieben:

„Seine [Gerenot Richters] Radierungen, Aquatinten und Kaltnadel-Arbeiten geben poetisches Zeugnis von der Urgewalt der Natur, der Zeitlichkeit alles Lebendigen, der Endlichkeit menschlichen Tuns. Sie erfordern bei ihrer Betrachtung Muße bzw. haben diese zwangsläufig zur Folge. Du kannst dich der verhaltenen Melancholie der Blätter kaum entziehen, gehst in Dich gekehrt, wacher, sinnlich reicher aus dieser stillen Zwiesprache hervor.“

Ljudmila Bruchholz

Abbildung: Gerenot Richter, WV II-075 „Der Traum des Podagristen – zu Dürers 450. Todestag“, 1977


Gerenot Richter (1926 – 1991). Grafiken aus drei Jahrzehnten

Vernissage in der Galerie „Helle Panke“
Einführung: Helmut Müller
Musik: Christian Raudszus (Violincello)

Ausstellung vom 15. November 2011 bis 20. Januar 2012