Gerenot Richter:
Herbstlicht … die letzte Arbeit, die ich unter großen Schmerzen Ende August 1989 beendet habe. Leider gelang das Ätzen nicht, so dass die beabsichtigte Wirkung ausblieb (zu flau). Erst raufte ich mir die Haare, aber schließlich fand ich mich damit ab. Es blieb hier der etwas dekorative Radierduktus unverändert durch Ätzstufen. Dürer war diesmal nicht einbezogen, statt dessen verwob ich Barlachs Paar, das für meine Frau und mich große Bedeutung besitzt. Wir erwarben die in Böttgersteinzeug abgeformte Plastik aus Meißen Weihnachten 1988. Man hat in Meißen die Form wiedergefunden und einige Abgussversuche gemacht.
aus einem Brief an den Kunsthistoriker Matthias Mende vom 22. November 1989
Gisold Lammel:
„Herbstlicht (für Ingeborg) schloss sich an die Folge der Großen Gleichnisse an und griff nochmals Leitmotive von Gerenot Richters Kunst auf: Bäume als Sinnbilder des Lebens, die Schlossgartenmauer als Ausdruck kreativer Arbeit und Zeichen eines abgeschlossenen Lebensbezirks und das zitierte Kunstwerk als Gleichnis und Ehrung. Ein für ihn charakteristischer Dialog mit Natur und Kunst erfolgte hier, Nachdenken auch über sein und anderer Leben. Erinnerungen an den Schlossgarten von Neschwitz brachte er hier mit Eichen in Verbindung, die er als Verbeugung vor seinem langjährigen Vorbild, dem Eichen-Kolbe ins Bild gab.
Das auf einer Bank ruhende Paar ist nach Ernst Barlachs Schlafenden Vagabunden (1912, Böttger-Steinzeug) gestaltet. Wenige Monate zuvor hatten er und seine Frau eine in der Meißner Manufaktur ausgeformte Fassung dieses Werks erworben, nicht zuletzt wegen der harmonischen Zweisamkeit, die diese einprägsame Gruppe ausdrückte.
Richter widmete das Blatt seiner langjährigen Lebensgefährtin, ihr auch auf diesem Wege dankend. Diese großformatige Arbeit, unter Aufbietung der letzten Kräfte geschaffen und leider etwas zu schwach geätzt, wurde der Schlussstein im Gewölbe seines Oeuvres.“

Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Erläuterungen zur Werkgruppe […]
Ein Fensterbild als Sinnbild für Hoffnung und Sehnsucht. Draußen vor dem Fenster steht der Dudelsackpfeifer aus einem Kupferstich Dürers von 1514 inmitten einer winterlichen Landschaft, drinnen auf dem Fensterbrett ein welkes Blatt, blühender Ritterstern, treibender Rhabarber und ein Schneckenhaus, alles Sinnbilder in einem großen Gleichnis: Werden und Vergehen, Ausgesetztsein und Geborgenheit und der schöpferische Mensch eingebettet in den Lauf der Geschichte.
Volkhard Böhm
In der Kaltnadelradierung „Frühling mit A.D.“ von 1982 tritt der Betrachter vor das Fenster und begegnet dem Blick eines Dudelsackpfeifers, der da am kahlen Baum lehnt und volkstümliche Weisen spielt. Er entstammt dem frühen 16. Jahrhundert, genauer gesagt, einem Stich Dürers aus dem Jahre 1514. Es handelt sich gewissermaßen um eine Kunstbegegnung in doppelter Weise: mit einem Musizierenden und zugleich mit einer Kunstfigur. Die zunächst sonderbar anmutende Gestalt bringt sozusagen ein Ständchen, grüßt aus der Vergangenheit herüber. Oder weist sie auf den Abgesang alles Überlebten, oder verabschiedet sie nur den Winter? Oder kündet sie „Neues“ im alten Gewande an?
Auf sonnigem Fensterbrett stehen blühender Ritterstern und treibender Rhabarber, daneben windet sich ein dürres Blatt aus dem verwichenen Jahr, Zeitlichkeit und Vergänglichkeit andeutend. Daneben liegt ein Schneckenhaus als Sinnbild der Geborgenheit. Das Stillleben beschreibt im Vordergrund eine Wellenlinie, die nach Auffassung des englischen Malers und Grafikers William Hogarth die Linie der Schönheit ist.
Natürlich steht dieser Fensterausblick in einer langen künstlerischen Tradition. Im 19. Jahrhundert kamen sogenannte Fensterbilder häufig vor. Und damals wie heute wird mit dem in ihnen gestalteten Verhältnis von Innenraum und Außenwelt auch das von Individuum und gesellschaftlicher wie natürlicher Umwelt reflektiert. Häufig wurden gerade mit dem Motiv des geöffneten Fensters Hoffnungen und Sehnsüchte angedeutet. Auch diese Radierung lässt sie anklingen und darüber hinaus Freude über einsetzende Erneuerung, die der beginnende Frühling verheißt. Richter machte hier das Dürerzitat zum Angelpunkt der Komposition. Schon nach flüchtigem Blick wird die entliehene Bildfigur be- und hinterfragt. Sie bewirkt die seltsame Begegnung und lässt an ein historisches Genrebild denken.
Gisold Lammel
Erläuterungen zur Werkgruppe […]

Erläuterungen zur Werkgruppe […]
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Erläuterungen zur Werkgruppe […]
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