Zur Erinnerung an Gerenot Richter

Datum: 02.09.2006
In Kategorie: ,

Richters Gleichnisse in der Kommunität Grimnitz in Joachimsthal


Laudatio von Peter H. Feist zur Ausstellungseröffnung am 2. September 2006

Der Kommunität Grimnitz ist sehr zu danken, dass sie erneut eine Gelegenheit bietet, dem grafischen Werk von Gerenot Richter zu begegnen. Ich danke dafür, dass ich diese Begegnung mit einigen Sätzen eröffnen darf. Ich verstehe sie als kleine Zusätze zu dem klugen Text von Roland Berger in dem Begleitheft zur Ausstellung.


Mir liegt sehr am Herzen, die Bedeutung und Schönheit von Gerenot Richters Arbeiten nachdrücklich hervorzuheben, denn diese haben zwar längst zu Recht viele Bewunderer gefunden, aber nehmen ganz zu Unrecht noch längst nicht den Platz im vorherrschenden Bild von der Kunst unserer Zeit ein, der ihnen zustünde.


Gewiss wurde einiges davon gar nicht so selten sowohl in der DDR als auch als Bestandteil von Überblicksausstellungen vor 1989 in der Bundesrepublik und in zehn weiteren Ländern ausgestellt. Aber es waren zu wenige und vorwiegend nicht sehr große Blätter. So konnten sie nicht jenes dauerhafte Aufsehen erregen, das heute nötig ist, um berühmt zu werden.

Hinzu kommt, dass Richter eigentlich nur nebenbei als Grafiker arbeiten konnte, der seine Blätter auch immer selbst druckte. Zur Hauptsache war er als Hochschullehrer für die Ausbildung seiner Studenten der Kunsterziehung und in Leitungsfunktionen an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig, und als jemand, der ihm in Funktionen und vielen Sitzungen nahe war, weiß ich, das er solche verantwortungsvolle Ganztagstätigkeit sehr ernst nahm.

Das hielt ihn, wie fast jeden von uns, nicht vom Zorn über unnütze Aufgaben und sinnlose Sitzungen ab, die die Zeit für schöpferisches Arbeiten stahlen. Ich möchte hier aber weder über seine Biografie noch über seine ganze Entwicklung als Künstler sprechen, sondern nur einige Anmerkungen zum hier Ausgestellten machen. Es stammt aus den Jahren, in denen Richters Kunst ihren ganz eigenen Charakter gewonnen hatte, d. h. seit etwa 1974.

Es waren nur rund fünfzehn Jahre, die ihm vergönnt waren. Eigentlich müsste zumindest zu jedem der größeren Blätter sehr ausführlich gesprochen werden, und vor allem müsste man zum Betrachten ganz nahe herantreten, um die Einzelheiten, auf die es ankommt, überhaupt sehen zu können. Ich kann nur dazu ermutigen, das zu tun, und versuche, zu verallgemeinern.

Gerenot Richter konzentrierte sich auf den Tiefdruck

D. h. Radierung, Aquatinta, Kaltnadel, Flächen- und Strichätzung. Er erprobte verschiedene Druckfarben und auch Drucke mit zwei sehr verhaltenen Farbtönen. Diese Verfahren des »Machens« immer besser zu beherrschen, ihre spezifischen Wirkungsmöglichkeiten zu erkunden und auch zu bereichern, war ihm ein wichtiger Handlungsantrieb.

Das gilt eigentlich für jeden ernsthaften Künstler. Im Verbund mit seinen Aussageabsichten, von denen noch zu reden sein wird, ging er bis zu extremen Leistungen. In manchen großen Blättern versammelte er eine überwältigende Fülle sich kompliziert verflechtender Formen. Andererseits betrieb er in hier nicht gezeigten Arbeiten eine schier unglaubliche Miniaturisierung, bei der die Darstellung von Dingen und weiten Räumen nur unter der Lupe erzeugt werden konnte.

Richter entschied sich für haarfeine, scharfe Linien, die etwas Darzustellendes genau umreißen, die in ihrem Nebeneinander eine Oberflächenstruktur erfassen oder die in schwungvoller oder verschlungener Führung über die Bildfläche Bewegungen und räumliche Beziehungen suggerieren. Er kombinierte diese Linearität meistens mit der Bildwirkung großer, reiner Flächen entweder unbedruckten Papiers oder von düsterer Tönung. Sie bilden in der Regel den Himmel ab, aber auch eine Schneelandschaft oder den Strand, Gemäuer oder einfach den Hintergrund für Gegenstände.

Ein scharfer Beobachter, der herausforderte

Richter war ein scharfer Beobachter, ein Nachdenkender und ein Fabulierer. Die sichtbare Seite der Welt in ihrer unermesslichen Vielfalt war immer sein Ausgangspunkt, und weil er ein Realist sein wollte, blieb sie im Bild auch erhalten. Das Nebeneinander von Dingen und von Nahem und Fernem, also Großem und Kleinem, ergab in der überraschenden Zuspitzung einen Bildsinn.

Das Bild von Menschen am leeren Strand erzählt etwas über menschliches Verhalten, das Bild von gebrochenen Bäumen spricht von Naturgewalten. Die Sturmkatastrophe von 1980 blieb ihm ein prägendes Erlebnis. Jede Einzelheit erscheint genau so wie in der Realität, und sie kann gar nicht kompliziert genug sein, damit wir von der Genauigkeit der Darstellung überzeugt werden.

