„terra mater“ & „Herbstlicht“

Datum: 21.01.2017
Tags: 

Kapitel 5 der Gerenot Richter-Werkschau


Aus der Laudatio von Astrid Volpert zur Ausstellungseröffnung
am 21. Januar 2017 | Galerie im Neuen Rathaus Templin

Diese neue Reise zu den Werken des Künstlers außerhalb der Bestände von Museen und öffentlichen Sammlungen währt nun schon neun Monate. Die Neugier und Lust auf immer mehr überraschende schwarz-weiße Entdeckungen auf Papier scheint ungebrochen. Templin ist die fünfte Station einer bemerkenswerten Kunsttour zu den unspektakulären und doch sehr spannenden, den genauen wie ebenso sinnlichen grafischen Bildern eines viel zu wenig bekannten, großartigen Berliners. Gerenot Richter ist eine in mehrfacher Hinsicht einmalige historische Persönlichkeit, an deren Charakter und zeitgenössisches Schaffen Familie und Freunde anlässlich seines 90. Geburtstags und des 25. Todestags erinnern. Deshalb haben sie für unterschiedliche Orte in Berlin und im Land Brandenburg Ausstellungen konzipiert, organisiert und gestaltet.

„terra mater“ & „Herbstlicht“ – Spät- und Frühwerk

Die hier eröffnende vorletzte Station dieser Reise durch Richters Bilderkosmos erfasst sein Früh- bzw. Spätwerk. Dabei spannt sich der Zeitbogen vom Beginn der 1960er Jahre bis 1989, ungefähr ein Jahr vor seinem viel zu frühen Tod im Alter von 64 Jahren. 98 Arbeiten sind im Templiner Rathaus versammelt. Sie werden es bei ersten Blicken die Haupttreppe aufwärts und in den Fluren von zwei Etagen schon bemerkt haben – es handelt sich nicht nur um Drucke, also Radierungen und Lithografien, sondern auch um Handzeichnungen und sogar drei Ölbilder. Gestatten Sie mir deshalb, vor allem der Hüterin und besten Kennerin dieser Schätze herzlich für ihre Gaben auf Zeit zu danken.

Liebe Frau Ingeborg Richter, wir sind berührt und beglückt über Ihre großzügige Bereitstellung dieser Unikate aus dem Nachlass Ihres Mannes. Wir nehmen gern die Gelegenheit wahr, Schlüsselwerken zu begegnen, wie sie das 2016 als Katalog erschienene, von Ekkehard Richter mit Schwester Gerburg und ihrer Agentur produzierte grafische Werkverzeichnis wiedergibt. Und wir freuen uns auf die Zugaben von Skizzen oder Zustandsdrucken sowie Beispiele der Malerei, die über diese offizielle Notation hinausreichen.

Nach dem Diplom als Kunstlehrer hatte Richter in den frühen 1960er Jahren extern an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee bei den Professoren Heinrich Burkhardt und Fritz Dähn auch sein Diplom als Maler ablegt. Aus dieser Zeit stammen die „Kinderbildnisse“. Es sind geradlinige, unverstellte, sensible Porträts – gleich, ob als Malerei, Zeichnung oder als Lithografie und Radierung ausgeführt. Ich nenne in unvollständiger Aufzählung daraus „Kind II“, „Sinnender Junge“ und „Geschwister“, alle von 1965. Auch das mit der kalten Nadel in die Platte geritzte Doppelbildnis „Köpfe“, 1965 / 1966 ist präsent, mit dem das Verzeichnis der Tiefdrucke beginnt. Das Werkverzeichnis der Lithografien datiert ebenfalls ab 1965. Blatt 013 zeigt einen Mann mit Kind beim „Waldspaziergang“. Die kleinen, dem Betrachter den Rücken zukehrenden Gestalten ordnen sich still dem größeren Raum der Natur zu.

Aus einem Œuvre von drei Jahrzehnten und rund 500 Werken (50 Lithografien, 304 Radierungen sowie 137 Handzeichnungen und Skizzen) für diese Schau auszuwählen, fiel auch dem, der diese Begegnung realisierte, nicht leicht: Deshalb gilt Dank drei dem Grafiker und Drucker Helmut Müller, der den Templinern kein Unbekannter ist: Im Sommer 2015 stellte er hier sein eigenes grafisches Werk vor. Auch diesmal wurde er beim Hängen der Arbeiten von Mitgliedern des Kunstvereins hilfreich unterstützt.

