WV II-282 Begegnung (Bremer Iris)

1988
WV II-282 Begegnung (Bremer Iris)
50 x 65 cm
Radierung und Aquatinta
Für Künstlerplakat verwendet, 1988 Kleine Galerie Waldkater, Bernau
1988: Kleine Galerie Waldkater, Bernau | 1989: Berlin, Galerie a

1988 entstand schließlich das Blatt „Begegnung (Bremer Iris)“, das Gedanken über Lebenswillen und Selbstbehauptung reflektiert. Ganz vorn schieben sich auf der linken Seite Schwertlilien ins Bild. Am weitesten ragt aus der Blumeninsel jene Iris heraus, die Dürer auf einer Aquarellstudie (Kunsthalle Bremen) wiedergegeben hat. Die übrigen Lilien sind Variationen dieses Motivs und stimmen einen Hymnus auf den gestaltungmächtigen Künstler an. Doch das unruhig aufleuchtende Blumenstück wird von einer Reihe übergroß gesehener und mahnmalhaft wirkender Weidenstümpfe nahezu erdrückt. Die Baumriesen, in denen nur noch hier und da letzte Lebenskraft aufflackert, säumen einen aufgeweichten Feldweg, der hart am Bildrand in die Tiefe führt. Diese Baumruinen lassen an Widerstand und Lebenswillen denken.

Die von Menschen beschnittenen und verunstalteten Weiden haben immer wieder Kraft zum Fortbestehen gesucht, doch nun sind sie dem Ende nahe. Teile ihrer Rinde nehmen bereits die Struktur der zerfahrenen Erde an. Zwischen den Stämmen wird eine flache Landschaft sichtbar, die nach hinten durch einen Waldstreifen abgeriegelt ist. Auf einem Weg, der aus der Tiefe zu den Weiden geleitet, geht ein Paar. Die Frau hält beide Hände über ihren gewölbten Leib, während der Mann an ihrer Seite die Rechte zur Bekräftigung seiner Worte hochreißt. Das Paar geht auf die gespenstisch anmutende Baumzeile zu und somit einer merkwürdigen Begegnung entgegen.

Dem Betrachter erscheinen die beiden Bildfiguren sonderbar entrückt, tragen sie doch renaissance-gemäße Gewänder. Und in der Tat stammen sie aus ferner Zeit. Richter holte sie aus Dürers um 1496/97 entstandenem Kupferstich „Der Bauer und seine Frau“ herüber, dem Kunstinteressierten eine sonderbare Begegnung bereitend. Somit sind in dieser Komposition eigentlich mehrere „Begegnungen“ enthalten, nämlich die von Menschen mit sterbender Natur, die – durch Blumenstück und Baumzeile angedeutet – von aufblühendem Leben und sich näherndem Tod und schließlich die des Betrachters mit Geschichte, Kunstgeschichte und gefährdetem Lebensraum im Bilde.

Gisold Lammel