„Nach dem Sturm“

Datum: 30.04.2016

Kapitel 1 der Gerenot Richter-Werkschau


Aus der Laudatio von Ute Müller-Tischler zur Ausstellungseröffnung am 30. April 2016 | Kirche am Weg Gransee-Dannenwalde

Wenn man Künstler nicht mehr befragen kann, ist es wichtig an die Begegnungen zu denken, die man mit ihnen hatte – daran, was sie und ihr Werk uns bedeutet haben und heute noch bedeuten. So ist es auch mit Gerenot Richter, der in diesem Jahr 90 Jahre alt werden würde. In Dresden am 5. Dezember 1926 geboren, kam er 1944 mit nicht einmal 18 Jahren an die Westfront, später in Belgien und England in Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg nahm er ein Studium der Kunstpädagogik auf, das ihn bereits Anfang der 50er Jahre an die Humboldt-Universität zu Berlin führte. Das Institut für Kunsterziehung dort wurde seine berufliche Heimat. Hier wurde er promoviert und später zum Professor mit künstlerischer Lehrtätigkeit für Malerei und Graphik berufen. Bis zu seiner Emeritierung 1989 entstand ein umfangreiches Werkkonvolut mit über 400 Druckgraphiken und Handzeichnungen, das begeisterte Sammler fand und immer wieder in je unterschiedlich kuratierten Ausstellungen gezeigt wurde.

Auch nach seinem Tod vor 25 Jahren verstanden es immer wieder Retrospektiven, die Erinnerung an sein Werk wach zu halten und es einzuordnen – sowohl in die zeitgenössische Grafikkunst, aber darüber hinaus auch in die Kunstgeschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts in Deutschland. Es war Peter H. Feist, der Gerenot Richter einst als einen „Romantiker mit scharfem Verstand“ bezeichnete und seinen Arbeiten einen außergewöhnlichen Rang in der Kunstgeschichte bescheinigte. Er hat ihn als einen Künstler beschrieben, der „ganz bewusst und mit guten Gründen künstlerische Traditionen bewahren und deren Werte lebendig halten“ wollte.

„Nach dem Sturm“ – Vom Antlitz der Bäume

Mag sein, dass manche dies heute, vielleicht auch schon damals, eine konservative Bildsprache nennen würden. Aber so leicht hat er es uns nicht gemacht mit der Bewertung seiner Arbeit. Richter fühlte sich seit jeher vom Altmeisterlichen angezogen, hat es nachvollzogen, gespiegelt und angewendet. Aber gleichwohl hat er es kombiniert mit dem Widerständigen moderner Gestaltungsprinzipien. Nichts ist so klar in seinen dicht gestalteten Blättern, wie es auf Anhieb scheint. Im Gegenteil, je mehr man glaubt auf den ersten Blick alles gesehen zu haben, um so mehr verschließt sich die eigentliche Bildaussage. Der Betrachter sollte sich nicht mit einem flüchtigen, leichten Blick begnügen, sondern sich visuell anstrengen, das Geheimnis von Richters Bildsprache zu entschlüsseln. Diese ästhetische Erziehung lag ihm tatsächlich sehr am Herzen. Richter wollte – wie er es selbst einmal ausdrückte – die Lesbarkeit seiner Graphik bis ins tiefste Detail festlegen. Dem Betrachter sollte keine andere Wahl gelassen werden, als die Bildgründe wieder und immer wieder zu durchwandern. Das galt nicht zuletzt auch für den Künstler selbst, der sich beim Zeichnen häufig vom Zufall überrascht sah und auf neue Wege kam, die sich ihm dadurch eröffneten.

Wir müssen dem verehrten Gisold Lammel Recht geben, der das grafisch überbordende Gestaltungsprinzip als Richters „Horror vacui“ erklärte. Hier trifft sich dann auch dessen didaktische Mission mit dem Gestaltungsrausch eines begeisterten Künstlers. Das ist zweifellos kein Paradox. Indem er seine Bildflächen mit einem grafischen Netz versah, in das die einzelnen Objekte in den Bildgrund eingebettet waren – wie hinein gewachsen – scheinen sie zuweilen undeutbar in ihrer Eigenständigkeit und Zuordnung. Zum anderen kann man zu dem Eindruck gelangen, dass er seine helle Freude daran gehabt haben muss, uns seinen Blick aufzuzwingen. Er selbst war deshalb gezwungen, genau zu sein beim Radieren, und wir wiederum müssen es beim Hinsehen sein. Das war seine "Schule des Sehens". Und sie ist es bis heute. Wer in die detailstarken Bildmotive eintaucht, wird nicht umhinkommen, ihnen zu folgen bis hin an den Bildrand und wieder zurück in das grafische Zentrum.

„Insofern erlangt ein Grasbüschel die gleiche Aufmerksamkeit der Durchbildung wie ein ins Auge springender bedeutungsträchtiger Gegenstand des Bildes“, schrieb er einmal an eine Journalistin. Die Kunst von Gerenot Richter verweist damit tief in die klassische Bildtradition und grafische Technik von Albrecht Dürer und Martin Schongauer, deren Radierkunst ihn ein Leben lang als Vorbild beschäftigte. Im ganzen Ausdruck aber führen uns seine Grafikblätter dichter noch in die romantische Innerlichkeit und Weltenflucht. Formvollendet und bizarr durchströmt sie eine feine Aura der Melancholie, von der wir uns auch heute noch immer wieder gefangen nehmen lassen. Woher rührt diese Magie der Anziehung, habe ich mich gefragt? Liegt es an der meisterhaft ausgeführten Grafiktechnik, mit der Richter eine geheimnisumwehte Atmosphäre schaffen konnte wie nur wenige Grafiker seiner Zeit? Vielleicht Horst Hussel auf ganz andere Weise oder Walter Herzog, dessen druckgrafisches Werk diffiziler und offener ist. Aber Richter ging anders mit der Fläche um. Niemand wusste die vielen Ätzstufen so planvoll anzuwenden wie er, so dass Mezzotinto-Radierungen fast aquarelliert in ihren Hell-Dunkelwirkungen erscheinen konnten. Darin war er zweifellos ein Meister.

