Visualisierung des Ungesagten und oft Unsagbaren

Ausstellung vom 25.02.2024 bis 12.05.2024
im Schloss Biesdorf

Alt-Biesdorf 55
12683 Berlin
Fon: 030516567790
www.schlossbiesdorf.de

Vernissage am 25.02.2024 von 18 bis 21 Uhr

Mit Arbeiten von Lara Azul, GODSDOGS, Thomas Klingenstein, Cornelia Renz, Gerenot Richter und Saralisa Volm.

Die Ausstellung Traum[a]land lädt ein zu einer Reise in das Unterbewusste. Dem in der letzten Zeit oft inflationär gebrauchten Traumabegriff stellt wird eine poetische Visualisierung des Ungesagten und oft Unsagbaren gegenübergstellt.

Die Besucher:innen von Traum[a]land erwartet eine surreale Welt zwischen Traum und Trauma – eingefangen in einer multimediale Landschaft mit hängenden Skulpturen, hinterleuchteten Bannern, begehbaren Installationen, Videos, Malerei, Radierungen und Fotografien.

Traum[a]land wird kuratiert von Dr. des. Anne Simone Kiesiel und Lea Heine

Gerenot Richter | Ausstellungsraum im Schloss Biesdorf

Einladung zum Stöbern

Seit Ende 2023 können etwas mehr als 50 Druckgrafiken und Handzeichnungen von Gerenot Richter im Portal Grafikliebehaber erworben werden. Im Laufe des kommenden Jahres wird der Bestand in diesem Portal um zahlreiche Werke des Künstlers erweitert. Es lohnt sich, hier länger zu stöbern und öfter vorbei zu schauen.

Verantwortet wird das Portal von der Galerie Himmel aus Dresden.

Galerie Himmel
Obergraben 8
01097 Dresden

Telefon +49 (0)351 4843578
Fax +49 (0)351 4843859
email@galerie-himmel.de

Das Portal Grafikliebhaber erreichen Sie auch über die Website der Galerie Himmel. Um zu der Übersicht über Gerenot Richter zu gelangen, geben Sie bitte den Namen im obersten Feld der Suche ein und nicht unter Details.


Im Juli 2023 konnte mit der Kunstsammlung Gera eine Schenkungsvereinbarung über 24 Werke von Gerenot Richter geschlossen werden. Mit der Schenkung wird der Bestand von bisher 10 Arbeiten – sechs Handzeichnungen und vier Radierungen – die die Stadt Gera in den 1980er Jahren vom Künstler erworben hatte, großzügig ergänzt.

Neben der vollständigen „Sturmreihe“ (I bis VI) übergab die Familie des Künstlers z.B. „Gleichnis I“, „Ausgedient I und II“, „Sommer mit M.S.“, „Heller Morgen“, „Spanien 75“, „Winter in Thüringen“ und „Alte Zähne im Tagebau“ in den Bestand der Kunstsammlung.

Zusätzlich zu den Radierungen ist die Kunstsammlung Gera nun im Besitz der Druckplatte zu „Ausgedient II“. Zur Schenkung gehören außerdem die Handzeichnungen „Förderbrücke“ und „Bauminsel“.

Aktuell ist im Otto-Dix-Haus in Gera eine Austellung mit Werken von Gerenot Richter in Vorbereitung. Die Eröffnung ist für den 12. Dezember 2023 geplant.

Titelbild: WV II-053 Spanien '75, 1976


Grafische Mappenwerke aus der DDR

Eine Ausstellung an drei Orten

Revolutionen! Museum Utopie und Alltag Eisenhüttenstadt,
03.06.2023 - 08.10.2023
Prometheus und Co. BLMK Cottbus, 04.06. - 20.08.2023
Zwischen Arkadien und Wohngebiet BLMK Frankfurt (Oder), 04.06. - 20.08.2023

Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst und das Kunstarchiv Beeskow stellen im BLMK Cottbus, im Museum Utopie und Alltag Eisenhüttenstadt und im BLMK Frankfurt (Oder) grafische Mappen aus der DDR vor. Als Ausgangsbasis dienen die Bestände von über 320 Mappen des BLMK bzw. des Kunstarchivs Beeskow. In Cottbus widmet man sich der Literatur und in Eisenhüttenstadt geht es um Revolutionen. Der Beitrag in Frankfurt (Oder) erkundet die Vielgestaltigkeit der Landschaftsansichten.

Auch in der Kunst existiert die Vorstellung von der Landschaft als ein kulturelles und sozial-historisch geschaffenes Konstrukt. Sei es die Meeresansicht oder der Blick auf eine Stadt, immer schwingen die Projektionen seitens der Künstler und Künstlerinnen – indirekt sind es die bestimmter Gesellschaftsschichten – mit. Symbolisches und Metaphorisches können erscheinen und die unterschiedlichen Landschaftsinterpretationen betonen die subjektive Sicht auf das Außen.

In den 22 Mappen finden wir die traditionellen Landschaftskategorien wie etwa Stadt-, Gebirgs- und Dorflandschaft, See- und Waldstück, die Industrieansicht, Sehnsuchts-Denk- und Seelenlandschaft wieder. Sie zeigen sich, je nach Eigenarten der etwa 60 Künstlerinnen bzw. Künstler und ihren circa 180 Arbeiten, stilistisch höchst differenziert und eindringlich: Realistisches, Idealistisches, Expressives, Introspektives, Figuratives, Surreales, Abstraktes, Impressives, Zeichenhaftes und Skripturales prägen u. a. die künstlerischen Handschriften.

Die verwendeten druckgrafischen Techniken sind in den Spektren des Hochdruckes (u. a. Holzschnitt, Linolschnitt), des Tiefdruckes (u. a. Radierung, Kupferstich) und des Flachdruckes (z. B. Lithografie) zu verorten. Der Siebdruck (Durchdruck) sowie die verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten des Offsetdruckes kommen ebenso vor.

Manchmal sind die Mappen oder Schuber typografisch und buchbinderisch aufwändig bis luxuriös gestaltet – gleichwohl sind einige äußerst schlicht gearbeitet – historisch geschaffenes Konstrukt.

Alle vorgestellten Werke entstanden im Zeitraum von 1947 bis 1991 / 1992. Sie können „nur“ von einem Künstler stammen oder von mehreren, die sich je einem Thema oder einer topografischen Situation zuwenden. Eine sich daraus ergebende Motivvielfalt ist ebenso zu beobachten wie ein breit gefächertes Themenangebot. Spannungsbögen zwischen Krieg und Frieden, Apokalypse und Paradies, Fern- und Heimweh, Ideal und konkrete Örtlichkeit sind zu erahnen.

Die Ausstellung ist in folgende Kapitel unterteilt: „Prolog“, „Profanes“ und „Pathos“, „Sehnsuchtslandschaften?“, „Wohngebiet“, „Denk und Seelenlandschaften“, „Arkadien?“ und „Epilog“.

Der Berliner Gerenot Richter (mit zwei anderen Künstlern vertreten im Kapitel „Epilog“, Anmerkung der Redaktion) nähert sich der Landschaft mit dem Blick des altmeisterlich arbeitenden Grafikers. Er entdeckt vor allem mittels der Radierung mehr als nur die Augenblicklichkeit in der Natur. Richter vernimmt etwas Gleichnishaftes und Geheimnisvolles, etwas was uns mit vorangegangen Zeitläufen und Kunstwerken in Verbindung bringt. In den Radierungen „Alles verfault, was ohne Wurzeln ist“ gab ihm die Lyrik des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko Anregungen.

Text: Armin Hauer, Kustos Sammlung Druckgrafik, Skulptur,
Stellvertretender Direktor Frankfurt (Oder), Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst (BLMK)

Die in der Ausstellung gezeigten Grafiken von Gerenot Richter entstammen einer Schenkung der Witwe des Künstlers aus dem Jahr 2022.

Zwischen Arkadien und Wohngebiet
BLMK Rathaushalle 
Marktplatz 1, 15230 Frankfurt (Oder)

Ausstellung
vom 04.06. bis 20.08.2023

Grafische Mappenwerke  aus der DDR – Zwischen Arkadien und Wohngebiet

Eine Ausstellung mit Werken von Gerhard Altenbourg, Sigrid Artes, Wolfgang E. Biedermann, Manfred Butzmann, Carlfriedrich Claus, Klaus Drechsler, Andreas Dress, Wieland Förster, Erich Franke, Dietrich Fröhner, Roland Ginsky. Dieter Goltzsche, Willi Günther, Klaus Hardert, Martin Hoffmann, Joseph W. Huber, Günther Huniat, Gerhard Klampäckel, Gregor-Torsten Kozik, Sabine Kutsche, Walter Lauche, Wolfgang Leber, Rolf Lindemann, Klaus Magnus, Otto Möhwald, Michael Morgner, Rolf Münzner, Klaus Neubauer, Wolfgang Pertrovsky, Uwe Pfeifer, Mario Prokop, Nuria Quevedo, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke, Gerenot Richter, Wilhelm Rudolph, Peter Schnürpel, Gerhard Schwarz, Elfriede Seibt, Lothar Sell, Gerald Sippel, Erika Stürmer-Alex, Peter Sylvester, Aini Teufel, Max Uhlig, Frank Voigt, Christine Wahl, Matthias Wegehaupt, Claus Weidensdorfer, Berndt Wilde, Reinhard Zabka, Baldwin Zettl u. a.

Veränderungen bei Verwaltung des Nachlasses

Fast 30 Jahre lang hat sich Ingeborg Richter (*1929), die Witwe des Berliner Grafikers und Hochschullehrers Gerenot Richter, mit großem Engagement der Pflege und Verbreitung des Werks ihres Mannes gewidmet.

Dabei standen ihr die Kunsthistoriker Dr. habil. Gisold Lammel (1942–2001), Prof. Dr. Peter H. Feist (1928–2015) und Volkhard Böhm (1951–2021) sowie der Grafiker Helmut Müller – für Ausstellungen und mit Publikationen – zur Seite.

Ingeborg Richter übertrug ihr Anliegen, das Werk Gerenot Richters einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, inzwischen auf Ekkehard Richter. 2019 hat sie ihm die Verwaltung des Nachlasses komplett übergeben. Er ist jetzt in allen Fragen zum Werk von Gerenot Richter der erste Ansprechpartner.

Neuigkeiten zur Gerenot Richter Webseite

Seit 2014 sind Werke aus dem grafischen Nachlass von Gerenot Richter auf einer Website zu finden. Das hat seine gesamtdeutsche Bekanntheit gefördert, Freunde und Weggefährten an ihn erinnert und immer wieder neu zusammengeführt.

In Vorbereitung auf die sechsteilige Ausstellung zum 90. Geburtstag des Künstlers entstand 2016 außerdem ein Katalog, in dem erstmals bis auf wenige Ausnahmen alle im Werkverzeichnis gelisteten Werke abgebildet werden konnten.

Ergänzend zu den in das Werkverzeichnis aufgenommenen Tiefdrucken, Flachdrucken und Handzeichnungen wollen wir hier zukünftig auch weniger Bekanntes zeigen. Es gibt eine Reihe farbiger Arbeiten, die Aufmerksamkeit verdienen. Gerenot Richter hat seine künstlerische Laufbahn als Maler und Grafiker begonnen.

Vielleicht gelingt es uns in den nächsten Jahren sogar einige Originale von Gerenot Richter wieder aufzuspüren – insbesondere Handzeichnungen sind in den Wirren der 90er Jahre verloren gegangen.

Darüber hinaus wollen wir Sammelnde inspirieren, ihren Bestand mit Werken von Gerenot Richter zu ergänzen und zu erweitern. Informationen zur Verfügbarkeit wird diese Website künftig bereithalten.

Unabhängig davon können Sie uns gern auch ganz persönlich kontaktieren.

Wir freuen uns auf Ihr Interesse!


Ausstellung „Kunst und Kohle“ in Knappenrode

Kahle Wände, löchrige Fliesen, dicke Rohre und Eisentreppen. Der Eingang zum Turbinensaal ist düster und leer. Doch hinten lockt ein Licht. Und wer sich dorthin begibt, wird eine schöne Überraschung erleben. Gleich um die Ecke stehen nicht nur mächtige Turbinen. Zwischen ihnen hängt ein überlebensgroßes, gemaltes Bild von einem Arbeiter. Ein Foto von einem anderen Mann mit kohlegeschwärztem Gesicht füllt ein Fenster aus. Und eine Frau mit Helm und Latzhose ist auch in einem Fenster zu sehen.

Die Brikettfabrik in Knappenrode bei Hoyerswerda macht wieder von sich reden. Vor 100 Jahren hat sie ihre Produktion aufgenommen, 1993 wurde sie stillgelegt. Nun zeigt sie Menschen, die im Bergbau gearbeitet haben, und erzählt Geschichten. „Kunst und Kohle“ heißt die Ausstellung über die Arbeit und den Bergbau in der DDR-Kunst. Mehr als 130 Werke von über 50 Künstlern werden gezeigt. Die gehen eine faszinierende Verbindung mit der alten Technik in dem hohen Backsteinbau ein.

An einem Schaltschrank vorbei führt eine Steintreppe in einen klassischen Ausstellungsraum mit weißen Wänden. Porträts werden gezeigt, aber nicht das typische Propagandabild von einem Arbeiter mit erhobener Faust, sondern Menschen, die stolz sind auf ihre Arbeit, auch kritisch, müde, mit leerem Blick nach der Schicht.

Genauso sind Frauen als Bandwärterin und Fördermaschinistin zu sehen. Die sind bei den Berufen zwar gleichberechtigt, haben aber offenbar wenig Zeit für ihre Kinder. Berührend ist „Eine alltägliche Geschichte“, die Christoph Wetzel 1988 gemalt hat.

