Richters Arbeitsweise, vom strengen Naturstudium zur fertigen Grafik, „scheint keinen Raum für Spontaneität und zufällige Entdeckungen zu lassen, aber dafür ermöglichte sie es Richter, bei der sehr geringen für die eigene künstlerische Arbeit zur Verfügung stehenden Zeit, überhaupt so viel Eigenes zu schaffen. Jede Arbeit konnte jederzeit für kürzere oder längere Zeit unterbrochen und zu jedem beliebigen Zeitpunkt fortgesetzt werden, ohne dass irgendwelche Brüche erkennbar sind.

[…] Doch es gab besonders um 1980 herum noch anders entwickelte Grafiken, Richter hat hier vom 'gesteuerten Zufall' gesprochen. Hier wird die Grafik nicht durch präzise zeichnerische Vorarbeiten entwickelt […] sondern man beginnt zuerst mit der Bearbeitung der Druckplatte, z.B. durch Abklatschen des noch feuchten Abdecklacks, wodurch ein teilweises unkontrolliertes Entfernen des Lackes passiert.

Nach dem Ätzen sind druckbare Zufallsspuren auf der Platte, die dann zeichnerisch interpretiert werden können. Auch von den Studenten wurde diese Methode der Bildfindung gern genutzt, meist blieb jedoch sichtbar, was durch Zufall entstanden war und was gezeichnet. Nicht so bei Richter, hier verschmelzen Zufallsstrukturen und bewusst Gezeichnetes zu einer Einheit – alle Arbeiten mit der Technikbezeichnung 'Flächen- und Strichätzung' sind so entstanden. Eine andere Form des 'gesteuerten Zufalls' gibt es in der Technik der Kaltnadelradierung. Zunächst werden Zufallsspuren mit verschiedensten Werkzeugen erzeugt (Zahnarztbohrer, Drahtbürste, Feile...) und diese sind dann Anregung für diszipliniertes Weiterarbeiten. 'Acis und Galatea' […] ist ein Beispiel dafür.“

Helmut Müller in seiner Laudatio zur Werkschau: Kapitel 2 (2016)

NV III
Usadel
1978

Feder, schwarz, sepia

21 x 30 cm

Erläuterungen zur Werkgruppe […]

1952 waren Gerenot und ich zum ersten Mal in Ahrenshoop / Niehagen auf dem Darß. Wir besuchten einen Freund meines Mannes und verliebten uns prompt in diesen wunderschönen Landstrich. Die Hoffnung dort einmal Urlaub machen zu können, erfüllte sich jedoch viele Jahre lang nicht.

Erst 1976 boten uns Nachbarn in Berlin an, ihre Ferienunterkunft in Niehagen zu übernehmen. Das kleine Holzhaus im Boddenweg entsprach nicht ihren Erwartungen. Wir hingegen waren entzückt, hier endlich einmal 14 Tage verbringen zu können – und dann machten wir die Entdeckung, dass sich hier das Atelier von Gerhard Marcks befunden hatte. Was für ein wunderbarer Zufall.

Die Steilküste von Ahrenshoop hatte es uns besonders angetan. Stundenlang schritten wir gebückt auf dem steinigen Stand entlang, bewunderten die vom Wind glatt geschliffenen Klippen und Hölzer und machten uns auf die Suche nach versteinerten Seeigeln. Zwischendurch ließen wir uns an einer windgeschützten Stelle nieder. Gerenot zeichnete und fotografierte ohne Unterlass.

Auszug aus den Erinnerungen von Ingeborg Richter

Brief von Gerhard Marcks an Gerenot Richter aus dem Jahr 1979