Herbstlicht für Ingeborg

Datum: 28.04.2026
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Am 29.03.2026 starb Ingeborg Richter, die Witwe von Gerenot Richter

Ingeborg Richter wurde am 23.09.1929 in Rostock geboren. Kriegsbedingt erlebte sie eine entbehrungsreiche Jugend – die Familie verlor ihr gesamtes Hab und Gut nach einem Bombenangriff auf Rostock und später den ältesten Sohn, der als Funker nie direkt an Kriegshandlungen teilgenommen hatte.

Ehefrau und Mutter

Ihren späteren Mann Gerenot lernte Ingeborg im Januar 1951 in Berlin kennen, bevor sie kurz darauf Ostdeutschland für ein Volontariat als Handelsgehilfin in Witten an der Ruhr verließ. Das junge Paar heiratete 1952 und bekam 1954 einen Sohn.

In den ersten Jahren ihrer Ehe sahen sich Ingeborg und Gerenot nur am Wochenende. Ingeborg lebte in Dresden, in der Nähe der Schwiegereltern, während Gerenot in Berlin nach erfolgreich abgeschlossenem Studium seine berufliche Karriere vorantrieb. Erst 1958 konnte Ingeborg durchsetzen, zu ihrem Mann nach Berlin zu ziehen. Dort brachte sie 1959 eine Tochter zur Welt.

Ingeborg, die gern Kinderärztin oder Kinderkrankenschwester geworden wäre, stellte ihre eigenen beruflichen Ambitionen oft zurück. Mal brauchten ihre Eltern ihre Unterstützung, mal ihr Mann, dem sie im Interesse seiner künstlerischen Entwicklung immer den Rücken freihielt.

Emanzipation und Berufstätigkeit

Der Einstieg in einen sie erfüllenden Beruf gelang Ingeborg nach mehreren Anläufen erst mit über 40 Jahren. Nach einem Intermezzo an der Humboldt-Universität zu Berlin als Sekretärin ihres Mannes leitete sie in der Berliner Charite über viele Jahre ein zentrales Schreibbüro mit 20 Mitarbeitenden.

Mit ihrem Team sorgte sie dafür, dass die auf Tonband diktierten ärztlichen Befunde schnell und zuverlässig verschriftlicht wurden. In engem Kontakt mit dem medizinischen Personal erwarb sie sich dafür ein umfangreiches Fachwissen. Von den Chefärzten der Charité wurde sie für ihr Engagement und ihre Umsicht sehr geschätzt.

Ein jähes Ende fand Ingeborgs Berufstätigkeit durch die schwere Krebserkrankung ihres Mannes, den sie bis zu seinem Tod im Januar 1991 pflegte.

Nachlassverwalterin im Ehrenamt

Über 30 Jahre ihres weiteren Lebens widmete sich Ingeborg mit Hingabe, Engagement und Sachverstand der Bewahrung des Nachlasses von Gerenot Richter. Unermüdlich klopfte sie bei Sammlungen und Museen an, beteiligte sich an der Organisation von Ausstellungen und erreichte damit, dass Gerenot Richter in den Wirren der 90er Jahre nicht in Vergessenheit geriet. Bei den sechs Ausstellungen anlässlich seines 90. Geburtstages konnte sie den Erfolg ihrer kräftezehrenden Arbeit nochmals genießen.

Krankheit und Tod

Aufgrund ihrer eigenen Erkrankung war es Ingeborg nach 2016 nicht mehr möglich,  Gerenots künstlerischen Nachlass weiter zu verwalten. Sie übergab diesen schrittweise an ihren Sohn. Die Mitwirkung an den Ausstellungen und Würdigungen zu Gerenot Richters 100. Geburtstag war ihr nicht mehr vergönnt.

Ingeborg Richter verstarb am 29.03.2026 in Berlin. Ihre Kinder und Enkelkinder konnten sie auf ihrem letzten Weg bis zum Ende begleiten. Sie wurde am 15.04. neben ihrem Mann auf dem Friedhof „Am Bürgerpark“ in Berlin-Pankow beigesetzt.

Abbildung: Herbstlicht (für Ingeborg), 1989
Bei diesem Werk handelt es sich um die letzte Radierung von Gerenot Richter, die er in Vorahnung seines Todes seiner Frau Ingeborg widmete.