Die Arbeiterin wendet sich ihren beiden Mädchen zu, kämmt einem die Haare, aber beide haben einen ernsten Blick, der nicht auf eine glückliche Kindheit schließen lässt. Dass die Gleichberechtigung nicht immer gut funktioniert hat, zeigt ein Foto von Jürgen Matschie aus Bautzen. Der hat 1985 zwei Frauen mit Helm in einem Pausenraum festgehalten. Zumindest bei der Gestaltung hatten die Männer das Sagen. Davon zeugen die Bilder an der Wand: haufenweise nackte Frauen. Dem Verschwinden von Dörfern widmet sich Michael Kruscha aus Hoyerswerda, der jetzt in Berlin lebt. Auf einer Malerei von Gerenot Richter ist die Brikettfabrik Knappenrode zu sehen, auf einer Grafik von Fritz Tröger die Brikettfabrik in Laubusch.

Ein Propagandafoto taucht dann doch noch auf, eins zum Schmunzeln. Thomas Billhardt hat 1979 eine Brigade bei der „Zeitungsschau“ festgehalten. Ein paar Männer mit Helm halten die Blätter, andere stehen drumherum. An der Wand hängt ein Bild von Erich Honecker, daneben der Slogan „Qualität + Effektivität = Kurs DDR 30“. Ein anderes Foto von ihm von einer Brigade in Bitterfeld wirkt da schon natürlicher. Ironisch dürfte der Titel „Ehrlich arbeiten“ auf einer Malerei von Carl Kuhn gemeint sein. Eine Gruppe von Männern steht auf einer Baustelle zusammen und diskutiert. Einer zündet sich eine Zigarette an. Ein anderer hat die Hand in der Hosentasche. Der einzig scheinbar arbeitende Mann an der Seite steigt gerade aus seinem Baufahrzeug.

Text: Silvia Stengel

in: Sächsische Zeitung, 29.05.2018 (Online-Ausgabe)


Energiefabrik Knappenrode | Sächsisches Industriemuseum
Ernst-Thälmann-Straße 8, 02977 Hoyerswerda
www.energiefabrik-knappenrode.de

Die Ausstellung „Kunst und Kohle“ widmet sich nicht nur der Lausitz, sondern auch anderen Bergbauregionen. Es ist eine spannende Schau, in der alles gut vertreten ist, Abstraktes genauso wie Realistisches, Landschaftsbilder und Porträts, Stillleben und ein Film. Vier Kurzfilme kommen noch dazu. Die sollen zusätzlich im Turbinensaal gezeigt werden. Die Ausstellung gestaltete Paul Kaiser, Direktor des Dresdner Instituts für Kulturstudien. Die Werke stammen aus Museen wie dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus, Sammlungen oder Depots wie dem Kunstarchiv Beeskow. Museumsleiterin Kirstin Zinke freut sich über die Resonanz. Zurzeit finden zwar nicht viele in die Energiefabrik, weil Umleitungen den Weg dorthin erschweren. Aber wer kommt, ist oft sehr angetan.

Bis zum Herbst 2018 ist noch Gelegenheit, dann macht die Energiefabrik erst einmal dicht. Der Kreis Bautzen und die Stadt Hoyerswerda erschließen den Standort neu, so drückt es die Leiterin aus. „Siedlung und Werk rücken wieder zusammen.“ Durch die Stilllegung 1993 haben sie sich voneinander entfernt. Der Zaun rund um die Energiefabrik verschwindet. Für die freien Flächen zwischen Siedlung und Werk gebe es schon Anfragen von jungen Familien, die genau dort bauen wollen, sagt Kirstin Zinke.

Für das Museum entstehen eine neue Dauerausstellung und ein neuer Eingangsbereich. Und es wird ein Zentraldepot eingerichtet. Das Museum hat eine „schöne Sammlung“, schwärmt die Leiterin, vom historischen Schaufelradbagger bis zum Bergmann aus Meissner Porzellan. Außerdem werden die Werkstätten erneuert, die bräuchten sie, um ihre Maschinen und Anlagen zu pflegen. „Wir haben auch Hublader und müssen Lasten bewegen“, sagt Kirstin Zinke. Und sie wollen in den Außenanlagen zeigen, wie die Kohle aus dem Tagebau in die Fabrik gekommen ist, technische Geräte zusammenfassen und neu ordnen, sagt die Leiterin. So könnten die Besucher künftig wie auf einer Promenade den Weg der Kohle nachvollziehen. Dafür gibt es Fördermittel.

2020 will die Energiefabrik wieder öffnen, dann soll zumindest der Museumsbereich konzentriert und barrierefrei sein. Bis dahin zieht auch die Verwaltung um. Im freiwerdenden Gebäude könnten Übernachtungsplätze für Radfahrer entstehen. Es gibt auch immer Touristen, die im Lausitzer Seenland unterwegs sind und nach Stellplätzen für ihre Wohnmobile fragen, berichtet die Leiterin. Noch ist vieles offen und es wird auch mit den Einwohnern von Knappenrode diskutiert.

Kapitel 1 der Gerenot Richter-Werkschau


Aus der Laudatio von Ute Müller-Tischler zur Ausstellungseröffnung am 30. April 2016 | Kirche am Weg Gransee-Dannenwalde

Wenn man Künstler nicht mehr befragen kann, ist es wichtig an die Begegnungen zu denken, die man mit ihnen hatte – daran, was sie und ihr Werk uns bedeutet haben und heute noch bedeuten. So ist es auch mit Gerenot Richter, der in diesem Jahr 90 Jahre alt werden würde. In Dresden am 5. Dezember 1926 geboren, kam er 1944 mit nicht einmal 18 Jahren an die Westfront, später in Belgien und England in Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg nahm er ein Studium der Kunstpädagogik auf, das ihn bereits Anfang der 50er Jahre an die Humboldt-Universität zu Berlin führte. Das Institut für Kunsterziehung dort wurde seine berufliche Heimat. Hier wurde er promoviert und später zum Professor mit künstlerischer Lehrtätigkeit für Malerei und Graphik berufen. Bis zu seiner Emeritierung 1989 entstand ein umfangreiches Werkkonvolut mit über 400 Druckgraphiken und Handzeichnungen, das begeisterte Sammler fand und immer wieder in je unterschiedlich kuratierten Ausstellungen gezeigt wurde.

Auch nach seinem Tod vor 25 Jahren verstanden es immer wieder Retrospektiven, die Erinnerung an sein Werk wach zu halten und es einzuordnen – sowohl in die zeitgenössische Grafikkunst, aber darüber hinaus auch in die Kunstgeschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts in Deutschland. Es war Peter H. Feist, der Gerenot Richter einst als einen „Romantiker mit scharfem Verstand“ bezeichnete und seinen Arbeiten einen außergewöhnlichen Rang in der Kunstgeschichte bescheinigte. Er hat ihn als einen Künstler beschrieben, der „ganz bewusst und mit guten Gründen künstlerische Traditionen bewahren und deren Werte lebendig halten“ wollte.

„Nach dem Sturm“ – Vom Antlitz der Bäume

Mag sein, dass manche dies heute, vielleicht auch schon damals, eine konservative Bildsprache nennen würden. Aber so leicht hat er es uns nicht gemacht mit der Bewertung seiner Arbeit. Richter fühlte sich seit jeher vom Altmeisterlichen angezogen, hat es nachvollzogen, gespiegelt und angewendet. Aber gleichwohl hat er es kombiniert mit dem Widerständigen moderner Gestaltungsprinzipien. Nichts ist so klar in seinen dicht gestalteten Blättern, wie es auf Anhieb scheint. Im Gegenteil, je mehr man glaubt auf den ersten Blick alles gesehen zu haben, um so mehr verschließt sich die eigentliche Bildaussage. Der Betrachter sollte sich nicht mit einem flüchtigen, leichten Blick begnügen, sondern sich visuell anstrengen, das Geheimnis von Richters Bildsprache zu entschlüsseln. Diese ästhetische Erziehung lag ihm tatsächlich sehr am Herzen. Richter wollte – wie er es selbst einmal ausdrückte – die Lesbarkeit seiner Graphik bis ins tiefste Detail festlegen. Dem Betrachter sollte keine andere Wahl gelassen werden, als die Bildgründe wieder und immer wieder zu durchwandern. Das galt nicht zuletzt auch für den Künstler selbst, der sich beim Zeichnen häufig vom Zufall überrascht sah und auf neue Wege kam, die sich ihm dadurch eröffneten.

Wir müssen dem verehrten Gisold Lammel Recht geben, der das grafisch überbordende Gestaltungsprinzip als Richters „Horror vacui“ erklärte. Hier trifft sich dann auch dessen didaktische Mission mit dem Gestaltungsrausch eines begeisterten Künstlers. Das ist zweifellos kein Paradox. Indem er seine Bildflächen mit einem grafischen Netz versah, in das die einzelnen Objekte in den Bildgrund eingebettet waren – wie hinein gewachsen – scheinen sie zuweilen undeutbar in ihrer Eigenständigkeit und Zuordnung. Zum anderen kann man zu dem Eindruck gelangen, dass er seine helle Freude daran gehabt haben muss, uns seinen Blick aufzuzwingen. Er selbst war deshalb gezwungen, genau zu sein beim Radieren, und wir wiederum müssen es beim Hinsehen sein. Das war seine "Schule des Sehens". Und sie ist es bis heute. Wer in die detailstarken Bildmotive eintaucht, wird nicht umhinkommen, ihnen zu folgen bis hin an den Bildrand und wieder zurück in das grafische Zentrum.

„Insofern erlangt ein Grasbüschel die gleiche Aufmerksamkeit der Durchbildung wie ein ins Auge springender bedeutungsträchtiger Gegenstand des Bildes“, schrieb er einmal an eine Journalistin. Die Kunst von Gerenot Richter verweist damit tief in die klassische Bildtradition und grafische Technik von Albrecht Dürer und Martin Schongauer, deren Radierkunst ihn ein Leben lang als Vorbild beschäftigte. Im ganzen Ausdruck aber führen uns seine Grafikblätter dichter noch in die romantische Innerlichkeit und Weltenflucht. Formvollendet und bizarr durchströmt sie eine feine Aura der Melancholie, von der wir uns auch heute noch immer wieder gefangen nehmen lassen. Woher rührt diese Magie der Anziehung, habe ich mich gefragt? Liegt es an der meisterhaft ausgeführten Grafiktechnik, mit der Richter eine geheimnisumwehte Atmosphäre schaffen konnte wie nur wenige Grafiker seiner Zeit? Vielleicht Horst Hussel auf ganz andere Weise oder Walter Herzog, dessen druckgrafisches Werk diffiziler und offener ist. Aber Richter ging anders mit der Fläche um. Niemand wusste die vielen Ätzstufen so planvoll anzuwenden wie er, so dass Mezzotinto-Radierungen fast aquarelliert in ihren Hell-Dunkelwirkungen erscheinen konnten. Darin war er zweifellos ein Meister.

Zum Kern der Kunst von Gerenot Richter

„Wer Richters Bildwelt folgen will, muss sich auf Meditation einstellen, dann wird er über die Lust an der kunstvoll dargereichten Illusion zu vielen Fragen kommen“, schrieb Gisold Lammel sehr treffend. Das scheint mir auch der Kern von Gerenot Richters Kunst zu sein. Dieser Kern lässt sie heute noch auf unnachahmliche Art frisch erscheinen und verbindet sie mit der Gegenwart, von der einige behaupten, dass wir uns grade in einer Epoche neuer Melancholie befinden, weil wir von der Wirklichkeit überfordert sind und keine Visionen mehr haben. Hier trifft sich das aktuelle Zeitgefühl mit der Weltsicht von Gerenot Richter, der uns eine Bildwelt des Umbruchs hinterlassen hat. Seine Motivwelt ist von ungestümen Landschaften, ruinösen Bauwerken und immer wieder knorrigen, alten Bäumen bestimmt. Sie sind das kreative Herzstück seines Schaffens, ein selbst definiertes Zeichensystem voller Gleichnisse für eine unüberschaubare Situation, mit dem er als Hochschullehrer ganze Generationen von Schülern beeinflusst hat.

In den sechs Kapiteln der aktuellen Werkschau, die Freunde und seine Familie zusammengestellt haben, kann man das außerordentlich gut nachvollziehen. Hier in der ersten Station, in der Kirche von Dannenwalde, haben wir es mit dem „Antlitz der Bäume“ zu tun, das sich einmal mehr, gleichnishaft für den Niedergang einer angeschlagenen Gesellschaft lesen lässt. Für mich gehören diese Arbeiten zu den schönsten, die Richter in den 80er Jahren hervorgebracht hat und die nach wie vor künstlerische Gültigkeit besitzen und überzeugen.

Die ein halbes Dutzend Blätter umfassende Folge „Nach dem Sturm“ (zu sehen auf der Empore) hat er angesichts der Sturmkatastrophe von 1980 geschaffen. Umgeknickte und entwurzelte Bäume, ins Bild ragende Äste zeichnen die verheerende Naturkatastrophe nach, von deren zerstörerischer Kraft er tief beeindruckt war. Die Welt war aus den Fugen geraten, Wälder waren zerstört, Baudenkmale in Trümmer gelegt. Was Gerenot Richter hier als Naturstücke zusammenfasst, die geborstenen Stämme und das gesplittete Holz sterbender Bäume, Zweige noch voller Blätter, dem Untergang geweiht, bildet eine unnachahmlich dichte „Poesie der Zerstörung“, an die wir von ihm ganz nah herangeführt werden.