Landschaften, Stillleben und Bildnisse

Was wir sehen, sind also Landschaften, Stillleben und Bildnisse. Manchmal ist es gar nicht so einfach ist, das einzelne Kunststück exakt einer Periode zuzuschreiben. Denn Übergänge sind oft fließend, je nachdem, in welchem Kontext wir die Entwicklung eines Themas bzw. die Struktur des Werks betrachten – kompositionell oder drucktechnisch. Die Einladungskarte kündigt für jede Etappe ein prägnantes Beispiel an. 1974, nach einem Rügen-Aufenthalt, entstand die Radierung „Terra Mater“. Sie gilt als ein Fixpunkt des Richterschen Frühwerks. Der Titel dockt an Geschichte an: In der römischen Mythologie bedeutete dieser Begriff die Personifizierung der Mutter Erde als Göttin. Das klingt nach Pathos, aber gerade das offenbart dieses Blatt nicht. Wir sehen bewegte, natürliche Schönheit und mittendrin ein gebeutelter Mensch, kein Prophet, eher ein Mahner. So gibt der Künstler dem Motiv einer Wind und Wettern trotzenden, zerzausten Gestalt in der Ebene, an der Grenzlinie von Land und Wasser, lebendigen Ausdruck. Die Vibrationen der Kaltnadelstriche formieren konzentrierte, aufrechte Körperhaltung und die Gewissheit: Diese Figur lässt sich im Sturm nicht einfach wegfegen. Nach vorn blickend, zeigt sie offen Gesicht.

Den anderen Pol – das sogenannte Spätwerk – besetzt die nachweisbar letzte druckgrafische Arbeit aus dem Jahr 1989. Auch dieser Radierung / Aquatinta liegt eine Handzeichnung zugrunde und Volkhard Böhm bezeichnet das finale Blatt als Richters Vermächtnis. Das Motiv entpuppt sich als ein Fragment barocker Gartenkulisse: ein sich zwischen der Mauerbegrenzung des Geländes mit schmückenden Amphoren und ruhenden majestätischen Baumgestalten schlängelnder Parkweg. Es gehört zur unmittelbaren Umgebung von Schloss Neschwitz in der Nähe von Bautzen. Der Kunsthistoriker Volkard Böhm berichtet, Richter habe die Druckplatte überätzt und somit einen flauen Abdruck hervorgerufen. Eben dieses Resultat vermochte den melancholischen Gehalt seines Abschiedsblatts zu steigern. „Herbstlicht“. Der sonst eher zu lapidar informierenden Bildtiteln greifende Künstler wählte diesmal die poetische Steigerung, im Bewusstsein des Erreichens des Endpunkts seines grafischen Tuns. Namentlich widmete er das Werk Ingeborg, seiner Begleiterin durch vier Lebensjahrzehnte. Auf noch ein Detail sei verwiesen: Im Unterschied zur „pur landschaftlich“ gehaltenen Vorzeichnung fügte Richter im Druck ein tröstliches Zitat ein: Unten rechts, zwischen zwei Bäumen, lagert ein Paar schlafend auf einer Bank. Es ist Barlachs Figurengruppe von 1912, das „Schlafende Bauernpaar“, auch „Schlafende Vagabunden“ genannt.

Der rastlose Wanderer

Ähnlich dem norddeutschen Bildhauer und Zeichner Barlach war Richter ein rastloser Wanderer durch heimatliche Landschaften in durchaus auch schwierigen Zeiten. Diese Erkenntnis und seinen Umgang mit Scharmützeln wie ernsthaften Auseinandersetzungen vermitteln Blätter der frühen 1970er Jahre: „Nach der Sitzung“, „Heftige Debatte“ oder „Trauernder Eros“ sind radierte Notate eines aufreibenden Alltags.

