Ingeborg Richter verwies im Vorfeld einer Ausstellung zum 90. Geburtstag von Gerenot Richter auf diese (seltene ) Werk aus den 1970ern mit Ich-Bezug, (auf) sein Ölgemälde „Leuchte mein Stern, leuchte“.

Vor der Kulisse eines Apfelbaums zeigt es einen fallenden Mann mit aufgerissenem Mund. Drei kleine Skizzen zu dem Bild deuten in leichter schwarzer Federführung dessen leise Abwehrhaltung an. Er läuft, stürzt und bricht, getroffen von einem Schuss aus dem Hinterhalt, an besagtem Apfelbaum zusammen, die rechte Hand über dem Kopf, die linke am Herzen. Die Früchte, wie Kugeln groß, gehen neben ihm zu Boden. Richter verarbeitete ein Filmerlebnis, das ihn stark erschütterte. 1973 hinterließ Alexander Mittas gleichnamige Tragikkomödie in Kreisen der DDR-Intelligenzija tiefe Spuren. Zwar spielt die Handlung des Films zeitlich geografisch in einem anderen Raum, doch dessen Parabel um die Kunst, die Gesellschaft und das Scheitern an ihr wurde von wachen Bürgern als Lehre und einzige Chance begriffen, sein Ich zu bewahren. Vom Film-Trio der „Kulturarbeiter“ aus traditionsbewusstem Maler, Avantgardekünstler und Filmvorführer stirbt der, der sich den wechselnden Mächten nicht unterwirft. Richter sah sich in der Rolle des Bewahrers seiner Überzeugungen, nicht des Seitenwechslers.

Astrid Volpert

NV III
„Leuchte mein Stern leuchte“
1973
Feder, schwarz
15,5 x 15,5 cm
NV III
„Leuchte mein Stern leuchte“
1973
Feder, schwarz
15,5 x 11 cm
NV III
„Leuchte mein Stern leuchte“
1973
Kugelschreiber, blau
9 x 7,1 cm

NV III
Bahnhof Großsärchen
vermutlich 1964
Feder, schwarz 

10,5 x 15 cm
Sammlung: Nachlass-Archiv

NV III
Bahnhof Groß Särchen II
vermutlich 1964
Kugelschreiber, blau
20,6 x 26,8 cm
Sammlung: Nachlass-Archiv

NV III
Bahnhof Groß Särchen
vermutlich 1964
Kugelschreiber, blau
20,5 x 26,5 cm
Sammlung: Nachlass-Archiv

NV III
Geschwister 

(G. und E. auf dem Sofa)

1964
Feder
37,5 x 47,8 cm


Gerenot Richter:

Herbstlicht … die letzte Arbeit, die ich unter großen Schmerzen Ende August 1989 beendet habe. Leider gelang das Ätzen nicht, so dass die beabsichtigte Wirkung ausblieb (zu flau). Erst raufte ich mir die Haare, aber schließlich fand ich mich damit ab. Es blieb hier der etwas dekorative Radierduktus unverändert durch Ätzstufen. Dürer war diesmal nicht einbezogen, statt dessen verwob ich Barlachs Paar, das für meine Frau und mich große Bedeutung besitzt. Wir erwarben die in Böttgersteinzeug abgeformte Plastik aus Meißen Weihnachten 1988. Man hat in Meißen die Form wiedergefunden und einige Abgussversuche gemacht.

aus einem Brief an den Kunsthistoriker Matthias Mende vom 22. November 1989


Gisold Lammel:

Herbstlicht (für Ingeborg) schloss sich an die Folge der Großen Gleichnisse an und griff nochmals Leitmotive von Gerenot Richters Kunst auf: Bäume als Sinnbilder des Lebens, die Schlossgartenmauer als Ausdruck kreativer Arbeit und Zeichen eines abgeschlossenen Lebensbezirks und das zitierte Kunstwerk als Gleichnis und Ehrung. Ein für ihn charakteristischer Dialog mit Natur und Kunst erfolgte hier, Nachdenken auch über sein und anderer Leben. Erinnerungen an den Schlossgarten von Neschwitz brachte er hier mit Eichen in Verbindung, die er als Verbeugung vor seinem langjährigen Vorbild, dem Eichen-Kolbe ins Bild gab.

Das auf einer Bank ruhende Paar ist nach Ernst Barlachs Schlafenden Vagabunden (1912, Böttger-Steinzeug) gestaltet. Wenige Monate zuvor hatten er und seine Frau eine in der Meißner Manufaktur ausgeformte Fassung dieses Werks erworben, nicht zuletzt wegen der harmonischen Zweisamkeit, die diese einprägsame Gruppe ausdrückte.

Richter widmete das Blatt seiner langjährigen Lebensgefährtin, ihr auch auf diesem Wege dankend. Diese großformatige Arbeit, unter Aufbietung der letzten Kräfte geschaffen und leider etwas zu schwach geätzt, wurde der Schlussstein im Gewölbe seines Oeuvres.“