Gleich eindrücklich sind die Blätter der „Großen Gleichnisse“, die er anschließend an die Folge „Nach dem Sturm“ radiert und thematisch weiter gefasst hat, indem er in die sonst unbeseelten Landschaften Bildfiguren und historisierende Zitate einfügte. Vergänglichkeit beschwörend, betörend mit ihrem Zauber vergehender Natur und kultureller Artefakte, gehören sie in eine Welt des Wandels – dessen umfassende Dimension er damals wohl nicht einmal ansatzweise ahnen konnte. Schöner als es Gisold Lammel in seinen Bildbeschreibungen der „Großen Gleichnisse“ formuliert, kann man es nicht wiedergeben:

„Diese Blätter bilden gewissermaßen die Quersumme von Richters Schaffen und sind mithin für ihn das, was für Dürer die 'Meisterstiche' gewesen sind. Aus ihnen spricht der besorgte Künstler, den eine tiefe Liebe zu Natur, Mensch und Kunst erfüllt hat. [...] In [ihnen] spielen Gedanken über das Geben und Nehmen in der Natur wie über das Leben nach einer Katastrophe eine Rolle.“

Gisold Lammel

Hier liegt das kreative Potenzial des Bedauerns und der Traurigkeit verborgen, das all seinen Arbeiten innewohnt und von dem eine existentielle Kraft ausgeht. Dafür müssen wir Gerenot Richter dankbar sein.

Ich wünsche den Ausstellungen zum Schaffen von Gerenot Richter viel Erfolg und ihren Besuchern viele beglückende Begegnungen

Abbildung: Gerenot Richter, WV II-131 Nach dem Sturm I, 1980


„Nach dem Sturm“ – Vom Antlitz der Bäume
Ausstellung vom 30. April bis 5. Juni 2016
Kirche am Weg / Rad-Wander-Kirche | Blumenower Straße 1 | 16775 Gransee-Dannenwalde
Laudatio: Ute Müller-Tischler (vorgetragen von Ekkehard Richter)
Musik: Dobrin Stanislawow (Panflöte)


Volkhard Böhm: „Hommage und Gleichnis“ bei Gerenot Richter

Ab Mitte der 1970er Jahre konzentriert sich Gerenot Richter technisch ganz auf die Radierung – die Lithografie gibt er vollkommen auf – und motivisch auf die Natur- und Kulturlandschaft. Es ist eine Zeit, in der viele Künstler zu einer subjektiveren Sichtweise auf die Realität und eine noch differenziertere Bildsprache fanden. Für die Literatur, in der sich eine ähnliche Tendenz abzeichnete, sprach man immer häufiger von „Neuer Subjektivität“ und „Neuer Sensibilität“.

Diese Konzentration auf die Radierung und die neuen Bildmotive ging bei Gerenot Richter einher mit dem verstärkten Bezug zu älterer Kunst. Dabei inspirierten ihn anfangs besonders die Landschaftsradierungen des Chodowiecki-Schülers Carl Wilhelm Kolbe d.Ä. (1759-1835). Hier übernahm er die besondere Vorliebe auf für die Darstellung von Bäumen und einer üppigen Pflanzenvegetation. Bestätigung fand er in den Werken der Renaissance-Künstler, vor allem und immer wieder bei Albrecht Dürer und dessen „Staunen“ über die Natur, aber auch bei Albrecht Altdorfer und Martin Schongauer. Wahlverwandte sieht er aber auch in Giovanni Battista Piranesi, Hercules Seghers, Pieter Bruegel, Rudolphe Bresdin, Charles Méryon, Horst Jansen, Ernst Barlach und Gerhard Marcks.

Das Erhabene ist in allen Dingen und Lebewesen

Richter ging in seinem gesamten Werk vom Realismus aus, abstrahierte dann aber nicht in Richtung Gegenstandslosigkeit, sondern addierte surreal verschiedene Bildelemente und Zeiten. Dabei zeigte er sich als ehrfürchtiger Betrachter und Teilhaber der beseelten Natur und steht in dieser spirituellen Durchdringung der Landschaft der Geisteshaltung der Frühromantiker nahe. Das Erhabene ist in allen Dingen und Lebewesen. Damit können diese Grafiken auch als eine bewusste Reaktion auf die Zerstörung von Natur und Landschaft und deren auslösendes Erlebnis in den vorhergegangenen Grafiken „Nach dem Sturm“ gesehen werden.

In den Niederlanden begannen die Künstler im Spätmittelalter präzise Skizzen von Händen und Gesichtern, von Insekten und Blättern anzufertigen, um der Realität möglichst nahezukommen. In Deutschland strebten die Künstler nach Naturalismus und räumlicher Tiefe. Die detaillierte Darstellung der Pflanzwelt fand Eingang in die Bildmotive. So wurde der Spitzwegerich erstmals detailliert dargestellt in Stefan Lochners Dreikönigsaltar, auch Altar der Kölner Stadtpatrone und schließlich Kölner Altarbild genannt, entstanden um 1445 ursprünglich für die Rathauskapelle.

Neben der Darstellung von Bäumen ist es auch die von alltäglichen, unspektakulären Pflanzen, die Richter als faszinierten Naturbeobachter zu seiner empathischen Kunst führte – eine intellektuelle Künstlerschaft inspiriert vom Humanismus. Gerade in der Kunst des Mittelalters und dann der Renaissance hatte die Wahl der Pflanzen, die man darstellte, immer auch eine symbolische und metaphorische Bedeutung. Oft waren es Pflanzen, die als Heilpflanzen wirkten (das Grassieren der Pest dauerte noch an oder war gerade erst überwunden), die aber, falsch genutzt, bei einigen Kranken auch zum Tode führten. Solche Kenntnisse bzw. Überlegungen mögen auch bei Richters Pflanzendarstellung eine Rolle gespielt haben. Bei ihm sind es oft breitblättrige Pflanzen, wie die Pestwurz, die oft an Bach- und Flussufern zu finden ist und die von den Menschen im Mittelalter gegen die Pest eingesetzt wurde. Dann die Klette oder die Brennnessel, landläufig Unkrautpflanzen, die jedoch ebenfalls Heil bringend wirken, wie Lochners Spitzwegerich. Dazu kommen Blühpflanzen, wie der Fingerhut, der Ritterstern und die Iris, die Lilie, die Lieblingsblume Richters. Einzeln oder in Gruppen können sie dann auch zu einem dominierenden Motiv werden.

Überbordende Darstellung der realen Flora

Liegt in den Hommage-Blättern noch der Schwerpunkt auf Motiven und biografischen Bezugspunkten der Gewürdigten, werden Richters Gleichnisse ganz entscheidend in Reaktion auf die Sturmbilder zu prallen Pflanzenschauen, zu einer überbordenden Darstellung der realen Flora. Für Ersteres stehen die Grafiken zu Dürer, Gerhard Marck, Andrea Mantegna, Martin Schongauer, Albrecht Altdorfer oder schließlich Georg Friedrich Kersting.

In den größeren Radierungen der Gleichnisse schloss er an diese Würdigungszeremonie an. So verwendete er in seinem II. Gleichnis, einer Grafik zum Gedenken an den Komponisten Gustav Mahler, Motive von Pieter Bruegel, Egon Schiele und René Magritte.

Der Anlass für diese großformatigen Radierung aus dem Jahre 1984 war der 100. Geburtstag der „Lieder eines fahrenden Gesellen“, die Gustav Mahler 1884 komponiert hatte. Mahler, einer der Lieblingskomponisten Richters, sagte über sich, er sei „[…] dreifach heimatlos: als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude unter allen Nationen der Erde.“

In seinem Werk „Ging heut’ morgen übers Feld – Gustav Mahler 1884“ stellte Richter diesen großen Komponisten nicht nur in einen universellen kulturellen Zusammenhang, er verortete ihn auch darin und gab ihm damit eine „ewige“ Heimat, denn rechts in der Grafik zeigte er zusätzlich Mahlers Grabmal auf dem Grinzinger Friedhof, entworfen von Josef Hoffmann, links im Hintergrund das barocke Stift St. Florian, hier war Mahlers Lehrer, der Komponist Anton Bruckner, tätig und ist hier beerdigt. Durch diese universelle Einbindung mit den verschiedensten Querverweisen werden diese Werke Richters ebenfalls zu Werken mit Gleichnis-Charakter.

Analog stellte er in „Gleichnis I“ (1983) das Werden dem Vergehen in der Natur gegenüber und erzielte mit ähnlichem Bildaufbau in dem großformatigen Blatt „Der ungetreue Hirt – Hommage à Bruegel“ (1984/85) mit Bruegels Figur des ungetreuen Hirten aus dem Johannesevangelium, eine gleichartige Wirkung.

In beiden Blättern verwendete Richter Bildmotive, gefunden auf seinen Reisen auf den Darß (Teil einer Halbinsel an der südlichen Ostseeküste Deutschlands) bzw. nach der Sturmkatastrophe im Park von Hohenrode. So ist es auch in einer weiteren an Bruegel anknüpfenden Grafik, dem „Gleichnis II – Die Blinden“ von 1985/86. Hier fügte er die Figurengruppe aus Bruegels „Der Sturz der Blinden“ von 1568 ein und natürlich wieder Eindrücke aus dem Park von Hohenrode in Nordhausen. Die Metapher des Vergehens, des Untergangs wird so doppelt zum Menetekel. Immer wieder Hohenrode, das Bild der Katastrophe, lässt ihn als Bild für ein immerwährendes Verhängnis nicht los.

Baumruinen und überschäumendes Pflanzenwachstum

Mittlerweile ist die Erkenntnis Konsens, dass auch Naturkatastrophen auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben und das künstlerische Schaffen erhebliche Nachwirkungen zeitigen können. Obwohl die Sturmkatastrophe von Hohenrode bei Richter eine ganze Grafikfolge beeinflusste, bewirkte sie bei ihm in der Folge keine Horrorvisionen, keine Neuauflage einer „schwarzen Romantik“, kein Abgleiten in einen, wie auch immer gearteten Pessimismus. Zwar tauchen immer wieder Baumruinen auf, aber auch immer wieder teilweise überschäumendes Pflanzenwachstum.

1988, in der „Begegnung – Bremer Iris“, radierte er links im Vordergrund ein ganzes Beet von Schwertlilien, überragt von der Iris aus Albrecht Dürers „Aquarellstudie“, die sich in der Bremer Kunsthalle befindet. All diese Lilien sind Variationen, Wiederholungen und es sind eigentlich zu viele.

Nur mit der Erfahrung von Hohenrode ist dieses „Zuviel“ zu erklären und natürlich ist dann auch diese Blume Zeichen und Symbol: Die Iris, auch Schwertlilie, gilt als Herrschafts- und Glaubenssymbol, aber auch als Sinnbild für verschmähte Liebe. Wandelt deshalb das Dürersche Bauernpaar darüber, gestikulierend im Gespräch oder gar im Streit vertieft den Feldweg entlang? Keine Pflanze hat über einen längeren Zeitraum eine solch wichtige Rolle in der Blumensymbolik gespielt. Richter folgte in dieser Symbolträchtigkeit seinen Vorbildern und Wahlverwandten in der Kunstgeschichte. Auch sie hat neben ihrem Blütenzauber Heil bringende medizinische Wirkung, wie viele der anderen von Richter dargestellten Pflanzen.

„Da steht von schönen Blumen / Die ganze Wiese so voll.“ – dichtete Goethe in „Schäfers Klagelied“. Auch bei Goethe sind Blumen in seinen Versen nicht unbedingt reale Pflanzen, es sind vielmehr, jedenfalls häufig, Zeichen und Symbole. Zeichen für die Liebe, Schönheit, Hoffnung – Aufblühen. Auch die alten Weiden, ein immer wiederkehrendes Motiv bei Richter, sind solch ein Zeichen. Aus einem alten knorrigen Stamm treiben immer wieder neu Zweige aus. Und Richter fügt noch ein weiteres Symbol links neben dem wandelnden Bauernpaar ins Bild ein. Dort grasen friedlich einige Rinder und die Kuh gilt doch in vielen Kulturen als Symbol der Fruchtbarkeit, Reichtum, Segen, Fülle und Wohlstand.

Diese Grafiken sind aufgebaut wie Collagen, in denen ein Vordergrund über einen Hintergrund gebreitet wird und dieser an einigen Stellen durchscheint. In einem Blatt wandelt auf einem Weg das Paar aus Albrecht Dürers „Der Bauer und seine Frau“ von 1496/97. Hier manifestiert sich der universelle Anspruch, den Richter in seinem Werk bewahren will: Die alte Zivilisation, alte Kulturen werden im stetigen Werden weitergeführt und bewahrt. Umgekehrt gesehen kann die Natur das Menschenwerk in Form der Kunstzitate, der Architekturruinen, der gestürzten Pilaster und Säulen überwuchern. „Ein Geschlecht geht, und ein Geschlecht kommt; / und die Erde bleibt ewig bestehen.“.

Wie ein Vermächtnis erfüllt sich das in seiner letzten großformatigen Radierung 1989 „Herbstlicht – für Ingeborg“.

Schon stark beeinträchtigt von schwerer Krankheit überäzt Richter die Druckplatte und es kommt dadurch zu einem flauen Abdruck. Als hätte es so sein müssen, wird dadurch der melancholische Gehalt dieser Grafik noch gesteigert. Gewidmet hat es der Künstler seiner Frau. Hineingefügt in ein Motiv des Parkes von Schloss Neschwitz, dessen gesamte Anlage zu den kulturhistorisch bedeutsamen Schlossanlagen der Lausitz zählt, ist Ernst Barlachs „Schlafendes Bauernpaar (Schlafende Vagabunden)“ von 1912, eine Figurengruppe, die für ihn und seine Frau große Bedeutung hatte.

In den großformatigen Werken Gerenot Richters verwirklicht sich der ganze bildkünstlerische Kosmos, den er im Verlaufe seines Schaffens herausgebildet hat. In allen diesen Blättern hob er die naturalistische Darstellung der Motive auf eine höhere surreal-symbolische Ebene.


Der Text wurde entnommen aus:
Hommage an Gerenot Richter – Werkschau in 6 Kapiteln
UM:DRUCK – Zeitschrift für Druckgraphik und visuelle Kultur, Wien 2016


Kapitel 1 „Nach dem Sturm – Vom Antlitz der Bäume“


Kirche am Weg / Rad-Wander-Kirche,
Blumenower Straße 1, 16775 Gransee-Dannenwalde,

30. April – 5. Juni 2016

Die erste Ausstellung ist in der Kirche am Weg (auch Rad-Wander-Kirche) in Dannenwalde nördlich von Berlin zu sehen. Diese relativ kleine Kirche wurde 1821 vom Baumeister Hermann (1784-1842) aus dem nahen Zehdenick, einem Schüler Gillys bzw. Schinkels, im neugotischen Stil erbaut. Der eigenwillige, klar gegliederte Bau mit seinem langgestreckten achteckigen Grundriss wird heute neben den Gottesdiensten durch einen Kulturverein auch für Kulturveranstaltungen und Ausstellungen im Kirchenraum und auf den Emporen genutzt.