Nach 1983 gibt es keine Menschenbildnisse mehr, aber das Figürliche verschwindet nicht. In „Gleichnis I“ – ein „Terra Mater“ und „Herbstlicht“ ebenbürtiges Schlüsselwerk – vertraut Richter im Prozess von Werden und Vergehen voll und ganz der regenerierenden Kraft der Natur. Er verknüpft auf dem Darß und in der Nähe von Nordhausen nach einer Sturmkatastrophe gespeicherte drastische Bilderlebnisse zum künstlerischen Motiv und Zeichen. Gebrochenes Holz, Baumruinen mit wiederkehrendem üppigem Pflanzenwuchs, die Große Klette, Pestwurz. Seine Modelle sind aber auch Blumen in Blüte. Richter ist da ganz bei sich und bei den Alten Meistern, Breughel und Albrecht Dürer. Die Auseinandersetzung mit ihnen und anderen Künstler-Vorfahren führt in die nur kurz bemessene Zeit seines Spätwerks.

Zurück zum Anfang: Der seit Beginn der 1950er Jahre in Berlin lebende Sachse hielt urbane Stadträume jenseits der Protokollstrecken für bildwürdig. Er verknüpfte sie mit Vergangenem wie Gegenwärtigem – das war in Berlin in der Humboldt-Universität ausgestellt. Mit derselben Leidenschaft zogen ihn südlich und nördlich der Hauptstadt gelegene, teils verschlafene, teils industriell auferweckte Landstriche in seinen Bann. Richter zeichnete und radierte stets, was er sah, und verband es auf dem Papier mit dem Unsichtbaren, von dem er wusste. Als Lehrersohn kannte er sich aus in Geschichte, besonders der von Bildender Kunst, Kultur, Wissenschaften. Tief liebte er die Musik und als gestresster Stadtmensch sehnte er sich nach der Natur, wo er Ruhe und Wachheit fand.

Doch Richter konnte ja nicht einfach losziehen, wann und wohin er wollte. Nach dem ersten Studium, Kunsterziehung und Geografie, an der TH Dresden, in Leipzig und an der Berliner Humboldt-Universität stand der 29-Jährige in pädagogischen Diensten. Das herausfordernde Pensum als Lehrender am Institut für Kunsterziehung der HU, als engagiertes Mitglied im Künstlerverband VBK, als ehrenamtlicher Berater in der Kunstvermittlung – all diese meist selbstlos auferlegten Verpflichtungen forderten immens Tribut. Um außerhalb der wenigen freien Wochenenden und Familienurlaube künstlerisch arbeiten zu können, schien Richter seine Lösung zeitweilig gefunden zu haben. Es gelang ihm, einen Teil der Ausbildung seiner Studenten so zu strukturieren, dass auch er produzierte, wenn er mit ihnen unterwegs war. Er arbeitete still und besessen. Vieles zum Topos der Lausitz entspringt dieser Konstellation sich glückhaft überlagernder Lehre und Praxis. Helmut Müller, 1977 bis 1981 Student und ab 1984 Assistent bei Richter, erinnert sich an authentische Gegenden, die in unzähligen spontan entstandenen Skizzen vor Ort, später bearbeitet in Richters Druckwerk auftauchen.

Bilder der Lausitz

Von den auf diese Weise entstandenen Lausitzer Bildgeschichten zeigt die Ausstellung kleinere und größere Formate. Sie vermitteln Alltagseindrücke inmitten urbaner Tagebaulandschaft und aus sorbischen Dörfern, bevor diese der die Erde tief aufbrechenden Kraft der Förderbrücke weichen mussten. Richter zeichnete und lithographierte die heute als Museum viel besuchte F 60 ab dem Jahr 1960.

Und noch 1976 machte er den berühmten Schreitbagger zum Gegenstand von Radierung und Aquatinta („Tagebau Nochten“). In Konvoluten seiner Handzeichnungen finden sich zudem unzählige mit schwarzer Kreide notierte Einblicke in alte Dörfer und neue Städte dieser Region: Knappenrode, Hoyerswerda, Groß Särchen im Landkreis Bautzen (1964). In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre geht er an denselben Orten Spuren der Industrialisierung nach. Er hält die Umbrüche dieser Landschaft fest: 1977 sind es „Kippenwege“ und „Grubenränder“, die „Hochkippe am Tagebausee“ und „Fossile Braunkohle“. Sogar ausgediente „Tagebauschwellen“ werden bildwürdig. In einer edlen Farbradierung on zwei Platten, ein Mezzotinto-Blatt, adelt er 1984 letztmalig einen rückständigen Haufen solcher dicken Holzbalken. Gleiches passierte übrigens mit einer Ansammlung ausrangierter Stühle, die der akribische Motivsucher 1981 auf dem Dachboden von Schloss Burgk an der Saale entdeckte und zunächst in einer Feder-/Tusche-Zeichnung festhielt, bevor er sie radierte. Das Kleine wie das Große, das Kleine ganz groß, war seine Devise.

