WV II-222 Gleichnis II (Die Blinden)

1986
WV II-222 Gleichnis II (Die Blinden)
50 x 65 cm
Radierung und Aquatinta
A: bisher nicht ermittelt
1989: Berlin, Galerie a | 1987: Galerie im Cranachhaus, Weimar

1985 / 1986 setzte Richter seine Bilderreihe Gleichnisse mit dem „Gleichnis II (Die Blinden)“ fort, in dem er seinen Unmut über die Blindheit von Menschen gegenüber kulturellen Werten äußerte. Er hat in dieser Komposition die Vergänglichkeit des Menschenwerks der sich immer wieder erneuernden Natur gegenübergestellt. Der Betrachter steht in einer Ruine und blickt über die verfallene Terrasse und Treppe auf die verwilderte Parklandschaft, in der sich zwei junge Frauen entkleidet haben, um sich zu sonnen.

Fragen drängen sich auf: War es blinde Zerstörungswut, die hier das Bauwerk schändete, oder waren es Blindheit und Gleichgültigkeit gegenüber kulturellen Werten, die Villa und Park verkommen ließen? Wer waren die mit Blindheit Geschlagenen? Und deuten die beiden lebensfrohen Akte vielleicht an, daß sich Menschen sehr leicht an den Anblick von Verwahrlostem gewöhnen können?

Die beiden im Grase Lagernden stehen in einem gewissen Gegensatz zu jenen sonderbaren Gestalten in der rechten Hälfte des Mittelgrundes, die nur schwer hinter dem Rhododendronstrauch und den beiden hoch aufragenden Silberdisteln wahrzunehmen sind. Es handelt sich um vier in Gewänder des 16. Jahrhunderts gehüllte Männer, von denen einer, und zwar der Anführer, bereits rücklings am Boden liegt und über den der Nachdrängende gerade strauchelt, während die beiden übrigen unsicheren Schrittes, stolpernd und tastend, dem Fallenden und Gefallenen folgen.

Diese merkwürdige Gruppe entstammt dem berühmten Bild „Der Sturz der Blinden“ (1568, Neapel, Galleria Nazionale) von Pieter Bruegel. Mit ein wenig Ironie ließ Richter die zitierten blinden Männer von den sonnesuchenden Frauen wegstreben und hinschlagen. Hier treffen sich aber auch das Idyllische und das Tragische, klingt mit den zeitlosen Akten und den zeitlich charakterisierten Männern die Langlebigkeit von bestimmten Verhaltensstrukturen an und begegnet eine Konstellation der Figurengruppen, die auch als Nebeneinander-Hinleben deutbar ist.

Die Gedankengänge können jedoch noch weitergeführt werden, indem das Zitat zu der verlotterten Villa und dem vernachlässigten Landschaftsgarten in Bezug gesetzt wird. Ist vielleicht, so gesehen, der Zug der Blinden, dieses Beispiel des Irrens wie der Torheit, eine sarkastisch gemeinte Parallelerscheinung zu einer „Objektbegehung“ von „Stadtvätern“ in unseren Tagen? Und kommen wirklich alle mit Blindheit Geschlagenen zu Fall? Im zitierten Blindenzug hat der gerade Fallende sein Gesicht dem Betrachter zugewendet. So schließen sich das Beziehungsgefüge und der Kreis der Fragen.

Hat der Betrachter das Zitat entdeckt, so erhält die fallende Diagonale, die mit den Gestalten beschrieben wird, durch die Architekturteile und -fragmente eine übermächtige Verstärkung. Dann wird die Treppe um so sinnfälliger in ihrer Abwärtsbewegung begriffen.

Die Komposition als Ganzes stiftet Unruhe. Die aggressiven harten und winkligen Formen des ruinösen Bauwerks werden nur geringfügig durch das Blättermeer der Pflanzen und Sträucher gedämmt, obgleich dann einige Stämme der die Lichtung säumenden und den Bildraum abriegelnden Bäume die vertikalen Linien des Vordergrunds aufnehmen und eine gewisse Bildstabilität bewirken. Dennoch setzt sich die Unruhe bis in die vielgestaltigen, zerfaserten Baumkronen fort, die nur wenig vom Himmelsstreifen freigeben. Eine betonte Waagerechte, die festen Halt geben könnte, fehlt. So ist es von der Bildregie her schlüssig, daß einige der Bildfiguren zu Fall kommen; so hat Richter eine sinnlich-gedankliche Einheit herbeigeführt.

Die Bildidee für diese Graphik war Richter beim Anblick des Nordhäuser Parks von Hohenrode gekommen. Einige der dort angefertigten Teilstudien zog er für diese Arbeit heran.

Gisold Lammel