Zum Kern der Kunst von Gerenot Richter

„Wer Richters Bildwelt folgen will, muss sich auf Meditation einstellen, dann wird er über die Lust an der kunstvoll dargereichten Illusion zu vielen Fragen kommen“, schrieb Gisold Lammel sehr treffend. Das scheint mir auch der Kern von Gerenot Richters Kunst zu sein. Dieser Kern lässt sie heute noch auf unnachahmliche Art frisch erscheinen und verbindet sie mit der Gegenwart, von der einige behaupten, dass wir uns grade in einer Epoche neuer Melancholie befinden, weil wir von der Wirklichkeit überfordert sind und keine Visionen mehr haben. Hier trifft sich das aktuelle Zeitgefühl mit der Weltsicht von Gerenot Richter, der uns eine Bildwelt des Umbruchs hinterlassen hat. Seine Motivwelt ist von ungestümen Landschaften, ruinösen Bauwerken und immer wieder knorrigen, alten Bäumen bestimmt. Sie sind das kreative Herzstück seines Schaffens, ein selbst definiertes Zeichensystem voller Gleichnisse für eine unüberschaubare Situation, mit dem er als Hochschullehrer ganze Generationen von Schülern beeinflusst hat.

In den sechs Kapiteln der aktuellen Werkschau, die Freunde und seine Familie zusammengestellt haben, kann man das außerordentlich gut nachvollziehen. Hier in der ersten Station, in der Kirche von Dannenwalde, haben wir es mit dem „Antlitz der Bäume“ zu tun, das sich einmal mehr, gleichnishaft für den Niedergang einer angeschlagenen Gesellschaft lesen lässt. Für mich gehören diese Arbeiten zu den schönsten, die Richter in den 80er Jahren hervorgebracht hat und die nach wie vor künstlerische Gültigkeit besitzen und überzeugen.

Die ein halbes Dutzend Blätter umfassende Folge „Nach dem Sturm“ (zu sehen auf der Empore) hat er angesichts der Sturmkatastrophe von 1980 geschaffen. Umgeknickte und entwurzelte Bäume, ins Bild ragende Äste zeichnen die verheerende Naturkatastrophe nach, von deren zerstörerischer Kraft er tief beeindruckt war. Die Welt war aus den Fugen geraten, Wälder waren zerstört, Baudenkmale in Trümmer gelegt. Was Gerenot Richter hier als Naturstücke zusammenfasst, die geborstenen Stämme und das gesplittete Holz sterbender Bäume, Zweige noch voller Blätter, dem Untergang geweiht, bildet eine unnachahmlich dichte „Poesie der Zerstörung“, an die wir von ihm ganz nah herangeführt werden.

Gleich eindrücklich sind die Blätter der „Großen Gleichnisse“, die er anschließend an die Folge „Nach dem Sturm“ radiert und thematisch weiter gefasst hat, indem er in die sonst unbeseelten Landschaften Bildfiguren und historisierende Zitate einfügte. Vergänglichkeit beschwörend, betörend mit ihrem Zauber vergehender Natur und kultureller Artefakte, gehören sie in eine Welt des Wandels – dessen umfassende Dimension er damals wohl nicht einmal ansatzweise ahnen konnte. Schöner als es Gisold Lammel in seinen Bildbeschreibungen der „Großen Gleichnisse“ formuliert, kann man es nicht wiedergeben:

„Diese Blätter bilden gewissermaßen die Quersumme von Richters Schaffen und sind mithin für ihn das, was für Dürer die 'Meisterstiche' gewesen sind. Aus ihnen spricht der besorgte Künstler, den eine tiefe Liebe zu Natur, Mensch und Kunst erfüllt hat. [...] In [ihnen] spielen Gedanken über das Geben und Nehmen in der Natur wie über das Leben nach einer Katastrophe eine Rolle.“

Gisold Lammel

Hier liegt das kreative Potenzial des Bedauerns und der Traurigkeit verborgen, das all seinen Arbeiten innewohnt und von dem eine existentielle Kraft ausgeht. Dafür müssen wir Gerenot Richter dankbar sein.

Ich wünsche den Ausstellungen zum Schaffen von Gerenot Richter viel Erfolg und ihren Besuchern viele beglückende Begegnungen

Abbildung: Gerenot Richter, WV II-131 Nach dem Sturm I, 1980


„Nach dem Sturm“ – Vom Antlitz der Bäume
Ausstellung vom 30. April bis 5. Juni 2016
Kirche am Weg / Rad-Wander-Kirche | Blumenower Straße 1 | 16775 Gransee-Dannenwalde
Laudatio: Ute Müller-Tischler (vorgetragen von Ekkehard Richter)
Musik: Dobrin Stanislawow (Panflöte)