Landschaften im Blickfeld

Mit Schloss Burgk geriet mehr und mehr thüringische Landschaft in seinem Blick. 1982 entsteht die kleine Kaltnadel „Im Gebirge“ in Anlehnung an die Federzeichnung „Hangaufwärts“. Merklich veränderte sich nun Richters Handschrift. Die neuen Blätter wachsen zu Stillleben und radierten Montagen von Fragmenten unterschiedlichen Ursprungs. Dabei sind, mitunter auf skurrile Art, natur-, kultur- und kunstgeschichtliche Fundstücke in vielschichtig lesbaren Traumbildern verwoben („Vaters Uhr – 6 Steine“, 1980). Bereits 1975 hatte Richter mit „Wegzeichen“ des 450. Jahrestages des deutschen Bauernkrieges gedacht. Bei dieser Kaltnadelradierung blicken wir auf ein in strengen Vertikalen und weichen Horizontallinien verspanntes Hochformat. Bei näherem Betrachten der Details liefert das Blatt hintergründig auch einen eigenwilligen Kommentar zum damaligen Umgang mit Auftragskunst: Historische Ereignisse waren nach dem Erwarten des Auftraggebers stets im Blick auf die Perspektive mit einer progressiven Botschaft der vermeintlichen Sieger der Geschichte zu versehen. Natürlich fällt bei „Wegzeichen“ der Hauptblick auf die alles andere als friedlich zu nennende Symbolik der Vergangenheit, auch wenn ein vorgelagerter Zirkel Schwert und Morgenstern etwas abschirmt und der zweite Blick dem Torso einer nackten männlichen Baumgestalt gehört. Daneben skizziert der diese Hauptträger der Bildidee umspielende Fonds eine Landschaft mit Vogelzug im heiteren Wolkenhimmel, einschließlich flott übers Feld rollender Mähdrescher und eines Bauernpaars auf dem Weg zur Ernte. Diese Elemente machen Richters Wink in die Gegenwart zur satirischen Replik.

Gerenot Richter versicherte sich der eigenen Position als Künstler durch die vielschichtige Analyse der Erfahrungen seiner Vorgänger. Bei Dürer verstand er, dass Kunst das ist, „was der Zeichner der Natur auszureißen vermag“. Diese Haltelinie bestimmt die letzte Periode seines Wirkens an der Druckplatte. Vom Flachdruck hatte er sich Mitte der 1970er Jahre verabschiedet. In „Hommage an Michelangelo“ (hier nicht ausgestellt) war, was die Technik hergab, ausgereizt. Inhaltlich setzte er sich in dieser Lithografie mit dem Thema der Gefahr von Vereinnahmung, Verlust oder Einschränkung unabdingbar notwendiger Freiheit in Bezug auf das Denken und Tun des Menschen, eines Künstlers auseinander. Natürlich waren das auch Fragen an das eigene Ich. Dennoch weist Richters Werk keine Selbstbildnisse aus, wie man sie von anderen kennt. Vielleicht ließe sich, spiegelbildlich, der anonyme „Terra Mater“- Kopf des rastlosen, das Leben bejahenden Strandläufers als solch ein Richter nahekommendes Bildnis sehen.