Dieser Kirchenraum ist der ideale Ausstellungsort für Richters existenzialistische Grafikfolge „Nach dem Sturm“, die den Schwerpunkt dieser Ausstellung bildet. Dazu kommen weitere Grafiken und Zeichnungen, in denen Bäume ein zentrales Bildmotiv darstellen, wie bei Blättern aus der Hommage-Folge und der Folge der „Gleichnisse“.

Kapitel 2 „Ging heut’ morgen übers Feld – Hommage und Gleichnis“


Domgalerie, Domplatz 3, 15517 Fürstenwalde,
1. Juli – 28. August 2016

In den 1980er Jahren entstanden Richters Hommage-Grafiken und die Gleichnisse. Gezeigt werden sie in der Domgalerie unmittelbar neben dem Dom der Kleinstadt Fürstenwalde nordöstlich von Berlin.

Beide Thematiken, jeweils teilweise in Folgen zusammengefasste Einzelgrafiken, haben viel gemeinsam: Den dicht gedrängten Bildaufbau, oft simultane Szenerien und obwohl manchmal gleichzeitig entstanden, bauen sie aufeinander auf, so bilden die Gleichnisse einerseits die gestalterischen Fortsetzungen der Hommage-Grafiken, anderseits überschneiden sie einander. Dann sind einzelne Hommage-Blätter gleichzeitig Gleichnisse und umgekehrt.

In all diesen Grafiken nimmt Gerenot Richter in unterschiedlicher Weise Bezug auf seine künstlerischen Vorbilder, bekennt sich zu seinen Wahlverwandten, sei es, indem er Motive aus Werken dieser Künstler in seine Bildgestaltung einfügt oder indem er deren Gestaltungsweise folgt.

Kapitel 3 „Spreeathen – Stadtlandschaften“


Humboldt-Universität zu Berlin, Hauptgebäude Lichthof Ostflügel,
Unter den Linden 6, 10177 Berlin,
25. Oktober – 16. November 2016

Immer wieder widmet sich Gerenot Richter der Darstellung seiner Stadt Berlin als Stadtlandschaft. Besonders interessiert ihn dabei die historische Mitte, das kulturelle Zentrum, war doch hier auch sein langjähriger Arbeits- und Wirkungsort am Institut für Kunsterziehung der Humboldt-Universität mit Blick über die Spree auf die Museumsinsel.

Schildert er in den Lithografien und Radierungen aus den Anfangsjahren den Auf- und Wiederaufbau der Stadt fast dramatisch, in einer oft düsteren Stimmung, sind es später markante Bauwerke als historische Zeugnisse, jetzt atmosphärisch detailgenau und in teilweise panoramahaften Raumproportionen.

Hinzu kommen Impressionen von Städten, die vor allem im Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit bei den Pleinairs und Praktika mit seinen Studenten entstehen, wie Hoyerswerda mit den Braunkohletagebauen und Warnemünde mit der Küstenlandschaft, sowie von Reisestationen, wie Leningrad, Moskau, Budapest und Nowgorod. Von vielen dieser Reisen bringt er, Schnappschüssen gleich, solche Impressionen mit, in denen die Stadtsilhouetten immer wieder eine große Rolle spielen: Putbus, Rostock, Wismar, Dresden und Brügge.

Kapitel 4: „Funde am hohen Ufer – Strandläufer und Meerwunder“


Ausstellung in der Galerie 100, Konrad-Wolf-Straße 99, 13055 Berlin,
23. November 2016 – 11. Januar 2017

Einsichten und Eindrücke, die Gerenot Richter auf seinen Reisen sammelt, finden immer wieder in unterschiedlicher Weise ihren Niederschlag in seinen Bildern. Neben privaten Reisen sind es die Praktikumsfahrten mit seinen StudentInnen.

Zu einer ganzen Bildersuite in Einzelblättern und Folgen zählen die Landschaftsgrafiken von der Ostseeküste, ob nun von der Insel Rügen oder von der Halbinsel Fischland-Darß um das Künstlerdorf Ahrenshoop. Dabei knüpfte er in den Küstenbildern der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, zusammengefasst in der Strandläuferserie, an die heroische Landschaftsdarstellung an. Gezeigt werden diese Grafiken in der kommunalen „Galerie 100“ in Berlin-Lichtenberg.

Die Steilküste mit ihren schroffen Landschaftsformen und generell die Küstenlandschaften erinnern an die kantigen Formen der traditionellen Meeres-, Gebirgs- oder Waldlandschaften. Groß, gewaltig, urtümlich und fantastisch stellt Gerenot Richter Natur und Landschaft gegen die Menschen, die meist klein als Strandläufer unten in der Tiefe oder in der Ferne zu sehen sind. Er knüpft in diesen Grafiken ganz bewusst an die heroische Landschaftsdarstellung an, wie sie sich ab dem 17. Jahrhundert entwickelt hat. Der Mensch wird zurückgenommen, die Natur dominiert.

Nur idealisiert Richter die Landschaft nicht, er schildert sie mit einem detailreichen Realismus und mit fast topografischer Genauigkeit. Selten fügt er antikisierende Elemente ein, wie in „Strandläufer VII“ von 1981 einen Nike-Torso, angelehnt an die „Nike von Samothrake“ aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. Die fehlenden Schwingen ersetzen die Flügel einer Möwe, die von der Figur aus zum Flug ansetzt. Der Gleichnis-Charakter der späteren Werke deutet sich in solchen Grafiken schon an. Das Motiv der Strandlandschaft spielt außerhalb dieser Folge in vielen Radierungen Richters eine Rolle.

Kapitel 5: „Terra mater & Herbstlicht – Früh- und Spätwerk“


Galerie im Neuen Rathaus, Kunstverein Templin e.V., Prenzlauer Allee 7, 17268 Templin,
21. Januar – 15. März 2017

Diese Ausstellung spannt einen Bogen vom Früh- bis zum Spätwerk des Künstlers, lässt damit seine bildkünstlerische Entwicklung deutlich werden. Richters realistische Wiedergabe der heimatlichen Landschaft entwickelte sich über einen klassischen und dann durchaus auch romantischen Realismus hin zu einer realistischen, metaphorisch aufgeladenen Landschaftsdarstellung.

Kapitel 6: „Friedliche Landschaften – Die Miniaturen“


Grafik Studio Galerie, Rigaer Straße 62, 10247 Berlin,
31. März – 28. April 2017

In der kleinsten Galerie der Ausstellungsreihe werden Gerenot Richters Miniaturgrafiken gezeigt. Der Künstler beherrscht in seinen Radierungen nicht nur das relativ große Bildformat, sondern auch das kleine Format, die Miniatur. Dabei kann er durchaus, wie in den großen Formaten, auch in diesen Miniaturbildern ganze Bildgeschichten erzählen oder zum Beispiel Stadtlandschaften darstellen.

Fast alle Motive, die er in den großen Formaten abhandelt, sind auch hier zu finden, präzise bis ins Detail. Aber in diesen Miniaturen finden sich auch Einzelmotive, wie der Baum. Damit können diese Kleingrafiken auch wie Studienblätter zu den großen Grafiken anmuten.

Maren Simon über Gerenot Richter

„Ich lebe schon seit meiner Jugend, seit seiner Ausstellung in der Kleinen Galerie im Keller in Potsdam (1981), mit zwei Richtergrafiken zusammen, und ich habe während der Sicht Ihrer Seiten, jetzt eine dritte Grafik gefunden, die ich erworben habe, ich hoffe, sie trifft heute noch bei mir ein …

Beeindruckt von der präzisen Wahrnehmung von Natur in allen möglichen Varianten (Werden und Vergehen!) war Gerenot Richter für mich wegweisend gewesen und begleitete meine Anfänge als Künstlerin. Ich studierte von 1982 – 1987 Grafik an der HGB in Leipzig und heute ist es die Plastik, die mein Leben als Künstlerin bestimmt.

Den Blick für die Natur und eine Freude daran, habe ich noch immer und so könnte seine Antwort auf Kritik über „Detailliebe“ auch von mir stammen. Auch ich muss mich wehren, da heute das allein Abstrakte Gültigkeit zu haben scheint, doch, wer genau hinschaut sieht Abstrahiertes auch bei Richter! Sein zersplitterndes Holz z.B. ist durchaus in seiner Wirkung ähnlich den faszinierenden „Schlieren“ eines Gerhard Richter… Die selbstverständliche, leise Kombination von Beidem ist es, was mir an vielen von Gerenot Richters Arbeiten so gefällt!“

Maren Simon (*1962) ist eine Malerin, Bildhauerin und Zeichnerin aus Potsdam


Kunstsammlung Lausitz zeigt Malerei und Grafik von Gerenot Richter


Auszug aus einer Ankündigung zur Ausstellung der Galerie am Schloss Senftenberg anlässlich des 80. Geburtstags von Gerenot Richter

In ihrer letzten Ausstellung des Jahres 2006 zeigt die Galerie am Schloss des Senftenberger Museums einmal mehr einige Bestände aus der museumseigenen Kunstsammlung Lausitz. Im Mittelpunkt dabei steht Gerenot Richter, der in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden wäre und dessen 15. Todestages wir gedenken.

Der Berliner Grafiker Gerenot Richter war in seinem über 30-jährigen Schaffen eng mit der Lausitz verbunden. Deshalb richteten sich die Sammlungsbemühungen der Kunstsammlung Lausitz frühzeitig auf ihn, so dass um 1990 bereits etwa 20 Kaltnadelradierungen erworben werden konnten. Durch eine großzügige Schenkung der Witwe des Künstlers, Ingeborg Richter, gelangten in den vergangenen Jahren weitere 41 Lithographien, Radierungen, Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen und Gemälde in die Sammlung. Den gesamten Senftenberger Werkbestand Gerenot Richters beinhaltet die aktuelle Ausstellung.

Als Professor an der Berliner Humboldt-Universität bildete Gerenot Richter Kunstlehrer aus. Mit seinen Studenten war er oft in der Lausitz unterwegs, um während künstlerischer Praktika den landschaftlichen Schönheiten und der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung in diesem Landstrich seit den 60er Jahren nachzuspüren. In seiner eigenen bildnerischen Tätigkeit wurde Richter damit u. a. Zeitzeuge der Braunkohleindustrie und des Aufbaus der Neustadt Hoyerswerdas, dokumentiert in einem großen Werkkomplex der 60er und frühen 70er Jahre.

Ein Grafikkonvolut aus den späten 80er Jahren, in denen Richter ausschließlich druckgrafisch arbeitete, zeigt den Künstler auf der Höhe seines Schaffens. Sein altmeisterlich ausgerichteter Personalstil war vollständig ausgeprägt, und mit dem großen Aquatintablatt "Gleichnis III (Eustachius" von 1987 z. B. erreichte Gerenot Richter einen Gipfelpunkt seiner Meisterschaft.

Die Ausstellung in der Galerie am Schloss ist bis zum 14. Januar 2007 zu sehen.

Abbildung: Gerenot Richter, WV II-256 Gemäuer, 1986, Kaltnadel, 33 x 42 cm


Malerei und Grafik in der Galerie am Schloss in Senftenberg


Laudatio von Bernd Gork zur Ausstellungseröffnung am 22. November 2006

„Sie haben mich mit einem Meisterwerk beschenkt, das seinesgleichen in der heutigen Grafik lange suchen wird!“ Mit diesen gewichtigen Worten von Gerhard Marcks bedankte sich einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer und Grafiker des 20. Jahrhunderts 1979 bei Gerenot Richter für eine Grafik. Dieses sicherlich nicht als Höflichkeitsfloskel gedachte Lob weist auf die hohe Qualität der Richterschen Grafik. Dabei hatte er 1979 den Höhepunkt seines Schaffens noch gar nicht erreicht.

Auch die Kunstsammlung Lausitz ist mit Werken von Gerenot Richter beschenkt worden, nach dem bereits 1987 die ersten Kaltnadelradierungen erworben werden konnten. Auf der Suche nach Künstlern und Werken für die Kunstsammlung Lausitz entdeckte ich 1987 in einer Berliner Ausstellung faszinierende Tiefdruckwerke von einem Künstler, der nicht aus dieser Zeit schien. Die mit äußerster Akribie und Formenfülle ausgeführten Radierungen und Aquatinten erinnerten an die Dürer-Zeit, eine der Sternstunden deutscher Grafik. In Berlin vermutete man dergleichen nicht, war es doch Leipzig, wo beispielsweise Werner Tübke oder der Kupferstecher Baldwin Zettl an die Kunst der Renaissance anknüpften. Als ich in der genannten Berliner Ausstellung unter den Richter-Werken noch vier Lausitzer Landschaften entdeckte, war die Freude perfekt. Der Ankauf beim Künstler zu einem moderaten Preis folgte bald. Später kamen noch weitere kleinere Kaltnadelradierungen mit Lausitzer Landschaften dazu, die in Bautzen ausgestellt waren. So der vollständige Zyklus von 12 Blättern mit dem Titel „Und die Erde wird lange feststeh'n und aufblüh'n im Lenz“ aus einem chinesischen Vers, den Gustav Mahler in seinem „Lied von der Erde“ verwendete, und drei Blätter aus dem Zyklus „Alles verfault, was ohne Wurzeln ist“, ein Zitat von Jewtuschenko.

