Erläuterungen zur Werkgruppe Berlinansichten […]
Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Mit diesem Blatt äußerte Richter „seinen Unmut über die Blindheit von Menschen gegenüber kulturellen Werten. Er hat in dieser Komposition die Vergänglichkeit des Menschenwerks der sich immer wieder erneuernden Natur gegenübergestellt. Der Betrachter steht in einer Ruine und blickt über die verfallene Terrasse und Treppe auf die verwilderte Parklandschaft, in der sich zwei junge Frauen entkleidet haben, um sich zu sonnen. Fragen drängen sich auf: War es blinde Zerstörungswut, die hier das Bauwerk schändete, oder waren es Blindheit und Gleichgültigkeit gegenüber kulturellen Werten, die Villa und Park verkommen ließen? Wer waren die mit Blindheit Geschlagenen? Und deuten die beiden lebensfrohen Akte vielleicht an, dass sich Menschen sehr leicht an den Anblick von Verwahrlostem gewöhnen können?“
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Die Komposition als Ganzes stiftet Unruhe. Die aggressiven harten und winkligen Formen des ruinösen Bauwerks werden nur geringfügig durch das Blättermeer der Pflanzen und Sträucher gedämmt, obgleich dann einige Stämme der die Lichtung säumenden und den Bildraum abriegelnden Bäume die vertikalen Linien des Vordergrunds aufnehmen und eine gewisse Bildstabilität bewirken. Dennoch setzt sich die Unruhe bis in die vielgestaltigen, zerfaserten Baumkronen fort, die nur wenig vom Himmelsstreifen freigeben. Eine betonte Waagerechte, die festen Halt geben könnte, fehlt. So ist es von der Bildregie her schlüssig, dass einige der Bildfiguren zu Fall kommen; so hat Richter eine sinnlich-gedankliche Einheit herbeigeführt.
Die Bildidee für diese Grafik war Richter beim Anblick des Nordhäuser Parks von Hohenrode gekommen. Einige der dort angefertigten Teilstudien zog er für diese Arbeit heran.“
Gerenot Richters gleichnishafte Bilddichtungen
in: Lammel, G., Meister des Kupferstichs – Gerenot Richter
Hrsg. von G. Brandler, Edition Schwarz Weiß, Spröda 1997
Lesen Sie auch die Erläuterungen zur Werkgruppe „Gleichnisse“ […]

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Ein Fensterbild als Sinnbild für Hoffnung und Sehnsucht. Draußen vor dem Fenster steht der Dudelsackpfeifer aus einem Kupferstich Dürers von 1514 inmitten einer winterlichen Landschaft, drinnen auf dem Fensterbrett ein welkes Blatt, blühender Ritterstern, treibender Rhabarber und ein Schneckenhaus, alles Sinnbilder in einem großen Gleichnis: Werden und Vergehen, Ausgesetztsein und Geborgenheit und der schöpferische Mensch eingebettet in den Lauf der Geschichte.
Volkhard Böhm
In der Kaltnadelradierung „Frühling mit A.D.“ von 1982 tritt der Betrachter vor das Fenster und begegnet dem Blick eines Dudelsackpfeifers, der da am kahlen Baum lehnt und volkstümliche Weisen spielt. Er entstammt dem frühen 16. Jahrhundert, genauer gesagt, einem Stich Dürers aus dem Jahre 1514. Es handelt sich gewissermaßen um eine Kunstbegegnung in doppelter Weise: mit einem Musizierenden und zugleich mit einer Kunstfigur. Die zunächst sonderbar anmutende Gestalt bringt sozusagen ein Ständchen, grüßt aus der Vergangenheit herüber. Oder weist sie auf den Abgesang alles Überlebten, oder verabschiedet sie nur den Winter? Oder kündet sie „Neues“ im alten Gewande an?
Auf sonnigem Fensterbrett stehen blühender Ritterstern und treibender Rhabarber, daneben windet sich ein dürres Blatt aus dem verwichenen Jahr, Zeitlichkeit und Vergänglichkeit andeutend. Daneben liegt ein Schneckenhaus als Sinnbild der Geborgenheit. Das Stillleben beschreibt im Vordergrund eine Wellenlinie, die nach Auffassung des englischen Malers und Grafikers William Hogarth die Linie der Schönheit ist.
Natürlich steht dieser Fensterausblick in einer langen künstlerischen Tradition. Im 19. Jahrhundert kamen sogenannte Fensterbilder häufig vor. Und damals wie heute wird mit dem in ihnen gestalteten Verhältnis von Innenraum und Außenwelt auch das von Individuum und gesellschaftlicher wie natürlicher Umwelt reflektiert. Häufig wurden gerade mit dem Motiv des geöffneten Fensters Hoffnungen und Sehnsüchte angedeutet. Auch diese Radierung lässt sie anklingen und darüber hinaus Freude über einsetzende Erneuerung, die der beginnende Frühling verheißt. Richter machte hier das Dürerzitat zum Angelpunkt der Komposition. Schon nach flüchtigem Blick wird die entliehene Bildfigur be- und hinterfragt. Sie bewirkt die seltsame Begegnung und lässt an ein historisches Genrebild denken.
Gisold Lammel