„Leuchte mein Stern, leuchte“

Ingeborg Richter verwies im Vorfeld dieser Ausstellung übrigens auf ein zweites Werk aus den 1970ern mit Ich-Bezug, sein Ölgemälde „Leuchte mein Stern, leuchte“ (nicht in Templin zu sehen). Vor der Kulisse eines Apfelbaums zeigt es einen fallenden Mann mit aufgerissenem Mund. Drei kleine Skizzen zu dem Bild deuten in leichter schwarzer Federführung dessen leise Abwehrhaltung an. Er läuft, stürzt und bricht, getroffen von einem Schuss aus dem Hinterhalt, an besagtem Apfelbaum zusammen, die rechte Hand über dem Kopf, die linke am Herzen. Die Früchte, wie Kugeln groß, gehen neben ihm zu Boden. Richter verarbeitete ein Filmerlebnis, das ihn stark erschütterte. 1973 hinterließ Alexander Mittas gleichnamige Tragikkomödie in Kreisen der DDR-Intelligenzija tiefe Spuren. Zwar spielt die Handlung des Films zeitlich geografisch in einem anderen Raum, doch dessen Parabel um die Kunst, die Gesellschaft und das Scheitern an ihr wurde von wachen Bürgern als Lehre und einzige Chance begriffen, sein Ich zu bewahren. Vom Film-Trio der „Kulturarbeiter“ aus traditionsbewusstem Maler, Avantgardekünstler und Filmvorführer stirbt der, der sich den wechselnden Mächten nicht unterwirft. Richter sah sich in der Rolle des Bewahrers seiner Überzeugungen, nicht des Seitenwechslers.

Ich habe ihn erst in den 1980er Jahren kennengelernt, als ich in der Tageszeitung „Junge Welt“ Kulturredakteurin war und mit neuen Ideen die Organisation der JW-Grafik übernahm. Als Mitherausgeber hatte Prof. Richter seit 1971 dieses Projekt wesentlich gestaltet, er wurde mir als künstlerischer Berater zur Seite gestellt. Es waren seine letzten schöpferischen Jahre. Er radierte Landschaften, Straßenbäume, Feldwege. Zeichnete Obeliske auf einem verwilderten Friedhof und Blickachsen im Park von Bad Muskau. Heute sehe ich diese ab Mitte der 1880er Jahre entstandenen Blätter als großartige, einfache, ehrliche Kunstwerke. Getragen von sicherem Gespür für rhythmisch wechselnde Geometrien der Linienführung sowie an- und abschwellende Intensität der Hell-Dunkel-Kontraste sind seine letzten Mappenwerke. Intuition und Ratio als Pole des bildnerischen Denkens bedingen einander im ruhigen Wechselspiel. Das einzelne Blatt ist nicht mehr bis ins letzte Detail ausgestrichen, das gibt ihm überraschende Leichtigkeit und Frische.

Mit Eigenem drängte sich Richter nie in den Vordergrund, auch nicht in der Jungen Welt. Eine von ihm für die Leser und Kunstfreunde konzipierte Serie zu den druckgrafischen Techniken gab er an andere, wie er argumentierte, „vorzüglich arbeitende Kollegen“ weiter. Deren Ergebnisse besprach er in der Zeitung fachgerecht und in auch Laien verständlicher Sprache. 1982 endlich hatte er einen Soloauftritt, der nachhaltiger nicht sein konnte. Die Redaktion veröffentlichte seine Kaltnadel „Vita III (nach Mantegna)“.

Die Auflage von 100 Exemplaren war im Nu vergriffen. Als Ausnahme lieferte er 40 Nachdrucke. Ich habe mir dieses Blatt noch einmal für die Templiner Ausstellung gewünscht, obwohl es nicht zum Spätwerk zählt. Wie der Titel der Grafik vermuten lässt, durchlief die Schlussfassung einige Vorstufen: Die erste „Vita“, als Aquatinta ausgeführt, zeigt im Zentrum einen Kinderkopf nach Andrea Mantegna, umgeben von knospender Flora, während am linken Rand gegen einen Atompilz gerichtete Fäuste erkennbar sind, rechts oben eine (Friedens)taube. Als Fragment dieser Platte entstand danach ein Kombinationsdruck: Die Symbole links und rechts sind verschwunden, an ihrer Stelle erscheint eine bröckelnde weiß-graue Eisfläche, die die „Insel des Lebens" umgibt. Auch damit gab sich Richter nicht zufrieden. Noch einmal arbeitet er radikal um – plötzlich erscheint das Hauptmotiv mit dem Kopf des schlafenden Kindes inmitten einer Trümmerlandschaft, jener, die sich für die älteren unter uns, auch mich, Jahrzehnte mit dem Mahnmal der bombardierten Dresdner Frauenkirche verband.