Die Natur als unerschöpflicher Quell des Lebens

Der Titel der Grafikfolgen, die Gerenot Richter gegen Ende seines viel zu kurzen Lebens schuf, weisen auf ein Grundanliegen seiner Kunst, der respektvollen Versenkung in die Natur als unerschöpflichen Quell des Lebens. Dabei folgte er dem Ethos des von ihm hochverehrten Albrecht Dürer, für den es keine Nebensächlichkeiten gab und der einer Feldblume die gleiche gestaltende Aufmerksamkeit widmete wie dem Menschenbild. So sagte Richter 1980 „Mir liegt an der Anerkennung des künstlerischen Eigenwerts jeden Dinges, an einer – bei Dürer zu lernenden – Ehrfurcht vor den Dingen. Die gegenständliche Bindung führt für mich zu der Eindringlichkeit mit der ich auch Kleinstes, scheinbar Nebensächliches grafisch durchbilde. Auch damit eifere ich Dürer nach, dessen Liniensprache, Formenverbindung und Formenverwindung, das Übergenaue und Pedantisch-Exakte ich immer wieder aufy neue verfolge, bewundere und die mir allerdings unerreichbar bleibt.“

Die Ausstellung zeigt mit 66 Arbeiten den gesamten gegenwärtigen Bestand der Kunstsammlung Lausitz an Werken von Gerenot Richter, die sich allesamt mehr oder weniger auf die Lausitz beziehen. Dank der großzügigen Schenkung erhalten wir auch einen Einblick in das vielgestaltige Frühwerk des Künstlers mit einer Fülle malerischer und zeichnerischer Techniken bis hin zur Lithografie.

Nachdem Richter von 1949 bis 1953 Kunsterziehung in Dresden, Leipzig und an der Humboldt-Universität in Berlin studierte, erhielt er 1955 den ersten Lehrauftrag dort und promovierte 1957. Von 1962 bis 1965 schloss sich noch ein externes Studium an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee bei den Professoren Heinrich Burkhardt und Fritz Dähn an. Aus dieser Zeit stammt ein Großteil der hier zu sehenden Gouachen, Aquarelle, Zeichnungen und Lithografien, in denen er den vielfältigen Erscheinungen der Industrielandschaft im Kohlerevier um Hoyerswerda auf der Spur war. Immer wieder kehrte er auch als Professor mit seinen Studenten in die Lausitz zurück, denn neben der Braunkohlenindustrie war es auch die Landschaft der Oberlausitz, die eine Fülle reizvoller Bildmotive bot.

Phantasiereichtum und Zitate aus der Kunstgeschichte

Erscheint in den frühen Arbeiten aus der Studienzeit und kurz danach der Personalstil noch nicht ausgeprägt, so spüren wir in den feingliedrigen Skribentzeichnungen von 1973 bereits die Hinwendung zum altmeisterlich anmutenden Detailreichtum, wie er in den kommenden Jahren besonders in den Tiefdruckarbeiten zur vollen Entfaltung kommen sollte. So ist denn zweifellos ein Gipfelpunkt im Schaffen von Gerenot Richter in der 1983 begonnenen Folge von sechs großen gleichnishaften Bilddichtungen voller Phantasiereichtum und Zitaten aus der Kunstgeschichte zu sehen. Das Aquatintablatt „Gleichnis III“ von 1987 dürfte aus der Höhepunkt unserer Ausstellung sein. mit dem Untertitel „Eustachius“ bezieht es sich auf jenen Heiligen, dem Dürer bereits um 1500 ein bildnerisches Denkmal setzte. Der Feldherr Eustachius soll zum Christentum bekehrt worden sein, nachdem er auf der Jagd im Geweih eines Hirsches ein Kreuz erblickt hatte. Dieses Bildmotiv aus dem Dürer-Blatt fehlt allerdings bei Richter, der sich auf das Zitat eines von einer Burg bekrönten Berges beschränkte. Im Gegensatz dazu ist in der linken Bildhälfte die Schlossruine von Bad Muskau zu sehen. Gedeih und Verderb, die auch in der umgebenden Natur sichtbar werden, in einem Bild vereint als Sinnbild für die Gefährdungen auf unserem Planeten.

Dr. Gisold Lammel, ein profunder Kenner des Richterschen Werkes, hat ihn einmal wie folgt gewürdigt: „Die Bilderwelt, die er uns hinterlassen hat, erhält vieles, beglückende Blumenstücke, zerfahrene Wege, die in begrenzte Tiefe führen und immer wieder Bäume, lebensstrotzende, versehrte, verendete. Architektur finden wir in ihr, Lobgesänge auf kunstsinnige Baumeister voraufgegangener Zeiter, ruinöses Bauwerk auch als Zeichen der Zeitlichkeit wie des menschlichen Irrsinns. Aus seinen Bilder spricht der besorgte Ethiker, den eine tiefe Liebe zu Natur, Mensch und Kunst erfüllt hat. Sie reflektieren Gedanken über Werden und Vergehen, Endliches und Zeitloses, über die Gefährdung der Natur, der Menschen und ihrer Werke, über die Verantwortung des einzelnen und der Gesellschaft, über Lebenswillen, Selbstbehauptung und Schöpfertum. Ein grüblerisches Naturell hat sich da offenbart und auf humanistischem Bildungsgrund Bildgedanken aufgetürmt. Richters Elegien über Verlorenes und Vergehendes verbinden sich zumeist mit Oden an das Leben und die Lebenswerte. Weder ein Elysium noch ein Inferno, wohl aber angetastete und auch von Katastrophen heimgesuchte Lebensräume führte er vor Augen. In seinen Bildern stellte er Vorgänge und Zeichen der Natur in Bezug auf soziale Prozesse und einige grundsätzliche Verhaltensstrukturen dar. Seine Gedanken und Fragen sind ganz in die Bildlichkeit eingangen.“

Abschließend wünsche ich Ihnen einen erlebnisreichen Rundgang durch die Ausstellung bei anregenden Gesprächen.


Gerenot Richter – Malerei und Grafik aus der Kunstsammlung Lausitz,
Ausstellung vom 22.11.2006 bis 14.01.2007

Laudatio: Bernd Gork (*1949),
Lehrer für Kunsterziehung, Musik und Deutsch, Künstler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kreismuseum Senftenberg, Aufbau der Kunstsammlung Lausitz

Abbildung: Gerenot Richter, WV I-25 Tagebau, 1967, Lithographie, Feder / Kreide, 33 x 55 cm


Von Fremdheit und Nähe


Eine Ausstellung in der Galerie Albstadt vom 25. November 2001 bis 13. Januar 2002

Begonnen hatte alles mit den druckgrafischen Blättern von Hans Otto Schönleber (1889-1930), dem Karlsruher Arzt, der nach Ende des 1. Weltkrieges als Künstler in München und Stuttgart arbeitete.

Das „Studio Bildende Kunst" in Berlin-Lichtenberg präsentierte im August / September 1992 – dem „süddeutschen Grafiker zum Gedächtnis", so der Untertitel der Ausstellung – einen Querschnitt seiner Kupferstiche und Holzschnitte. Im Zuge der Vorbereitung eines neuen Werkverzeichnisses und der Gesamtschau der Druckgrafik H. O. Schönlebers in der Städtischen Galerie Albstadt konnte 1996 / 1997 Verbindung zu der Berliner Institution aufgenommen werden.

Die Mitarbeiter des „Studio Bildende Kunst" standen mit der Tochter des Künstlers, Marianne Schönleber, in Verbindung. Einer von ihnen, Volkhard Böhm, war es auch, der – auf Galerien im Bundesgebiet angesprochen, deren Sammlungsschwerpunkt auf Zeichnung und Druckgrafik liegt – den Kontakt zwischen der in Berlin lebenden Ingeborg Richter, Witwe des in Dresden gebürtigen Künstlers Prof. Dr. Gerenot Richter, und der Städtischen Galerie Albstadt herstellte.

Gelegentlich mehrerer Berlin-Aufenthalte wurde aber nicht allein Hintergrundwissen über Sammler und Künstler im Osten sowie das kleine im Südwesten Deutschlands liegende Kunstmuseum ausgetauscht, konzeptionelle Fragen sowie Bild- und Textinformationen weitergegeben, sondern es wuchs eine intensive Zusammenarbeit in der Sache und eine von gegenseitigem Vertrauen geprägte Verbundenheit zwischen Menschen. Distanz weit voneinander entfernter Orte, Fremdsein von Zeithintergründen und Künstlernamen konnten durch die gemeinsame Nähe zur bildenden Kunst überbrückt, überwunden werden.

Weiterbestand einer umfangreichen Sammlung

Ingeborg Richter befand sich zum damaligen Zeitpunkt auf der Suche nach einer geeigneten Heimstatt für einen Teil der gemeinsam mit ihrem Mann Gerenot Richter zusammengetragenen Sammlung druckgrafischer Blätter von in der DDR arbeitenden Künstlern. Mit der Schenkung Gerenot und Ingeborg Richter geht nun – auf Veranlassung der Witwe des Künstlers, ohne deren Einsatz Ausstellung und Katalog nicht denkbar gewesen wären – im Herbst 2001 ein Komplex dieser Privatkollektion in die Graphische Sammlung der Städtischen Galerie Albstadt über. Die Schenkung umfasst 300 druckgrafische Blätter von über 100 Künstlerinnen und Künstlern der DDR aus der Zeit von 1949 bis 1990, worunter sich auch einige Radierungen des verstorbenen Künstler-Sammlers selbst finden.

Gerenot Richter erhielt im Jahr 1955 einen ersten Lehrauftrag für Malerei und Grafik am Institut für Kunsterziehung der Humboldt-Universität Berlin, promovierte 1957, wurde 1971 zum außerordentlichen Professor und 1979 zum Professor mit künstlerischer Lehr-Tätigkeit für Malerei und Grafik an der Humboldt-Universität berufen. Lebendigen Zugang zur Sammeltätigkeit des Ehepaares Richter und außerordentlich kenntnisreiche Einblicke in die (druck)grafische Kunst der DDR vermittelt Professor Peter H. Feist, von 1982 bis 1990 Direktor des Instituts für Kunstgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR, in seinem einführenden Text des vorliegenden Kataloges.

„Für die Sammlung in Albstadt bedeutet die Schenkung vor allem eine Vervollständigung des Sammlungsbestandes einzelner Künstler durch jeweils frühe Werke, aber auch des Gesamtbestandes an DDR-Grafik. [...] Der kundige Betrachter wird Bekanntes finden, seien es nun einzelne Blätter oder Künstlernamen, er wird Neues entdecken und die Vielfalt und den Reichtum des grafischen Schaffens einer Kunstregion erkennen können.“, schließt Volkhard Böhm in sein im Herbst 2001 verfasstes Resümee zur Schenkung Sammlung Gerenot und Ingeborg Richter ein (Typoskript, Berlin 2001).

In der Tat ist in dieser jüngst in die Städtische Galerie überkommene Sammlung mit Werken von Hubertus Giebe, Dieter Goltzsche, Hans Theo Richter, Max Uhlig, Claus Weidensdorfer, Werner Wittig und anderer die Dresdener Kunst gut vertreten, der Tradition – von Otto Dix bis hin zu jungen Dresdener Künstlerinnen und Künstlern – seit Bestehen des Hauses verpflichtet. Darüber hinaus finden mit der Schenkung Richter besonders zahlreich Arbeiten aus dem Ost-Berliner Umkreis, der Leipziger Schule und anderer internationaler Künstler Eingang in die Städtische Galerie und bieten damit Neuland für vielfältige Entdeckungen im Bereich druckgrafischen Arbeitens im Osten.


Der Artikel von Clemens Ottnad wurde entnommen aus dem Katalog zur Ausstellung „Sammlung Gerenot und Ingeborg Richter“, Veröffentlichungen der Galerie Albstadt Städtische Kunstsammlungen Nr. 142 / 2001, ISBN 3-934439-14-4

© VG BILDKUNST Bonn 2001
© Galerie Albstadt und Autoren


Schenkung von Grafiken und Druckplatten


Etwa 100 Grafiken und 20 Druckplatten von Gerenot Richter sollen den Meininger Museen als Schenkung übereignet werden. Die Werke aus dem Richterschen Nachlass passen ausgezeichnet zum Sammlungskonzept der Meiniger Museen freut sich der amtierende Museumsdirektor Winfried Wiegand.

Im Sommer 1997 war unter dem Titel „Meister des Kupferstichs: Gerenot Richter“ eine Ausstellung des 1991 verstorbenen Zeichners und Grafikers in der Elisabethenburg gezeigt worden. Die Meiniger Exposition war auch mit Unterstützung von Ingeborg Richter, der Witwe des Künstlers, zustande gekommen. Damals sei sie von der Arbeitsweise der Museumsleute und der Ausstellung sehr angetan gewesen, sagte Winfried Wiegand. Den von den Meiningern gewünschten Ankauf einiger Kupferstiche konnte sie jedoch seinerzeit nicht ermöglichen, da nur eine geringe Auflage gedruckt worden war. Inzwischen habe sich Ingeborg Richter zu einer Schenkung entschlossen, um das Werk ihres Mannes in „gute Hände“ zu geben.

Die wichtigsten Arbeiten aus dem Schaffen von Richter

Die rund 100 Blatt gehören zu den wichtigsten Arbeiten aus dem Schaffen von Gerenot Richter. Die meisten, darunter auch der Zyklus „Nach dem Sturm“ waren auch in der Meiniger Ausstellung zu sehen. Der Grafikzyklus „dokumentiert die ständige Beschäftigung des Künstlers mit dem geschundenen, abgestorbenen Baum. Die Thematik war in Meiningen durch die Integration echter Äste, die beim Sturm im Schlosspark von den Bäumen heruntergebrochen waren, besonders wirkungsvoll unterstrichen worden.“ (Waltraud Nagel)

„Sehr gefreut haben wir uns über die Druckplatten“, sagte Winfried Wiegand, Bilder und Platten seien eine Bereicherung der Meiniger Sammlungen, auch im Hinblick auf die neugegründete Kulturstiftung. Nachdrucke könne man mit den Druckplatten allerdings nicht herstellen, Gerenot Richter habe sich immer gegen eine kommerzielle Vermarktung seiner Bilder gewandt. Deswegen wurde im Schenkungsvertrag auch eine entsprechende Klausel, die Nachdrucke nur für Museumszwecke erlaubt, verankert.