Aber dann werden diese Details neu gemischt und mit dem einen oder anderen, meist winzigen Einsprengsel verbunden, das aus einem anderen, alten Kunstwerk herrührt, von Dürer oder Brueghel, Caspar David Friedrich oder Radziwill, auch Zeitgenossen wie Magritte und Janssen. Damit wird plötzlich eine weitere Geschichte erzählt, eine Geschichte von Vorfahren und Kulturtraditionen, von Bewahrenswertem, weil Wertvollem. Richter demonstrierte uns, was er weiß und was er kann. Das ist ein gutes Recht eines Künstlers, und auch Betrachter schätzen das immer.

Richter ließ uns aber vor allem erfahren, was Bilder vermögen

Er nannte eine Reihe großer Blätter Gleichnisse. Die kennen wir aus dem Neuen Testament der Bibel. Eine alltägliche Geschichte wird zum Gleichnis für Anderes, Tieferes, Umfassenderes. Richter beharrte darauf, dass im Grunde alle Bilder Gleichnisse sind. Wir bekommen ein Stück Landschaft gezeigt und erfahren daraus eine Meinung über den Verlauf des Lebens, über Zusammenhang und Chaos, über Sorgen und Hoffnungen.

Im Rückblick erkennen wir deutlicher, wie das Lebensgefühl, das sich in den 1980er Jahren ausbreitete, in seiner Ambivalenz von Zuversicht und Katastrophenangst artikuliert wurde. Die üppige Fülle bekommt etwas Erstickendes, die organischen Formen der Farne und Blätter werden zu kalten, stechenden, technischen Gebilden. Richter gehörte zu den Künstlern, die ganz bewusst und mit guten Gründen künstlerische Traditionen bewahren und deren Werte lebendig halten. Lebendig halten hieß, mit Dürers Kupferstichen etwas Neues zu schaffen.

Richter vereinte das Altmeisterliche mit dem modernen Prinzip, den Zugang zur Bildaussage zu erschweren, damit die Betrachter sich nicht mit einem flüchtigen Blick begnügen können. Das ist Erziehung zur visuellen und geistigen Anstrengung. Ich sehe auch, genau wie Roland Berger, noch etwas anderes. Richter, der die Kunst grundsätzlich sehr ernst nahm, wusste um den Reiz des Unerwarteten und Unlogischen und versteckte gern eine Prise witzigen Spiels im dichten Geflecht seiner Farnkräuter und knorrigen Bäume. Wie die meisten Künstler hat er seine Absichten nicht mit eigenen Worten erläutert. Wir können in einem jetzt veröffentlichten Brief an einen Nürnberger Kunstkenner etwas über seine Formvorstellungen, vor allem aber über drucktechnische Probleme und Schwierigkeiten nachlesen. Selbst der Titel der Werke bringen uns nicht immer auf die richtige Spur.

Die Einladung zur heutigen Ausstellung zeigt einen Ausschnitt aus dem Blatt »Gleichnis III« von 1987, das mit dem Zusatz »Eustachius« versehen ist. Den Namen Eustachius bekam ein legendärer römischer Feldherr, als er sich taufen ließ, nachdem ihm während einer Jagd der Gekreuzigte zwischen den Geweihstangen eines Hirsches erschienen war. Wegen seines neuen Glaubens erlitt er später den Märtyrertod und galt als Heiliger seit dem Mittelalter als einer der vierzehn Nothelfer. Von dieser Legende stellte Richter nichts dar. Nur die Burg am fernen Horizont ist seitenverkehrt aus einem Kupferstich Dürers übernommen, der die Bekehrung des jagenden Waffenträgers wiedergibt. Allein ein Spezialist kann das identifizieren, ebenso, dass das Bauwerk im Mittelgrund die Ruine des im Krieg zerstörten Schlosses Muskau ist. Hauptmotive im Vordergrund sind vielmehr eine vom Sturm gestürzte Buche und sie überragende wuchernde Pflanzenstengel, die ganz ähnlich schon in einem Kupferstich von 1979 auftauchten. Der entwurzelte Baum, die Ruine mit der Bauplastik einer segnenden Figur und die Kräuter lassen sich als Gleichnis für den Kreislauf von Stirb und Werde, Zerstörung und neuem Leben verstehen. Für eine Verknüpfung mit der Eustachius-Geschichte finde ich keine Erklärung.

Das beunruhigt mich an diesem meisterhaften Kupferstich. Meine Vernunft will deshalb revoltieren. Aber dann fällt mir wieder ein: Beunruhigung, Anstachelung von Neugier gehört mit zum Sinn von großer Kunst, von dem kostbaren Lebenswert, den sie für uns bereithält.


Später publiziert in: Peter H. Feist, Nachlese – Aufsätze zu bildender Kunst und Kunstwissenschaft. Herausgegeben von Peter Betthausen und Michael Feist, Lukas Verlag 2016, S. 131-133


Abbildung: Gerenot Richter: II-263 Gleichnis III (Eustachius), 1987

„Gleichnisse. Zur Erinnerung an Gerenot Richter“ Ausstellung im September 2006 in der Kommunität Grimnitz in Joachimsthal (Brandenburg)