WV II-192 „Ging heut morgen …

1984
WV II-192 „Ging heut morgen übers Feld“ (Gustav Mahler 1884)
49 x 64,5 cm
Radierung und Aquatinta (Fertigstellung 1985)
seit 2022: Brandenburgische Kulturstiftung (Schenkung Familie Richter)
Z: 20, teils sepia, A: 15 teils sepia, V, III
1985: Neue Dresdener Galerie | 1987: Galerie im Cranachhaus, Weimar | 1989: Berlin, Galerie a
Standort: Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst

„‚Ging heut’ morgen übers Feld‘ – Gustav Mahler 1884“ – dieses komplexe Bild schließt die Verehrung von Komponisten und Malern sowie die Erinnerung an eine Studienreise nach Österreich und die Meditation über existentielle Fragen ein. Er hat es zu Ehren des genialen österreichischen Komponisten Gustav Mahler geschaffen, der hundert Jahre zuvor das Lied „Ging heut’ morgen übers Feld“ komponierte.

Richter beeindruckte Mahlers Neigung zu Romantisch-Volksliedhaftem, Verinnerlichtem und großartig Panoramischem. Außer dem Titel der Radierung werden zwei deutliche Hinweise auf die Hommage gegeben: Rechts von der sich übers ganze Blatt reckenden Baumruine ist das von Josef Hoffmann entworfene Grabmal Mahlers zu sehen, das Richter auf dem Grinzinger Friedhof besucht hat, und im Hintergrund der linken Bildhälfte ragen hinter Bäumen die Türme des barocken Stifts St. Florian empor, in dem einst einer der Lehrer Mahlers, der Komponist Anton Bruckner, tätig gewesen ist und dort seine Grabstätte gefunden hat.

Neben Musikschaffenden erfahren auch bildende Künstler eine Würdigung, und zwar durch eine Reihe von Zitaten aus Gemälden, die sich in Wiener Museen befinden. Ein Paar, das auf der linken Bildhälfte in die Tiefe schreitet, die daneben hantierende Waffelbäckerin und links dahinter in einer Höhle ihr Mahl Einnehmende entstammen Pieter Bruegels „Kampf zwischen Karneval und Fasten" und der „Bauernhochzeit". Darunter geben einige Pestwurzblätter des Vordergrunds den Blick auf ein sich liebendes Paar frei, das Egon Schiele gemalt hat, und ganz am rechten Bildrand erscheint ein Teil des geheimnisvollen Baumes aus René Magrittes „Stimme des Blutes“. Mit dieser Auswahl erwies er drei bedeutenden bildenden Künstlern seine Reverenz. An den Bildschöpfungen dieser Gestaltungsmächtigen haben ihn unterschiedliche Elemente interessiert, so die großartige, gedankenreiche Weltlandschaft des Niederländers Bruegel, der leidenschaftliche ornamental-graphische Stil des Österreichers Schiele und das Surreale sowie der bildhafte Witz in der Kunst des Belgiers Magritte. Künstlerisches Schaffen steht hier für menschliches Schöpfertum schlechthin. Indem verschiedenes Menschenwerk unterschiedlicher Epochen ins Bild genommen worden ist, wird auch die geschichtliche Dimension angedeutet. So erscheinen die Figuren Bruegels im Kostüm der Spätrenaissance, die Klosteranlage aus dem Barock, das Grabdenkmal aus dem beginnenden 20. Jahrhundert. Doch auch Ewigmenschliches klingt an, besonders in dem nackten Liebespaar.

Diese Komposition enthält vielfältige Gegenüberstellungen. Der gestorbene Baum, der da den goldenen Schnitt markiert und mit knorrigen kahlen Ästen gespenstisch über das Bild greift, steht inmitten üppiger Vegetation, Tod und Leben andeutend, wie der Grabstein und das Liebespaar. Doch der etwas wehmütig stimmende tote Baum ist für sich genommen schon Symbol der Vergänglichkeit und Wiedergeburt, der Metamorphose. Einmal verwest, wird er neuer Vegetation dienlich sein. Und vielleicht wird dieser Gedanke durch die Formgebung des toten Holzes aufgenommen, das an einen Kruzifixus erinnert. Suggerieren die Gebirgsmassive im Hintergrund Dauer und Festigkeit, so die am schmalen Himmelsstreifen sich ballenden Wolken Veränderlichkeit, Weichheit und Leichtigkeit. Organisches und Anorganisches in der Natur stehen sich gegenüber und sind wiederum durch gemeinsame Strukturen, umrißverwandte Formen u.a.m. aufs engste miteinander verbunden. Widerspruchsvolle Verhältnisse sind besonders durch den recht freien Umgang mit Größenverhältnissen angedeutet.

Vordergrundstilleben und dahinter liegende Landschaften bilden in der Komposition ein Ganzes. Das magische Licht morgendlicher Sonne, das die Berge streift und den Fingerhut in vorderster Bildschicht aufleuchten läßt, schafft einmal mehr eine Korrespondenz der Raumgründe. In dieser Arbeit begegnet dem Betrachter eine gesteigerte Tastbarkeit der Objekte. Bei aller Liebe für Strukturen und Stofflichkeit ist jedoch Richter nicht im Gestrüpp von Details hängengeblieben, und seine Hingabe an die Natur und seine phantasievolle Kombinatorik haben nie die Grenzen der künstlerischen Gestaltung überschritten. Das Bildgefüge erinnert im übrigen etwas an die labile Tektonik der Symphonien Mahlers, wie ja auch die grotesken Zuckungen und das krause Linienwerk im Schaffen beider zu finden sind.

Es muß Richter ein großes Bedürfnis gewesen sein, diesen Komponisten zu ehren, auch wenn dessen Hauptthema, der Mensch im Alleinsein und Ausgesetztsein, nicht sein ganzes Weltverhältnis ausgemacht hat. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß Richter ein knappes Jahrfünft nach dieser Arbeit sich erneut auf ein Werk Gustav Mahlers bezogen hat, als er eine Serie von zwölf kleineren und mit kalter Nadel radierten Landschaften unter dem Titel „... und die Erde wird lange feststeh’n und aufblüh’n im Lenz“ zusammengefaßt hat. Diese Worte sind einem von Hans Bethge aus dem Chinesischen ins Deutsche übertragenen Gedicht entnommen, das Mahler in seiner Symphonie „Das Lied von der Erde" vertont hat.

Gisold Lammel