Zum finanziellen Wert der Schenkung konnte Windfried Wiegand keine Angaben machen, da es, wie er sagte, derzeit „keinen Marktwert“ für die Arbeiten Gerenot Richters gäbe. Der Wert sei daher mehr ideeller Art, aber deswegen kein geringerer. Mit der Übergabe der Schenkung rechnet der amtierende Museumsdirektor Ende Februar bis Anfang März 1998.

Der Beitrag ist eine Zusammenfassung des Presseechos zur Schenkungsvereinbarung des Museums mit der Witwe Ingeborg Richter, u.a. in Freies Wort vom 6.2.1998 sowie im Meininger Tagblatt vom 9.2.1998.

Abbildung: Gerenot Richter, WV II-153 Nach dem Sturm VI, 1982
Farbradierung auf 2 Platten, Mezzotinto, 43,5 x 53,5 cm


Kunstdialoge

Für Gerenot Richters Gestaltungskonzeption und Auffassung ist nicht nur die Auseinandersetzung mit der Realität, sondern auch das Studium älterer und zeitgenössischer Kunst belangvoll gewesen. Dass er die Kunstdialoge über anderthalb Jahrzehnte so eingehend und folgenreich geführt hat, mag zum Teil dem schnellen Fluss jener Zeit geschuldet gewesen sein sowie den vielen Angriffen auf die gegenständliche Kunst in unserem Jahrhundert. Eine große Ehrfurcht vor künstlerischen Leistungen verband sich bei ihm mit der Suche nach festen Werten und dem Bestreben, vorhandene Kunsterfahrungen zu begreifen, zu bewahren und weiterzutragen.

Mit den Bezügen auf Kunstwerke voraufgegangener Jahrhunderte hat er Zeitenlauf und eine geschichtliche Dimension angedeutet und dabei dem kunsthistorisch Bewanderten Impulse vermittelt. Bei seinen Kunstdialogen folgte er keinem Schema, sondern er zeigte sich beweglich und geistreich. Zumeist sind seine Zitate verborgen, oft auch nur Randerscheinung. In der Regel sind seine kunstgeschichtlichen „Erinnerungen“ jedoch alles andere als bloße Zutat, sondern vielmehr Wirkstoffe, die das Vordringen in tiefere Bedeutungsschichten befördern und steuern und Denkrichtungen angeben. Seine Kompositionen leben nicht vom Entlehnten, sondern von den geistigen und formalen Spannungen und Verstrebungen, die mit ihm erzeugt worden sind. So hat er den Dialog mit der Kunst und der Realität zu neuer Kunstrealität geführt, in der sich die Sphären mischen.

Zitate, Variationen und Transformationen

Richters Kunstrezeptionen, d. h. Zitate, Variationen und Transformationen von Motiven namhafter Künstler, sind seinen ganz persönlichen Kunstbegegnungen und Vorlieben erwachsen. Am häufigsten, intensivsten und umfassendsten setzte er sich mit der Bildwelt und Gestaltungsweise Albrecht Dürers auseinander.

In besonderer Weise schlug sich eine große Ehrfurcht vor diesem Künstler in den vier Blättern „Zu Dürers 450. Todestag“ (1977) nieder sowie auf den Darstellungen „Frühling mit A.D.“ (1982), „D 1500 – Das Meerwunder“ (1985) und „Gleichnis III (Eustachius)“ (1987).

Die querformatigen Kompositionen erstgenannter Folge umfassen ein Stillleben und drei Küstenlandschaften mit Zitaten aus Tiefdrucken des großen Nürnbergers. Mal sind es Bildfiguren oder Gewanddraperien, die aufgenommen worden sind, mal ist auch ein winziges Schiff oder ein fantastisches Tier aus der fernen Bildwelt herübergeholt worden. Mal sind es vorwiegend inhaltliche, mal mehr formale Interessen, die zur Übernahme verleitet haben. Auf dem Blatt „Der Traum“ ist am rechten Bildrand ein Stück von Dürers um 1497 / 1498 geschaffenem „Traum (Versuchung)“ zu sehen, und zwar ein Fuß des Träumers und der auf Stelzen gehende Putto. Bekenntnishaft gab Richter daneben sein Selbstbildnis wieder, nämlich als Spiegelung auf einer großen Glaskugel. Mit Lupe und Radiernadel erscheint er dort, den Betrachter fixierend. Links im Hintergrund deutete er eine eigene Radierung an, die eine alte Weide wiedergibt. Auch hinsichtlich der Erfassung von Stofflichkeit ist Richters „Traum“ ein Meisterstück.

Auf einem anderen Blatt der Folge, „Melencolia“ genannt, bildet das faltige Gewand der Melancholie aus Dürers 1514 entstandenem Meisterstich eine Steilküste, deren Furchungen und Verwerfungen mit dem im Vordergrund barrierenartig lagernden Treibholz korrespondieren. Der Schoß von Dürers Bildfigur lässt hier an die Mutter Erde denken, andererseits auch an Landschafts- und Objektverhüllungen Christos, so an dessen Verpackung eines zwei Kilometer langen Küstenstreifens bei Sidney. Hoch am dunklen Himmel fliegt jenes fledermausähnliche Tier aus demselben Stich Dürers.

Auf einem weiteren Blatt der Folge, Richter hat es „Das große und das kleine Glück“ bezeichnet, ist hingegen nur ein im Winde wehendes Tuch, das um einen in der Erde der Steilküste steckenden Stock gewunden ist, Dürer verpflichtet, nämlich den reich drapierten Tüchern auf den Kupferstichen „Nemesis oder das Große Glück“ (um 1501/1502) und „Fortuna oder das Kleine Glück“ (um 1496).

Richter setzte das Zitierte in Beziehung zu einem am Strand liegenden Liebespaar, einem anderen kleinen oder großen Glück. Das vierte Blatt der Folge, es trägt den Titel „Meerwunder“, enthält im Mittelgrund drei Badende und eine am Ufer Lagernde sowie ein Segelschiff in der Ferne als Zitate aus Dürers „Meerwunder“ (um 1498). Der Bildbetrachter blickt auf die schönen Frauen und vergisst das faszinierende Motiv mit der am knorrigen Stamm hängenden Kamera aufzunehmen. Hier zitierte Richter mit ironischem Augenzwinkern.

Eine Kunstbegegnung in doppelter Weise

Schließlich sei in diesem Zusammenhang noch etwas zu der fünf Jahre nach der Folge angefertigten Kaltnadelradierung „Frühling mit A.D.“ gesagt. Hier tritt nun der Betrachter vor das Fenster und begegnet dem Blick eines Dudelsackpfeifers, der da am kahlen Baum lehnt und volkstümliche Weisen spielt. Er entstammt dem frühen 16. Jahrhundert, genauer gesagt, einem Stich Dürers aus dem Jahre 1514. Es handelt sich gewissermaßen um eine Kunstbegegnung in doppelter Weise: mit einem Musizierenden und zugleich mit einer Kunstfigur.

Die zunächst sonderbar anmutende Gestalt bringt sozusagen ein Ständchen, grüßt aus der Vergangenheit herüber. Oder weist sie auf den Abgesang alles Überlebten, oder verabschiedet sie nur den Winter? Oder kündet sie „Neues“ im alten Gewande an? Auf sonnigem Fensterbrett stehen blühender Ritterstern und treibender Rhabarber, daneben windet sich ein dürres Blatt aus dem verwichenen Jahr, Zeitlichkeit und Vergänglichkeit andeutend. Daneben liegt ein Schneckenhaus als Sinnbild der Geborgenheit. Das Stillleben beschreibt im Vordergrund eine Wellenlinie, die nach Auffassung des englischen Malers und Grafikers William Hogarth die Linie der Schönheit ist.

Natürlich steht dieser Fensterausblick in einer langen künstlerischen Tradition. Im 19. Jahrhundert kamen sogenannte Fensterbilder häufig vor. Und damals wie heute wird mit dem in ihnen gestalteten Verhältnis von Innenraum und Außenwelt auch das von Individuum und gesellschaftlicher wie natürlicher Umwelt reflektiert. Häufig wurden gerade mit dem Motiv des geöffneten Fensters Hoffnungen und Sehnsüchte angedeutet. Auch diese Radierung lässt sie anklingen und darüber hinaus Freude über einsetzende Erneuerung, die der beginnende Frühling verheißt. Richter machte hier das Dürerzitat zum Angelpunkt der Komposition. Schon nach flüchtigem Blick wird die entliehene Bildfigur be- und hinterfragt. Sie bewirkt die seltsame Begegnung und lässt an ein historisches Genrebild denken.

Schongauer, Altdorfer, Pieter Bruegel d. Ä.

Außer Dürer zogen Richter auch noch andere namhafte Künstler jener Zeit in ihren Bann, so Martin Schongauer und Albrecht Altdorfer. Einen stillebenartigen Naturausschnitt nannte er „Für M. S.“. Dort erscheint ganz unauffällig links unten im Bild eine winzige Fantasiegestalt, die sich an das lanzettförmige Blatt der Blumenstaude klammert. Sie ist, leicht abgewandelt, Schongauers Kupferstich „Heiliger Antonius, von Dämonen gepeinigt“ (1473) entlehnt.

Anlässlich von Altdorfers 450. Todestag radierte Richter die kleine Kupferplatte „Verneigung“ (1988). Der Titel deutet nicht nur die Ehrerbietung an, sondern bezieht sich vor allem auf das Hauptmotiv der dargestellten Landschaft, auf den sich neigenden alten Baum, unter den ein Altdorferscher Putto den Schild mit dem Signet des Geehrten hält. Kurz nach Fertigstellung hat Richter geklagt: „A. A. war eine Quälerei, da ich eine Mischung aus Kopie und freier Nachgestaltung versuchte.“

Neben Dürer hat ihn der Malerphilosoph Pieter Bruegel d. Ä. am meisten fasziniert. Vor allem dessen Auffassung von der Landschaft als Gleichnis vom beständigen Werden und Vergehen erregte sein Interesse, aber auch die einprägsamen und plastisch-prägnant geformten Bildfiguren und das Schalten und Walten mit Verfremdungen und Raumbildungen hatten es ihm angetan.

Entnahm Richter für seine großformatige Komposition „Ging heut' morgen übers Feld (Gustav Mahler 1884)“ Bildfiguren aus den jetzt in Wien befindlichen Gemälden „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ und „Bauernhochzeit", so zitierte er auf der Radierung „Manneken Pis“ (1986) einen das Wasser Abschlagenden aus den „Zwölf Sprichwörtern“ (zwölf Rundbilder auf einer Holztafel, um 1560, Antwerpen, Museum Mayer van den Bergh). Aber während auf der Darstellung des Niederländers die Figur den Strahl auf die Sichel des zunehmenden Mondes richtet und auf diese Weise ein altes Sprichwort verbildlicht, das die Pechsträhne eines Mannes beklagt, zeigt das Bild Richters diese Gestalt im Mittelgrund einer Landschaft mit knorrigen Baumriesen, mit leiser Ironie Kreisläufe allen Lebens andeutend.


Der Text wurde entnommen aus:
Lammel, Gisold., Meister des Kupferstichs – Gerenot Richter
Hrsg. von G. Brandler, Edition Schwarz Weiß, Spröda 1997


Zur künstlerischen Entwicklung, Auffassung und Gestaltungsweise

Seine Lehrer Reinhold Langer, Hermann Bruse, Heinrich Burkhardt und Fritz Dähn, um nur die wichtigsten zu nennen, haben seine Bildsprache kaum beeinflusst. Das meiste verdankte Gerenot Richter dem Studium von Natur und älterer Kunst. Daneben verarbeitete er Anregungen aus Wissenschaft und den Künsten. Da er auch Geografie studiert hatte, behielt er einen wachen Blick für das Gebautsein eines Landschaftsraums und die Beschaffenheit von Gestein.

Nicht unerwähnt darf hier seine enge Verbindung zur Musik bleiben. Er spielte Geige und gelangte mitunter zu Bildstrukturen, die auch an Tondichtungen erinnerten. Gelegentlich gab er Musizierende wieder und ehrte Komponisten wie Beethoven und Mahler in Bildern. Besonders gern hörte er Werke von Wagner (vor allem den „Ring“), Mahler und Bach.

Seine Bildauffassung wandelte sich im Laufe der Jahre. Um 1970 entstanden vornehmlich statische, mittelgrundbetonte, erzählerische und romantisierende Landschaften, um 1974 / 1975 vor allem dynamische Kompositionen, die deutlich Prozesshaftes reflektierten und in denen lange parallele Strichbahnen Bewegung suggerierten.

In der Folgezeit, der Zeit der Reife, herrschten dann die stillen, detailreichen, vordergrundbetonten Bildräume vor, in denen Stofflichkeit und Formenvariation in bis dahin nicht gekannter Reichhaltigkeit erschienen und sich seine Neigung zum Horror vacui entfaltete. Zudem regte sich in steigendem Maße das Interesse für spannungsvolle Kompositionen und weitergehende Differenzierung der Wertigkeit unterschiedlicher Bildelemente. Am Ende seines Schaffens versuchte er, die Formenfülle zu reduzieren und mehr Leerflächen in die Bildrechnung einzubeziehen.

Mitte der 1970er Jahre hatte Gerenot Richter seine Kunstkonzeption ausgebildet. Alles, was er vordem geschaffen hatte, war, an Späterem gemessen, nur Erkundung von Gestaltungsmöglichkeiten und Suchen einer ihm gemäßen Ausdrucksweise. Er erreichte dieses Ziel in einem Prozess großer produktiver Anspannung und durch die schon erwähnte Beschränkung auf den Tiefdruck.

