WV II-210 Der ungetreue Hirt

1985
WV II-210 Der ungetreue Hirt (Hommage à Bruegel)
50 x 65 cm
Radierung, Aquatinta, Mezzotinto
A: bisher nicht ermittelt
1985: Neue Dresdener Galerie | 1987: Galerie im Cranachhaus, Weimar | 1989: Berlin, Galerie a

In der dritten seiner großformatigen gleichnishaften Darstellungen ehrte Richter einen bildenden Künstler in besonderem Maße. Er nannte die Komposition „Der ungetreue Hirt (Hommage à Bruegel)“ (1984/85). In ihr hat er das alte Gleichnis vom guten und vom schlechten Hirten aufgegriffen (Joh. 10, l2), indem er den Mietling zeigt, wie er verantwortungslos dem Wolf das Feld räumt und die ihm anvertrauten Schafe im Stich läßt.

Die Szene spielt in einer Landschaft mit niedrigem Horizont, die gleichsam Resonanzfeld und Bedeutungsraum für das dramatische Geschehen bildet. Zerspellte und abgestorbene Bäume deuten ebenso die Katastrophe an wie die Trümmer eines Wagens. Die Welt ist, wie es scheint, hier aus den Fugen. Selbst im Tierreich kommt es zu abnormen Reaktionen: Da schlummert doch links im Vordergrund eine Katze im Grase und kümmert sich nicht um die vor ihrer Nase herumlaufende Maus.

Eine merkwürdige Stimmung geht von dem Blatt aus. Im Zentrum ist eine sonderbare, bedrohlich wirkende graue Leere zu sehen, die sich zu einem Feld knisternder Spannung zwischen den Zeichen der Zerstörung und Lebensfähigkeit ausweitet. Eigenartig mutet gleichfalls die schmale Raumbühne an, auf der die jähe Bewegung des in die Tiefe weisenden ruinösen Gefährts sogleich von dem knorrigen Baumriesen aufgenommen und aufwärts geleitet wird, um sich im wundersam verschlungenen Geäst der Krone zu verlieren. Und das rechts der Bildachse befindliche Rad zieht wiederum Bewegungsströme des gebrochenen Baums zusammen und leitet das Auge zum fliehenden Hirten. Die Gräser wirken wie ein Nachhall auf die großen Linien der Komposition und als Ganzes genommen auch als eine Zusammenfassung.

Das Blatt ist voller Gegensätze und Korrespondenzen. Der zersplitterte Baum, dessen Faserbündel wie Blitze niederfahren – ein Bild jäher Vernichtung –, steht im Kontrast zu den beiden Baumtorsi wie zu der weit ausladenden Eiche, die das Vergehen und Weiterleben in der Natur anklingen lassen. Hat Richter das zersplitternde Holz schrill und hart ins Bild gebracht, so den mächtigen Baum auf der anderen Seite in gedämpftes Licht gehüllt, aus dem Äste und Zweige vorstoßen und in das sich andere verlieren. Kostbare Strukturen deuten nicht nur Stofflichkeit und Aufbau des Materials an, sondern ebenso Formenverläufe und sie nehmen Bezug auf die Bewegungsströme im Bild.

Inhaltlicher wie formaler Angelpunkt ist der Hirte, der sich hell vom lastenden Grau des Himmels abhebt. Er trägt eine merkwürdige Tracht aus längst vergangener Zeit. Und in der Tat, mit dieser Figur hat es eine besondere Bewandtnis: Sie ist Pieter Bruegels Gemälde „Der ungetreue Hirt“ entlehnt (Philadelphia Museum of Art, Philadelphia, Sammlung John G. Johnson). Auch der Wolf in der Schafsherde am rechten Rand der Radierung erinnert an das Gemälde des niederländischen Malerphilosophen. Und dennoch schuf Richter hier keine historische Landschaft, die sozusagen Landleben des 16. Jahrhunderts vor Augen führt, vielmehr eine „paysage moralisé“, die ein Problem von weitreichender Bedeutung berührt: das verantwortungsvolle Sichstellen jedweder Bedrohung.

Fliehen vor Gefahren und Schwierigkeiten oder sich für eine gute Sache einsetzen, das ist hier die Frage, die gleichnishaft und mit Hinweisen auf den genialen Bruegel gestellt worden ist. Vielfältige Bezüge sind möglich: zunächst zur Nachkriegszeit, die – wie Richter bekannt hat – ein klarsichtiges und pflichtbewußtes Engagement zum Wiederaufbau erforderte. Dann ist an die gegenwärtigen Bedrohungen durch Kriege und Gefährdungen der Natur durch leichtfertigen Umgang mit ihr zu denken. Und schließlich erinnert das Zitierte an ein Problem, das in der Menschheitsentwicklung immer Geltung besessen hat.

Gisold Lammel