Richters Arbeitsweise, vom strengen Naturstudium zur fertigen Grafik, „scheint keinen Raum für Spontaneität und zufällige Entdeckungen zu lassen, aber dafür ermöglichte sie es Richter, bei der sehr geringen für die eigene künstlerische Arbeit zur Verfügung stehenden Zeit, überhaupt so viel Eigenes zu schaffen. Jede Arbeit konnte jederzeit für kürzere oder längere Zeit unterbrochen und zu jedem beliebigen Zeitpunkt fortgesetzt werden, ohne dass irgendwelche Brüche erkennbar sind.

[…] Doch es gab besonders um 1980 herum noch anders entwickelte Grafiken, Richter hat hier vom 'gesteuerten Zufall' gesprochen. Hier wird die Grafik nicht durch präzise zeichnerische Vorarbeiten entwickelt […] sondern man beginnt zuerst mit der Bearbeitung der Druckplatte, z.B. durch Abklatschen des noch feuchten Abdecklacks, wodurch ein teilweises unkontrolliertes Entfernen des Lackes passiert.

Nach dem Ätzen sind druckbare Zufallsspuren auf der Platte, die dann zeichnerisch interpretiert werden können. Auch von den Studenten wurde diese Methode der Bildfindung gern genutzt, meist blieb jedoch sichtbar, was durch Zufall entstanden war und was gezeichnet. Nicht so bei Richter, hier verschmelzen Zufallsstrukturen und bewusst Gezeichnetes zu einer Einheit – alle Arbeiten mit der Technikbezeichnung 'Flächen- und Strichätzung' sind so entstanden. Eine andere Form des 'gesteuerten Zufalls' gibt es in der Technik der Kaltnadelradierung. Zunächst werden Zufallsspuren mit verschiedensten Werkzeugen erzeugt (Zahnarztbohrer, Drahtbürste, Feile...) und diese sind dann Anregung für diszipliniertes Weiterarbeiten. 'Acis und Galatea' […] ist ein Beispiel dafür.“

Helmut Müller in seiner Laudatio zur Werkschau: Kapitel 2 (2016)

NV III
Usadel
1978

Feder, schwarz, sepia

21 x 30 cm

WV III-036
Gestutzte Linden
(Friedhof Putbus)
1974
Graphit, Bleistift
42 x 59,5 cm
Sammlung: Staatliche Museen zu Berlin – Kupferstichkabinett