Richters Arbeiten zu Dürers 450. Todestag

Datum: 04.08.1997

Zitate, Variationen und Transformationen

„Richters Kunstrezeptionen, d. h. Zitate, Variationen und Transformationen von Motiven namhafter Künstler, sind seinen ganz persönlichen Kunstbegegnungen und Vorlieben erwachsen. Am häufigsten, intensivsten und umfassendsten setzte er sich mit der Bildwelt und Gestaltungsweise Albrecht Dürers auseinander.

In besonderer Weise schlug sich eine große Ehrfurcht vor diesem Künstler in den vier Blättern „Zu Dürers 450. Todestag“ (1977) nieder […]

Die querformatigen Kompositionen […] umfassen ein Stillleben und drei Küstenlandschaften mit Zitaten aus Tiefdrucken des großen Nürnbergers. Mal sind es Bildfiguren oder Gewanddraperien, die aufgenommen worden sind, mal ist auch ein winziges Schiff oder ein fantastisches Tier aus der fernen Bildwelt herübergeholt worden. Mal sind es vorwiegend inhaltliche, mal mehr formale Interessen, die zur Übernahme verleitet haben.“

Richters Arbeiten zu Dürer 450. Todestag befinden sich in den Sammlungen:

  • Albrecht-Dürer-Haus Stiftung (Nürnberg)
  • Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst in Frankfurt (Oder)
  • Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
  • Staatliches Museum Schwerin – Kupferstichkabinett
  • Neue Sächsische Galerie Chemnitz
  • Kunstmuseum Ahrenshoop
  • Kunstverein Templin e.V.


Gerenot Richter WV II-075
Der Traum des Podagristen, 1977, Radierung und Aquatinta, 13 x 18 cm

Auf dem Blatt Der Traum des Podagristen „ist am rechten Bildrand ein Stück von Dürers um 1497 / 1498 geschaffenem Traum (Versuchung) zu sehen, und zwar ein Fuß des Träumers und der auf Stelzen gehende Putto.

Bekenntnishaft gab Richter daneben sein Selbstbildnis wieder, nämlich als Spiegelung auf einer großen Glaskugel. Mit Lupe und Radiernadel erscheint er dort, den Betrachter fixierend. Links im Hintergrund deutete er eine eigene Radierung an, die eine alte Weide wiedergibt. Auch hinsichtlich der Erfassung von Stofflichkeit ist Richters Traum ein Meisterstück“.

Gerenot Richter WV II-076
Melencolia, 1977, Radierung und Aquatinta, 13 x 18 cm

Auf den Blatt Melencolia „bildet das faltige Gewand der Melancholie aus Dürers 1514 entstandenem Meisterstich eine Steilküste, deren Furchungen und Verwerfungen mit dem im Vordergrund barrierenartig lagernden Treibholz korrespondieren.

Der Schoß von Dürers Bildfigur lässt hier an die Mutter Erde denken, andererseits auch an Landschafts- und Objektverhüllungen Christos, so an dessen Verpackung eines zwei Kilometer langen Küstenstreifens bei Sidney. Hoch am dunklen Himmel fliegt jenes fledermausähnliche Tier aus demselben Stich Dürers“.

Gerenot Richter WV II-077
Das Meerwunder, 1977, Radierung, 13 x 18 cm

Das Meerwunder von Richter „enthält im Mittelgrund drei Badende und eine am Ufer Lagernde sowie ein Segelschiff in der Ferne als Zitate aus Dürers Meerwunder (um 1498).

Der Bildbetrachter blickt auf die schönen Frauen und vergisst das faszinierende Motiv mit der am knorrigen Stamm hängenden Kamera aufzunehmen. Hier zitierte Richter mit ironischem Augenzwinkern“.

Gerenot Richter WV II-078
Das große und das kleine Glück, 1977, Radierung, 13 x 18 cm

Auf Richters Blatt Das große und das kleine Glück ist nur „ein im Winde wehendes Tuch, das um einen in der Erde der Steilküste steckenden Stock gewunden ist, Dürer verpflichtet, nämlich den reich drapierten Tüchern auf den Kupferstichen Nemesis oder das Große Glück (um 1501/1502) und Fortuna oder das Kleine Glück (um 1496).

Der zitierte Text wurde entnommen aus:
Lammel, Gisold., Meister des Kupferstichs – Gerenot Richter
Hrsg. von G. Brandler, Edition Schwarz Weiß, Spröda 1997