Seinen Weg verfolge ich seit langem

Datum: 07.02.1989
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Gerenot Richters Weg verfolge ich seit langem mit Aufmerksamkeit und Sympathie. Seinen Anfang muss man irgendwo in den frühen 1960er Jahren suchen, als sich hierzulande die bildnerische Fantasie noch vornehmlich an der Erscheinungswelt entzündete. Die zahlreichen Stadtlandschaften, die der Künstler damals zeichnete oder radierte, waren malerisch gesehen: die Welt als ein sich stetig verändernder Sinneseindruck. Blätter solcher, wie ich sie nennen möchte, impressionistischer Machart, kommen in seinem Oeuvre bis heute vor, aber typisch sind sie für ihn nicht mehr.

Um die Mitte der 1970er Jahre vollzog sich in Gerenot Richters Schaffen ein Wandel, der etwas Exemplarisches hat. Nicht nur die Formgesinnung, auch das Gegenständliche änderte sich grundlegend. Das von menschlicher Tätigkeit geprägte Stadtpanorama wich zunehmend der Naturlandschaft, die zwar in einigen Blättern noch weit ausgebreitet, aber nicht mehr summarisch zusammengefasst wurde. Jede Form, ob lebende oder tote Materie, scheint wie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet zu sein. Es sind Naturausschnitte, Landschaften im herkömmlichen Sinne kann man sie eigentlich nicht mehr nennen, von denen der Schleier des schönen Scheins gezogen wurde, um das wahre Aussehen der Dinge zu zeigen. An die Stelle des Synthetikers, der sich mit den trügerischen Impressionen, die ihm seine Sinne vermitteln, bescheidet, ist der Analytiker getreten, der Forscher, der in das Innere der geschaffenen Natur, der „natura naturata“, vordringt.

Manche dieser Blätter erinnern an Illustrationen botanischer und geologischer Lehrbücher des 19. Jahrhunderts; es ist die Sache selbst, ihre Wahrheit, um die es geht. Bei genauerer Betrachtung kann einem der Unterschied aber kaum verborgen bleiben. Die Steine, Blätter, Pflanzen, Blumen, Sträucher, Bäume, die dort als Exempel die Gattung demonstrieren, sind hier Individuen, denen die mit unendlicher Geduld und Liebe zur Natur geführte Radiernadel auf geheimnisvolle Weise Leben eingehaucht hat.

Es geschieht immer wieder, dass Künstler, die an einem Wendepunkt ihrer Entwicklung stehen, nach Artverwandtem Umschau halten, das ihre Position klären hilft. Gerenot Richter fand es in der Kunst Albrecht Dürers, der in jener Zeit immer wieder beschworen wurde und zu dessen 450. Todestag im Jahre 1978 eigens eine grafische Folge entstand. Anregungen verdankte er auch der Romantik, namentlich Caspar David Friedrich, der Neuen Sachlichkeit und dem Surrealismus. Nicht zu vergessen Peter Bruegel, der ihn besonders in den 1980er Jahren zu beschäftigen begann. Insgesamt gesehen, kann man von seinen reifen Arbeiten sagen, dass sie von einem stark ausgeprägten kunsthistorischen Bewusstsein zeugen. Er weiß sich offenbar tief im Boden der Kunstgeschichte verwurzelt. Mit dem Jahr 1983, als das große Blatt „Gleichnis“ entstand, begann wohl Gerenot Richters gegenwärtige Schaffensphase. Das Interesse scheint seitdem nicht mehr auf das Einzelne und Besondere fixiert zu sein. Eine neuerliche Neigung zur Überschau, zum großen Ganzen, allerdings jetzt unter anderen Voraussetzungen, ist nicht zu übersehen. Einen gewissen Höhepunkt hatte die Phase der Wahrheitssuche, wie man die späten 1970er Jahre nennen könnte, in den beiden Folgen „Verletzte Bäume“ (1979 / 1980) und „Nach dem Sturm“ (1980 / 1981) erreicht. Diese Blätter variieren ein und denselben Gegenstand nach allen Regeln der Radierkunst. Hier ist der Künstler sezierender Anatom, der einem unsichtbaren Auditorium pathologische Tatbestände vorführt, sich nur zur Sache äußert, gründlich und erschöpfend.