Die Folgen „Strandläufer“ (1976 / 1977 und 1981), „Zum 450. Todestag Dürers“ (1977) und Einzelblätter wie „Fossile Braunkohle“ (1977) und „Am Bodden bei Niehagen“ (1978) standen am Beginn seiner reifen Zeit. Die Folgen „Nach dem Sturm“ (1980 / 1982) und die „Großen Gleichnisse“ (seit 1983) markierten dann die Gipfellinie seines Schaffens.

Vorliebe für Bildreihen

Richters Vorliebe für Bilderreihen ist unübersehbar. Allerdings verzahnte er die einzelnen Darstellungen nicht so miteinander, dass die Herausnahme oder Hinzufügung eines Bildes undenkbar gewesen wäre. Die Verstrebungen der Kompositionen zum komplexen Werk waren also zumeist recht locker. Mithin ging es ihm mehr um Bilderfolgen als um Bilderzyklen, denn letzteren liegt eine konzentrierte Regie und Dramaturgie zugrunde, die eine schlüssige und abgerundete Einheit bewirkt. Dennoch hat es natürlich in Richters Bilderfolgen immer auch übergreifende Gesichtspunkte gegeben.

Seine Arbeiten offenbaren ein reges Wechselverhältnis von Bewußtem und Unbewußtem. Zwar begegnen wir durchdachten, aber keineswegs ausgeklügelten und bis ins letzte ausgetüftelten Bildlösungen. Seine Fabulierkunst hat sich nicht ins Joch spannen lassen. Deshalb übertrug er niemals unverändert eine Zeichnung auf die Druckplatte.

Folgte seine Bildgestaltung auch keinem festen Plan, so zeigte sie doch Vorlieben, so beispielsweise die für Nahsichtlandschaften mit stillebenhaft ausgeformtem Vordergrund, der sich barrierenartig über die gesamte Bildbreite entwickelt und den Bildraum schwer zugänglich macht. Des öfteren begegnen wir auch einer dualistischen Raumstruktur, die mit einer auffälligen Mittelgrundschwächung verbunden ist. Seine Bildräume folgen keiner Zentralperspektive. Bildtiefe erzielte er durch Überschneidung, Überdeckung und Staffelung von Formen.

Hang zu irritierender Kombinatorik

Seine Bildschöpfungen weisen mitunter eine irritierende Kombinatorik auf. Dabei hat er immer vermocht, scheinbar Disparates zu höherer geistiger Bedeutsamkeit und stimmungshaftem Bildganzen zu bringen. Freilich ist es manchmal gar nicht so leicht, im kunstvollen Dickicht der Formen den Schlüssel zum Bild ausfindig zu machen. Menschen erscheinen in seinen Bildräumen zumeist recht klein und als Teil eines großen Ganzen. Sie drängen nicht aus dem Bild, sie sind unterwegs oder verharren und deuten Beziehungen zur Umwelt an.

Die Tendenz zur feinen Durchbildung des einzelnen ist bei seinen Grafiken ebenso auffällig wie die Zusammendrängung vieler Einzelheiten. Die dichte Versammlung der Formen nimmt oft das gesamte Bildfeld in Anspruch und offenbart dabei einen feinen Sinn für ornamentale Wirkungen. Seine Kompositionen durchströmt ein eigener Rhythmus, der dem Einordnen aller Teile unter eine Gesamtwirkung dienlich ist.

Die Rhythmisierung von Strichen und Liniengefügen verdichtet, vertieft, schafft Umrißverwandtes, stellt Formenbezüge her und erfasst die vielgestaltigen Strukturen seiner gegenständlichen Welt. Besagte Strukturen geben nicht nur Auskunft über Formenverlauf, Oberflächenbeschaffenheit und Aufbau des Materials, sondern helfen mit, bestimmte Stimmungswerte zu erzeugen. Oft schwelgte Richter förmlich in verkräuselten und sich windenden Linien, komplizierten Strichgefügen und subtilen Abstufungen von Tonwerten.

Vom Kupferstich beeinflusste Radiertechnik

Gerenot Richter hat sich eine vom Kupferstich der deutschen Renaissance beeinflusste Radiertechnik zu eigen gemacht. Seine Bilder webte er nicht mit einem einheitlichen Raster von Strichen oder Punkten, sondern er benutzte vielfältigere grafische Elemente. Dadurch hat er den verweilenden Augen reichliche Nahrung geboten.

Die Auseinandersetzung mit der Kunst der „Dürerzeit“ führte ihn zur Erweiterung und Perfektionierung eigener grafischer Mittel. Auf diesem Wege gelangte er zur Charakterisierung von Materialität und zur abstrakten Füllung der Felder zwischen den Gegenständen, zu Möglichkeiten der Schaffung von formklärenden Tonwerten sowie der rhythmischen Einbindung der Details ins Bildganze. Meist ging er bei der Gestaltung von Strukturen mit Konturlinien mit und deutete so Ausdehnung, Wachstum und Bewegung an. Gelegentlich ließ er aber auch Strichgefüge sich gegen diese Konturlinien stemmen, somit eine zusätzliche Spannung bewirkend.

Sehr oft bezog Gerenot Richter die Aquatinta in die Gestaltung ein, um einerseits durch Zurücknahme von Detailhärten eine stärkere Vereinheitlichung der Teile zu erwirken, andererseits, um atmosphärische Wirkungen und Stimmungswerte einzubringen. Weder Effekthascherei noch leichtfertiger Verzicht auf Formenklärung bestimmten dabei sein Tun. Auch wenn er von vornherein die Aquatintatönung in seine erwünschte Bildwirkung einbezog, erfasste er zunächst alle Elemente fest und klar, wissend, dass viele der Linien und Strukturen dann verdämmern oder sogar völlig verschwinden.


Dieser Text wurde entnommen aus: Lammel, G., Meister des Kupferstichs – Gerenot Richter
Hrsg. von G. Brandler, Edition Schwarz Weiß, Spröda 1997


Neue Austellungsreihe startet mit Gerenot Richter


Unter dem Titel Meister des Kupferstichs begann in der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz eine neue Ausstellungs- und Publikationsreihe.

Parallel zur Ausstellung erschien das Buch „Gerenot Richter – Meister des Kupferstichs“. Mit diesem Blogbeitrag verweisen wir auf die sehr erfolgreiche Ausstellung 1997 in Greiz und zitieren an dieser Stelle aus dem Vorwort von Gotthard Brandler, dem Direktor der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz.

Der Terminus Kupferstich

Der Terminus Kupferstich wird von uns hier in der kunsthistorisch eingeführten Weise als ein Oberbegriff für die unterschiedlichen Techniken des Tiefdrucks verstanden. Ausgewählt werden Künstler, die in einem engeren oder weiteren Sinnen die großen und reichen Traditionen des Kupferstichs in Deutschland und andernorts bis in die Gegenwart fruchtbringend fortgeführt haben.

Nicht zufällig wird zum Auftakt der neuen Reihe des Werk des Berliner Künstlers Gerenot Richter (1926-1991) vorgestellt. Denn seine Arbeiten bieten wahrhaft Meisterliches auf dem Gebiet des Kupferstichs. Auch erhellen sie geradezu paradigmatisch und auf faszinierende Weise die fruchtbar gewordenen Beziehungen zu den Altmeistern.

Das bedeutet nicht, dass sich Gerenot Richter historisierend oder als Kopist verhalten hätte. Vielmehr ist der Reichtum der in Jahrhunderten geschaffenen Formen und Liniensprache der Stecherkunst in einem sehr gegenwärtigen Werk aufgehoben.

Auch reicht es nicht, bei Richter allein von einer Perfektion des Handwerks zu sprechen. Perfektion allein mündet allzuschnell in eine sterile Künstlichlichkeit und Manieriertheit, die im wahrsten Sinne oberflächlich bleibt.

Nein, Richter erweist sich nicht nur als ein perfekter Stecher, sondern als ein Meister. Ihm gelingt es, das Sinnlich-Wahrnehmbare durch das Ich des schaffenden Menschen so zu verwandeln, dass das Kunstwerk in seiner sinnlichen Wahrnehmbarkeit zugleich Zeugnis von etwas Geistigem ablegt. Die äußere Erfahrungswelt wird auch innerlich seelisch durchdrungen. Voraussetzung dafür ist ein Empfinden gegenüber den in der Natur verborgenen Geheimnissen.

Gleichnishafte Welten- und Seelenlandschaften

Der Richtersche Mikrokosmos weitet sich zum Makrokosmos, zur gleichnishaften Welten- und Seelenlandschaft. Und der Künstler in seinem Gehäuse erschließt sich über den genauen und wissenden Blick auf das Gegenständliche, Naheliegende die Welt und eine Ahnung von der Schicksalhaftigkeit menschlicher Existenz.

Beispielhaft steht dafür das Blatt "Der Traum des Podagristen – Dürers 450. Todestag" vpm 1977. Dargestellt ist ein recht eng gefasster Ausschnitt aus der Arbeitsstätte des Künstlers. Rechts im Bild noch ein Teil des bekannten Dürer-Blattes "Der Traum – Die Versuchung" (um 1497 / 1498) zu erkennen, links eine eigene Arbeit. Nicht von ungefähr gerät hier gerade das Details des Kupferstichs von Dürer ins Bild, das einen auf Stelzen gehenden Putto neben einer Kugel darstellt.

Der Künstler selbst in seinem Atelier, mit aufgesetzter Lupe und mit der Radiernadel in der Hand, erscheint als Spiegelung auf einer Glaskugel. Doch ist dies ja nicht die bloße Darstellung eines Widerscheins. Er erinnert an die philosphischen und künstlerischen Erkenntnisse eines Jakob Böhme oder eines Albert Dürer. Die Kugel als ein Symbol des Kosmos, der Ganzheit, der Vollkommenheit, aber auch der Seele. Im Bild des Runden und der Kugel kommen Kosmos und Mensch, sinnlicher und ethischer Wert in einem Idealzustand zur Vollendung. Die Weltkugel ist aber zugleich auch ein Zeichen der unsteten Göttin des Glücks in Wechselbeziehung zu den Mächten Zeit, Vergänglichkeit und Tod.


Gerenot Richter besaß in seiner Persönlichkeit und in seiner Kunst eine ethisch-moralische Eigenschaft, die man nur mit dem in der heutigen Gesellschaft außer Gebrauch geratenen Begriff der Demut bezeichnen könnte. Nicht im Sinne von Ergebenheit, sondern im Sinne einer Achtung vor der Natur, der Schöpfung und des Schöpferischen im Menschen selbst.


Nicht im Sinne von Ergebenheit, sondern im Sinne einer Achtung vor der Natur, der Schöpfung und des Schöpferischen im Menschen selbst. Und so beinhalten zahlreiche seiner Arbeiten nicht zufällig einen Dank an seine großen Vorgänger.

Persönliche Begegnung

Im Jahre 1987 durfte ich Professor Gerenot Richter im Zusammenhang mit einer Ausstellung noch persönlich kennenlernen. Vermittelt hatte diese Begegnung Dr. Gisold Lammel, der beste Kenner des Richterschen Werkes. Schon damals hat mich die Bescheidenheit, aber auch der Kenntnis- und Empfindungsreichtum des Künstlers sehr beeindruckt.

Allerdings bedurfte es noch einiger Zeit, um die künstlerische und ästhetische-philosophische Dimension des Werkes von Gerenot Richter tatsächlich zu erfassen. Um so dankbarer bin ich, dass mich nun zehn Jahre später Gisold Lammel – mit Unterstützung von Frau Ingeborg Richter – dazu ermutigt hat, die schon länger geplante Reihe "Meister des Kupferstichs" beginnend mit Gerenot Richter, in Greiz ins Leben zu rufen. So kann dieses Vorwort auch nur eine Dankeswort sein für das Werk, das der Künstler uns hinterlassen hat.


Text: Gotthard Brandler, Direktor der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz

Der Artikel wurde entnommen aus: Lammel, G., Meister des Kupferstichs – Gerenot Richter
Hrsg. von G. Brandler, Edition Schwarz Weiß, Spröda 1997

Den Text von Gisold Lammel aus diesem Katalog können Sie hier nachlesen.


Gerenot Richter als „Meister des Kupferstichs“ im Greizer Sommerpalais

Zur Frühjahrszeit sollten wir kleine Entdeckungsreisen nach nebenan machen, um uns in sanfte und dennoch kraftvoll beredte Kunstdinge zu vertiefen, ja, versenken.

Warum nicht das Radierwerk des Gerenot Richter (1926–1991) in vollem Umfang entdecken? Zum Glück hat seine Witwe Ingeborg Richter den kompletten grafischen Nachlass zum Ausstellen freigegeben. Und zum doppelten Glück war eine vorzüglich edierte Katalog-Monografie pünktlich zur Eröffnung im Sommerpalais Greiz Ende März präsent. Der Berliner Kunsthistoriker Dr. Gisold Lammel interpretiert darin gründlich und kenntnisreich „Gerenot Richters gleichnishafte Bilddichtungen“. Und die etwa 60 Abbildungen ermöglichen detaillierte Einblicke in Richters Bildwelt.

Greiz ist für diese „Meister des Kupferstichs“ betitelte Ausstellungsreihe durch die hier beheimatete „Bücher- und Kupferstichsammlung“ ein idealer Ort. Zur Eröffnung umriss Dr. Lammel Wesentliches am Phänomen Gerenot Richter: Als immer schon Lehrender reifte er als ständig Lernender an den Renaissancemeistern mit Dürer an der Spitze.

Grüblerischen Naturells, zeichnete der besorgte Ethiker sein Mitempfinden mit der geschundenen Natur. Sinnlich Wahrnehmbares ins Geistige, ja, in philosophische Bereiche zu transponieren, war sein Ziel. Die in ihren überfeinerten Tonwerten auf den ersten Blick konventionelle Formsprache enthüllt auf den zweiten Blick ein Wachstumsadern und Bewegungslinien nachspürendes filigranes Geflecht.