Wie kam es zu diesem Wandel? Als Dresdner war Richter sich des Trümmerfeldfotos von Richard Petersen aus dem Jahr 1945 bewusst. Er kannte zudem den expressiven, unangepassten Einzelgänger Wilhelm Rudolph, der den vernichteten authentischen Ort minutiös in Lithografien und Zeichnungen festgehalten hatte. Doch kunstgeschichtliche Referenzen allein gaben wohl nicht den Ausschlag für den Szenenwechsel im Blatt. Am 13. Februar 1982, dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens, trafen sich am Trümmerberg des Bährschen Kuppelbaus erstmals Vertreter der Bürgerbewegung zum gewaltfreien Protest unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“. Richters finales vor Krieg und Zerstörung warnendes Blatt ist somit eine von agitatorischen Gesten befreite Lösung. Es wurde zum Meisterwerk, das Denkanstöße in viele Richtungen zulässt, ohne belehrend zu sein. (Erwähnt sei der Vollständigkeit halber, dass er diese Fassung 1983 noch einmal als Farbradierung auf zwei Platten und Mezzotinto druckte: Vita IV).

Im Dezember 1986 dankte Richter brieflich für meine Glückwünsche und den edlen Wein, den ich zu seinem 60. Geburtstag in die Burgstraße, sein Arbeitsrefugium am Hackeschen Markt, gebracht hatte. Die Situation war vertrackt. Ein Eklat des Chefredakteurs der Jungen Welt, der sich ausgerechnet an diesem sensiblen, leidenschaftlichen Verbündeten entlud, hatte im Vorjahr unsere Zusammenarbeit abrupt beendet. In meiner Abwesenheit hatte sich dieser von vorauseilendem Gehorsam durchdrungene Diener der Macht zum Scharfrichter erhoben. Er verfügte das Verbot eines Aufsatzes, den Richter über eine bunte, experimentierfreudige, international besetzte Grafikserie junger Künstler vorgelegt hatte. Gerenot zeigte mir nicht, wie sehr ihn die Sache getroffen hatte. Vielmehr schrieb er: „Es ist ein Jammer, was Du alles bedenken musst als Kulturmensch.“ Und er reichte die Hand: „Aber mich tröstet, dass Du zu einem gekommen bist, der nicht zu denen gehört, die man nicht erreichen kann.“ Das zurückliegende Ärgernis schien er sogar herunterzuspielen: „Schade, dass ich immer weniger Zeit habe, an Eure Aktionen zu denken. Ich wollte einiges an Ämtern und Funktionen loswerden und kriege immer noch mehr aufgepackt, weil die ‚Jüngeren‘ mit dem Arsch an der Wand stehen, die Sache aber vorankommen muß – z.B. die Individualisierung des Studiums (Das große Zauberwort des Jahres). Wie sagt doch gleich Makarenko? ‚Nicht jammern‘!“

Es waren seine letzten Worte für mich. 1988, als auch ich der Jungen Welt den Rücken gekehrt hatte, erkrankte er an Krebs. Auslöser waren die jahrzehntelang in engen, provisorisch ausgerüsteten Werkstatträumen eingeatmeten giftigen Chemikalien, die es für das Drucken braucht. Die Uni fraß ihn zudem – mit dem Gegenteil von Individualisierung – in bürokratischen Verwaltungsvorgängen auf, wie er 1990 einem Nürnberger Kunsthistoriker offenbarte. Er müsse viele Pausen machen, könne nie in einem Guss arbeiten. Das führe zu Stückwerk, es fehle der Mut zum Risiko und im Ergebnis entstehe Strichelei statt Formstrich.

Bis zuletzt wahrte Gerenot Richter, der lautere Mensch und leidenschaftliche Künstler, hohe, geradlinige Maßstäbe, die sein spannendes, brillantes grafisches Werk auszeichnen. Im Wirken seiner ehemaligen Studenten finden sie heute Erinnerung und Anwendung.


„terra mater“ & „Herbstlicht“ – Spät- und Frühwerk
Ausstellung vom 21. Januar bis 15. März 2017
Galerie im Neuen Rathaus | Prenzlauer Allee 7 | 17268 Templin
Laudatio: Astrid Volpert
Musik: Renate Kelletat (Blockflöten)