Nach solcher Tätigkeit, so will einem scheinen, musste das Leben in seiner Fülle und Ganzheit wieder zu seinem Recht kommen. Und dies geschah in dem bereits erwähnten Blatt „Gleichnis“. Der gestürzte Baum mutet hier nicht mehr wie ein Demonstrationsobjekt an. Der Betrachter soll ihn als eine in einen größeren Sinnzusammenhang eingebundene Metapher verstehen, die über das Gegenständliche hinausweist, es sozusagen transzendiert. Diese vom Sturm abgeknickte Fichte deutet auf die Natur als „Produktivität“ (Schelling), auf die schaffende Natur, die „natura naturans“, die hervorbringt und zerstört. In dieser Bedeutung kommt der gestürzte Baum auch in anderen Blättern vor, inmitten üppiger Vegetation, in der sich liebende Menschenpaare verborgen sind. So sollen wir den Tod der Bäume auch als Wiedergeburt des Lebens, als ein Durchgangsstadium im ewigen Kreislauf der Natur, verstehen.

Zu den bedeutendsten Arbeiten Gerenot Richters zähle ich neben „Gleichnis“ die beiden Hommagen für Mahler und Bruegel: „Ging heut‘ morgen übers Feld“ (1983 / 1984) und „Der ungetreue Hirt“ (1985), wahrhaft fulminante Blätter, über die es viel zu sagen gäbe. Offensichtlich stehen sie, dafür sprechen schon zeitliche Nähe und gleiche Größe, in einem engen Zusammenhang. Beide sind Huldigungen für einen Komponisten und einen Maler, die zu Gerenot Richters Leben gehören. Der äußere Anlass für das Mahlerblatt war der 100. Geburtstag der „Lieder eines fahrenden Gesellen“ im Jahre 1984. Seine Referenz erweist der Künstler hier aber auch Anton Bruckner, der unter der Orgel der barocken Stiftskirche St. Florian in Linz begraben liegt und drei bildenden Künstlern: Peter Bruegel, Egon Schiele und René Magritte. Zitate aus ihren Werken findet man hier und dort im dichten Geflecht der Vegetation verborgen. Mahlers Grabstein bezeichnet den gedanklichen Mittelpunkt der Komposition, flankiert von einem jener geknickten Bäume und verschwenderisch blühendem Fingerhut, der wie die riesigen Pestwurzblätter und das eng umschlungene Paar das Leben symbolisiert. Die hellste Stelle im Bild ist die schneebedeckte Region der Berge. Man darf sie wohl als eine Metapher für die Ewigkeit und Mahlers Ruhm betrachten.

Die „Hommage á Bruegel“ verstehe ich als eine Meditation über die Vergänglichkeit, auch über die Vergänglichkeit allen Menschenwerkes, das früher oder später dem Verfall anheimfallen muss. Die Einfügung der Bruegelschen Figur, des ungetreuen Hirten, des Mietlings, der, wie es im Johannes-Evangelium heißt, „nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind; (er) sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht“, sie verleiht der Aussage des Blattes noch einen anderen Sinn, der sich auf den einzelnen Menschen und seine Pflichtvergessenheit bezieht. Was er hüten sollte, fällt einem Räuber in die Hände oder verrottet in Wind und Wetter, wie der Wagen, dessen Überbleibsel im hohen Gras liegen. Ein Zeichen der Hoffnung und der Dauer in einer Welt des Egoismus und des Verfalls hat Gerenot Richter mit einer vierhundertjährigen Eiche gesetzt.

Peter Betthausen in: Gerenot Richter / Grafik, Katalog der Galerie a, Ausstellungen | Auktionen, S. 34