Affinität zu wachsendem und vergehendem Holz

Beim Rundgang durch den noch winterlich kühlen Gartensaal wurde mir schnell warm ums Herz. Eigene Naturerlebnisse und Kunsterfahrungen wurden schnell lebendig. Die mir ungeheuer vertraute Affinität zu wachsendem und vergehendem Holz bewegte mich mindestens ebenso sehr wie die vergleichende Kunstbetrachtung zu künstlerischen Zeitgenossen und Weggefährten.

Ist der magisch verklärte, aber handwerklich grundsolide Realitätssinn dieser Kunst mit einer Vokabel wie „modern“ überhaupt erfassbar? Prallt das ideologische Verdikt für „Realismus“ daran nicht ebenso ab wie der Vergleich mit dem gefälligen Marktgängigen? Wobei zu letzterem kurioserweise das oberflächliche Gerenot-Richter-Epigonentum eines Walter Herzog ebenso gehört wie die mit Millionenbeträgen aufgewogene Kunstproduktion eines Gerhard Richter. Der eine Richter ging aus Dresden in die weite Welt, den Kunstmarkt zu beherrschen, der andere kam von Dresden nur bis Berlin, der Ausbildung von Kunsterziehern zu dienen.

Sei es drum. Schön zu sehen, wie diese feinsinnigen Nachspürungen an Holz- und Steinformen und Wasserströmen weiterhin ein hoffentlich nicht nur sächsisch-thüringisches und berlinisches Publikum finden. Und einen aufgeschlossenen Museumshausherrn in Greiz wie Gotthard Brandler sowie einen tüchtigen Verlegerfotografen wie J. M. Pietsch mit seiner „Edition Schwarz Weiß“ in Spröda bei Leipzig.

Was übrigens Greiz und sein Sommerpalais betrifft – da gibt es noch dieses Jahr im August wieder eine Karikaturen-Triennale. Tatsächlich – und genauso ernst gemeint wie „Meister des Kupferstichs“.


Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz: Gerenot Richter.
Meister des Kupferstichs.

Abbildung: Gerenot Richter, WV II-072 Fossile Braunkohle, 1977, Radierung, 24 x 32 cm

Text: Harald Kretzschmar


Ausstellung in der Werkstattgalerie b.(tont) und im Cafe‘ KaD Kadiner Str. 11 und 16


Aus der Laudatio von Dr. Ljudmila Bruchholz

Ein Jahr ist seit dem Tag vergangen (05.01.1991), als Gerenot Richter, Jahrgang 1926, an den Folgen einer unheilbaren Krankheit starb. – Seine Kunst lebt! Heute umgibt sie uns in den Räumen dieser Galerie; atmet sie seine Seele.

Die hier gezeigten Kaltnadel-Arbeiten, Aquatinten und Radierungen sind dem Schaffen eines Mannes geschuldet, der in unvergleichlicher Weise leidenschaftlicher Künstler, verlässlicher Mensch, wacher Zeitgenosse, begnadeter Lehrer war. Mehr als 30 Jahre wirkte er am Institut für Kunstpädagogik der Humboldt-Universität.

Gerade in diesem Moment, da wir die Eröffnung dieser Ausstellung zum Anlass nehmen, um seiner zu gedenken, leben meine Erinnerungen an Gerenot Richter auf, Erinnerungen an Augenblicke aus dem ersten und dem letzten Jahr unserer Bekanntschaft.

1969 saß ich als schüchterne Oberschülerin im Eignungsgespräch der künstlerischen Aufnahmeprüfung zum Studium der Kunsterziehung dem seinerzeit schon bekannten Grafiker, Hochschullehrer gegenüber: Er war mir von Beginn an in seiner leisen, feinsinnigen Art symphatisch. Ohne die sensible Einfühlung, die behutsame Nachfrage durch Gerenot Richter, ohne sein wunderbares Lächeln, das Mut machte, hätte ich wohl kein Wort herausgebracht, geschweige denn meine mitgebrachten künstlerischen Übungsblätter zu kommentieren vermocht…

Studium, Forschungsstudium, Assistententätigkeit meinerseits in den folgenden Jahren machten uns zu Kollegen. Respekt, menschliche Wärme, Freundschaft – diese Stichworte vor allem charakterisieren meine Beziehung zu Prof. Gerenot Richter.

Unvergessen wird mir ein Gespräch bleiben, das wir – er, der verehrte Professor und ich, die Studentin – auf einer Bahnfahrt unterwegs nach Rügen ins künstlerische Praktikum hatten. Sommer 1974: mein Vater war gerade ein halbes Jahr vorher gestorben, meine Mutter, damals wenig älter als ich heute, blieb ohne den Lebensgefährten zurück. – Auf meine, ihn sichtlich überraschende Frage nach der Liebe, der großen Liebe des Lebens, erzählte er mir von seiner Frau Ingeborg, ihrer ersten Begegnung und dem Leben mit ihr. Wohlwissend um meinen Schmerz, um den Verlust des Vaters, die Sorge um die Mutter und die leise Angst einer 23-Jährigen, der erfüllten Liebe selbst nicht mehr zu begegnen, sprach er aufrichtig, ein wenig befangen, voll Lauterkeit über seine Gefühle … Wer ihn so erlebt hat, wird verstehen, warum ihn seine Studenten nicht nur verehrten, sondern ihm zugeneigt waren.

1990 schrieb er mir zur Antwort auf meinen Neujahrsgruß, eine Farbfotografie, die meinen 10-jährigen Sohn von einem 100-jährigen Efeubaum an der historischen Stadtmauer Templins zeigt: "Eine gelungene Bildidee: Wie erhaben ist doch die Natur und der Mensch, ihre Krönung, ein Teil von ihr. Diese für mich letzten Worte Gerenot Richters kennzeichnen treffend die inhaltliche Gerichtetheit, die Grundstimmung, die vielen seiner künstlerischen Arbeiten innewohnt.


Seine Radierungen, Aquatinten und Kaltnadel-Arbeiten geben poetisches Zeugnis von der Urgewalt der Natur, der Zeitlichkeit alles Lebendigen, der Endlichkeit menschlichen Tuns. Sie erfordern bei ihrer Betrachtung Muße bzw. haben diese zwangsläufig zur Folge. Du kannst dich der verhaltenen Melancholie der Blätter kaum entziehen, gehst in Dich gekehrt, wacher, sinnlich reicher aus dieser stillen Zwiesprache hervor.


Unterschiedliche Gründe haben Sie heute Abend bewegt, dieser Ausstellungseröffnung beizuwohnen. Freunde, Verwandte, Kollegen, Studenten, Gäster der Galerie, Kunstliebhaber haben sich zusammengefunden. Viele verschiedene Bedürfnisse treiben uns, Werke der bildenden Kunst zu betrachten. Speziell den hier gezeigten Blättern Gerenot Richters gilt jetzt unsere Aufmerksamkeit.

In der neueren Kunsttheorie gibt es Entwicklungen, die sich nicht auf die ikonografische Deutung oder den historischen Bildbegriff berufen, sondern sich primär auf die sinnliche Anschauung eines jeweiligen Kunstwerkes konzentrieren. Infolgedessen wendet sich das Interesse wieder stärker dem Sehen zu. Der Betrachter kann im Prozess des Sehens aktiv die Bildwirkungen erfahren, die einer begrifflichen Identifikation vorausgehen. Gerenot Richters grafische Blätter rufen vielfältige Assoziationen hervor. Da sie gegenständlich angelegt sind, geben sie sich mit ihren Anhaltspunkten und Bezügen zur älteren Kunst als Herausforderung zur Interpretation. Sie bieten aber auch ohne deren eindeutige Entschlüsselung eine Herausforderung zum Sehen.

Betrachten wir nun – dieserart gerüstet – eine kleine Auswahl von Werken des hier Gebotenen, konzentrieren wir uns auf die Besonderheiten der Bildgestaltung. Die Bilderwelt, die uns Gerenot Richter hinterlassen hat, enthält vieles. Das Blatt "Die neue Friedrichsbrücke" (1987), Radierung und Aquatinta, lässt wir andere Arbeiten zum Ende der 1980er Jahren die Verwurzelung Gerenot Richters in der Stadt Berlin, in der er mehr als 36 Jahre lebte, erkennen. Vor allem Berlin Mitte verdankt er zahlreiche künstlerische Anregungen, besonders der Gegend zwischen Museumsinsel, Oranienburger Straße, Friedrichstraße, Unter den Linden, also seiner unmittelbaren Arbeitsumgebung: Burgstraße 26, Dachgeschoss.

Ein Schwerpunkt seines künstlerischen Ringens liegt zweifelsfrei in der Gestaltung von Naturlandschaften, besser gesagt Nahsicht-Landschafts-Ausschnitten, die unserem Blick Abenteuer beim Durchstreifen des den Vordergrund filigran überwuchernden Formendickichts bereiten. Stellvertretend für diesen Schaffensbereich möchte ich kurz auf das Blatt "Gleichnis" aus dem Jahr 1983 eingehen.

Es gäbe viel zu sagen über diese Radierung und Aquatinta. Jeder mag auf seine Art der Faszination des zerborstenen Baumtorsos erliegen. Mich fesselt, wie Gerenot Richter vermittels einer unglaublichen Präzision und Schärfe der Linien die Sprödigkeit, ja nahezu das Krachen des Holzes suggeriert und andererseits die organische Regsamkeit eines üppigen Pflanzenwuchses lebendig werden lässt.

Die Kombination von lebender und toter Materie (üppiger Pflanzenwuchs hier und gestürzter Baum dort) kann als Metapher für einen über das konkret Gesehene hinausreichenden größeren Sinnzusammenhang verstanden werden, nämlich als Hinweis auf den ewigen Kreislauf der Natur. Aber auch ohne diese Gedankenassoziation ist das Bild packend, wird der Betrachtr in die Dynamik des dramatischen Geschehens hineingezogen: Der Blick wird geleitet von rechts unten entlang der zunächst geneigten Linien des Wurzelgeflechts, folgt dann der Senkrechten des zersplitterten Baumstumpfes, stürzt jäh in die Tiefe der größten Helligkeit der Grafik, was uns das Schmerzhafte des Zerbrechens erst recht bewusst macht, um sich, angezogen von den konzentrisch um sich greifenden Ästen der Baumspitze, atemlos auf der linken Bildhälfte wiederzufinden. Die Zickzacklinie des tiefliegenden Horizonts bildet einen keilförmigen Einschnitt von großer Helligkeit, der sich von oben in das Zentrum des Geschehens bohrt. Dieser Akzent erfährt inmitten feinster Zwischentöne und subtilster Tonwerte eine Steigerung hin zum polaren Hell-Dunkel-Kontrast am Baumtorso.

Gerenot Richter fühlte sich handwerklicher Gediegenheit verpflichtet; solange er es gesundheitlich vermochte, druckte er alles, was an Druckgrafik entstand, selbst. Im letzten Schaffensjahr vertraute er seinem jungen Kollegen Helmut Müller das Drucken an.

Intensives Naturstudium fand Niederschlag in Gerenot Richters Handzeichnungen, die er eigentlich selten unüberarbeitet gedruckt hat. In seinen letzten Kaltnadel-Arbeiten, einer Kassette mit dem Titel "… und die Erde wird lange feststehen und aufblühen im Lenz" hat er dies getan. Die für sein Œuvre nicht gerade typische impressionistische Gestaltungsweise kommt hier zum Tragen. Die optischen Eindrücke der eher flüchtigen Skizzen hat er in seiner letzten Radierung "Herbstlicht (für Ingeborg", (1989), verdichtet und in ein geradezu unwirkliches Licht getaucht…

An dieser Stelle übergebe ich das Wort meinem Künstler-Kollegen Helmut Müller, dessem Engagement vor allem das Zustandekommen dieser Ausstellung zu danken ist.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Ausstellung in der Werkstattgalerie b.(tont) und im Cafe‘ KaD Kadiner Str. 11 und 16 | Februar 1992

Zum Tod des Berliner Grafikers Gerenot Richter

Er war ein nobler Mann. Von einer leisen, taktvollen, feinsinnigen Art. Dem das Grelle ebenso fremd zu sein schien wie Denunziation und Marktgeschrei. Gerenot Richter bot sich nicht an, er war da. Auch für uns. Mehr als zehn Jahre hindurch betreute er, was zum Besten der Jungen Welt zu rechnen ist, die hauseigenen Grafik-Serien, und leicht gemacht wurde es weder ihm, dem Berater und Gutachter, noch den Künstlern und Redakteuren.


Wenn es nur das Geschmäcklerische gewesen wäre, das sich zum Scharfrichter aufschwang über wochenlange Mühen um ein grafisches Blatt, könnte man noch im Nachhinein darüber lächeln, aber es war der jämmerliche Untertanen- und Karrieregeist, der die Urteile diktierte, manches verhinderte oder verbot. Im Namen des Klassenkampfes. Wer wird das später begreifen? Wer wird ermessen können, wie schwer angesichts dessen auch Prof. Gerenot Richters Geduld wog? Bis es nicht mehr ging, weil die Borniertheit in Ekstase geriet. Das war 1985, der Internationalen Grafikserie zu den Weltfestspielen in Moskau folgte die JW-Inquisition, die sich natürlich nicht an ihm austobte, ihn aber betraf.

So verloren wir einen lauteren Menschen, einen verläßlichen Partner und leidenschaftlichen Künstler. Der Schatten jener Schuld trifft uns heute ebenso wie sein früher Tod. Trotz unheilbarer Krankheit arbeitete er bis zuletzt an seinen filigranen Radierungen: Blumen, Büsche, Bäume in verschwenderischer Fülle und Vielfalt, blühend, verletzt, abgestorben. Werden und Vergehen. Nicht wie es dem Kreislauf der Natur entspräche, sondern Willkür und Ignoranz des Menschen entspringt.

Dies ist eine Botschaft für den wachen Betrachter, dem sanften Maler und Mahner gemäß. Verlieren wir sie nicht aus den Augen.

Angelika Griebner in der Zeitung „Junge Welt“ vom 11. Januar 1991